Kategorie: Allgemein

Tischgespräch mit –

Bernhard Bohnenberger

Ein Gespräch über alte Hotel-Hierarchien, intelligenten Luxus, große Krisen,
rettende Zufälle und wie ein Pegasus für neue Stabilität sorgte.

Im dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch und in auf Hochglanz polierten Schuhen sieht Bernhard Bohnenberger ganz fremd aus. Wenn wir uns sonst treffen, trägt er kurze Hosen, ein helles Leinenhemd und ist in der Regel barfuß unterwegs. Ich muss zweimal hinschauen, bevor ich ihn erkenne. Für unser Gespräch haben wir uns im altehrwürdigen Hotel Plaza Athénée in Paris verabredet. Bei der Begrüßung unter dem schweren Kronleuchter in der Eingangshalle spüren wir den strengen Blick des Concierge im Rücken und müssen beide schmunzeln. Bernhard Bohnenberger, den alle nur BB nennen, ist President von Six Senses, den wundervollen Luxusresorts mit Dependancen in der ganzen Welt, in die ich als Reisedesignerin schon seit vielen Jahren meine Kunden schicke. Dort geht es so ganz anders zu als hier in Paris. Das Abendessen wird am Strand, im Baumhaus oder im romantischen Weinkeller serviert, die Kleiderordnung ist super casual, die Angestellten kümmern sich mit Hingabe um ihre Gäste, aber nicht unbedingt immer streng um die Etikette. Kürzlich bat BB den Premierminister von St. Kitts, den Vertrag für den Standort eines neues Strandresorts nicht am Schreibtisch, sondern mit den Füßen im Meer zu unterschreiben. Das Foto davon spricht Bände. Der Herr Premierminister wird dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen. Sie sind verwundert, dass ausgerechnet der Mann, der für dieses unkonventionelle Konzept steht und dem keine Idee zu verrückt ist, mein Gesprächspartner zum Thema Stabilität ist? Meine Antwort: gerade deswegen!

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Wir feiern heute Premiere. Das hier ist unser erster hochoffizieller Business Lunch. Dabei kennen wir uns schon seit so vielen Jahren. 1991 habt ihr mit Six Senses angefangen …

BERNHARD BOHNENBERGER: … und du hast etwa ein Jahr später C&M Travel Design gegründet. Damit warst du die Erste, die auf dem deutschen Markt maßgeschneiderte Luxusreisen angeboten hat. Du hast unsere Resorts für deine Kunden entdeckt, als uns noch niemand kannte. Das war mutig.

STEPHANIE: War es nicht, ich war ja zuvor bei euch und hatte mich persönlich überzeugt, dass das, was ihr da auf die Beine gestellt hattet, großartig war. Ihr habt in der Zeit den Barfußluxus erfunden und die Malediven für den gehobenen Tourismus überhaupt erst interessant gemacht. Vorher gab es auf den Inseln nur kleine Hütten ohne fließendes Wasser und zum Abendessen täglich Leipziger Allerlei aus der Dose. Das ist lange her, ich bin erstaunt, dass wir beide immer noch die gleiche Firma auf der Visitenkarte haben.

BB: 27 Jahre in einem Unternehmen zu arbeiten, ist in unserer Branche wirklich super selten. Aber Six Senses ist meine Familie, meine Lebensaufgabe. Es ist genau das, was ich immer machen wollte.

“WER DURCH DIE TÜR KOMMT, DER
BETRITT EINE ANDERE WELT.”

Bernhard Bohnenberger

STEPHANIE: Die Leidenschaft für die Hotelbranche wurde dir ja bereits in die Wiege gelegt. Du stammst aus einer großen Schweizer Hotelierfamilie und hast an der altehrwürdigen Hotelfachschule in Lausanne gelernt.

BB: Danach war ich im Vierjahreszeiten in München, im Baur au Lac in Zürich, im Hilton in Genf und in Hongkong, als das Hilton noch zu den Besten gehörte. Aber je tiefer ich in dieses traditionelle Hotelbusiness eintauchte, desto klarer wurde mir: Das ist nicht meins.

STEPHANIE: Warum?

BB: Weil ich selber ungern in solchen Hotels lebe. Da wird alle fünf Jahre mal ein wenig renoviert, und ansonsten macht man sich Gedanken darüber, welche Promotion man für die Nachsaison noch schnell bewirbt und was man zu Weihnachten auf die Beine stellt. Konzepte von anno Tobak. Ich wollte mehr als das. Ich wollte es anders machen, ganz anders!

Am Nachbartisch wird gerade der Wein verköstigt, wir schauen dem livrierten Kellner zu, der ganz gemäß alter Schule den linken Arm hinter dem Rücken platziert und mit rechts leicht gebeugt das Glas füllt. Hmmm, denke, ich weiß was er meint.

STEPHANIE: Mit Six Senses hast du dir quasi deine eigene Hotelwelt geschaffen. Ihr habt damals wie heute völlig neue Konzepte kreiert. Anstatt opulenter Suiten wurden Pavillons gebaut mit Privatsphäre und XXL DayBeds, aus engen Spa- Kabinen wurden Erlebniswelten und aus langweiligen Restaurants Live-Küchen. Damit habt ihr die Hotelszene revolutioniert.

BB: Einem klassischen Hotel geht es in erster Linie darum, Zimmer zu verkaufen. Unsere Herangehensweise war und ist ganz anderes. Wir wollen, dass die Menschen nicht nur ausgeschlafen, sondern auch mit wundervollen neuen Erfahrungen zurückreisen.

STEPHANIE: Ihr habt quasi den Trend gesetzt und seid ihm nie gefolgt. Das hat Spaß gemacht, aber auch viel Kraft gekostet.

BB: Schon, aber wir waren uns absolut sicher, dass wir den richtigen Ansatz verfolgen. Wir haben einfach von uns selbst auf andere geschlossen und so unsere Vision entwickelt: Wer findet es schon cool, um die halbe Welt zu fliegen, um dann abends im Cocktailkleid unter einem Kronleuchter zu sitzen und Austern aus der Bretagne zu schlürfen? Hier in Paris in der Avenue de Montaigne passt das. Aber im Indischen Ozean eben nicht. Wir verzichten dort also auf importierte Foie Gras und Lachs, stattdessen servieren wir lokale Speisen. Das schont die Umwelt, ist gesünder für die Gäste und spart uns sogar noch Geld.

STEPHANIE: Umwelt- und Tierschutz waren bei euch von Anfang an Teil des Konzepts. Dafür hat man euch damals als Ökos verspottet. Man nannte euch Tree-Huggers.

BB: Dabei war unser Engagement gar nicht rein idealistisch. Die Menschen fahren auf die Malediven wegen der schönen Natur über und unter Wasser. Da ist es doch nur logisch, dass ich mich als Hotelier dafür einsetze, dass das Ökosystem intakt ist. Es fördert nicht gerade das Urlaubsfeeling, wenn man Zeuge wird, wie taiwanesische Fischer den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen abschneiden oder Schildkröten brutal abgeschlachtet und als Suppenfleisch nach China verkauft werden. Wir haben da an höchster Stelle bei der Regierung angesetzt und eine Kampagne gestartet. Mit Erfolg. Auf den Seychellen, in Vietnam und an vielen anderen Orten versuchen wir, das Ökosystem nicht nur zu schützen, sondern es aktiv wiederherzustellen. Da haben wir – zusammen mit Experten – alle Pflanzen, die durch fremde Siedler eingeschleppt worden waren, entfernt und ursprüngliche Spezies wieder angesiedelt.

STEPHANIE: Auch dass bei euch das Personal sehr viel fröhlicher und ungezwungener mit den Gästen umgeht, ist kein Zeichen von Laisserfaire, sondern ist Teil der Philosophie?

BB: Unbedingt. Was mich an der alten Hotellerie immer extrem stört, ist diese künstliche Atmosphäre und der Militärdrill, der dort vorherrscht. Alles funktioniert hierarchisch, man darf keinen Spaß bei der Arbeit haben. Gebrülle und Geschimpfe gehören dazu. Wenn der Liftboy nicht vor seinem Chef zittert, dann stimmt was nicht. Was soll das? Das spürt auch der Gast, und das passt so gar nicht in ein entspanntes Umfeld. Mir sind Mitarbeiter mit einer positiven Grundhaltung lieber als solche mit viel Wissen und Arroganz.

STEPHANIE: Die Idee des intelligenten Luxus ist das Fundament eures Erfolgs. Ihr habt damals recht schnell und stark expandiert und auch Konzepte wie Soneva und Evason vorangetrieben. 2012 gingen die Marken, mit recht kräftigem Getöse innerhalb der Branche, auseinander. Warum seid ihr da ins Straucheln geraten?

BB: Der Hauptinvestor, dem sehr viele Hotels gehörten, war auch in das Management eingebunden. Als er, aus Gründen die nichts mit unserem operativen Geschäft zu tun hatten, in finanzielle Schwierigkeiten kam, hat er uns sozusagen mitgerissen.

STEPHANIE: Ihr habt die Krise als Chance genutzt, euch einen neuen Investor gesucht und euch völlig neu aufgestellt.

BB: Heute ist Six Senses eine reine Management- Gesellschaft. So wie die meisten Marken, die man kennt, etwa die Hotels Four Seasons, Hyatt, Marriott oder Hilton, gehören uns die Häuser nicht. Wir schließen Verträge mit den Besitzern ab, die meistens über 40 Jahre oder noch länger laufen, und konzentrieren uns auf unsere Arbeit.

STEPHANIE: Pegasus, der Private-Equity-Fonds aus den USA, ist heute euer Haupteigentümer. Du und einige weitere Führungskräfte behielten ihre Anteile. Wie kam es dazu?

BB: Das war absoluter Zufall. Wir hatten schon mit einigen Investoren gesprochen, als eines Tages ein Direktor von Pegasus zum Honeymoon in eines unserer Resorts reiste. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte uns, das diese globale Kapitalgruppe 2,5 Milliarden Dollar verwaltet und sich auf die Geschäftsfelder Nachhaltigkeit und Gesundheit konzentriert. Bislang hatten sie Superfood, Naturmedizin und Müll-Recycling im Portfolio, aber noch keine Hotels. Da waren wir die Ersten, aber passten perfekt rein.

STEPHANIE: Private-Equity-Fonds sind ja auch manchmal umstritten. Sie lassen ihren Zögling fallen, wenn er nicht schnell genug marschiert.

BB: Wir haben von Anfang an klargemacht, dass wir die Firma restrukturieren wollen und dass wir dafür viele Millionen und auch Zeit brauchen. Unser Ziel war es, unser Profil zu schärfen und vom Wildwuchs der vergangenen 20 Jahre zu befreien, um dann mit frischer Kraft global wachsen zu können. Wir haben ihnen ganz offen gesagt, dass sie vier bis fünf Jahre Geld reinstecken und nichts rausholen werden. Diese Zeit ist jetzt vorbei, und es dreht. 2018 machen wir Profit.

STEPHANIE: Was habt ihr verändert?

BB: Vieles lief in der Vergangenheit zwar erstaunlich gut, aber war doch recht chaotisch organisiert. Wir haben im Finanz- und Personalwesen, im Bereich Technik und beim Training unserer Leute professionelle Strukturen geschaffen, die das Kreative aber nicht ersticken, sondern fördern. Viele Veränderungen sind ganz profan – so wie eine neue Website oder ein neues Computersystem, das Karteikästen und Zettelwirtschaft abschafft. Viele Mittelständler werden diese Probleme kennen. Es ist kein Teufelswerk, die Strukturen zu ändern, aber es kostet Zeit und Geld, das anzugehen.

STEPHANIE: Ihr habt heute ganz offiziell einen Vizepräsidenten für Nachhaltigkeit.

BB: Seine Aufgabe ist es, die Ökobilanz zu verbessern und so am Ende Kosten einzusparen. Wir sind heute an all unseren Standorten fast plastikfrei, und in Fidschi setzen wir erstmals zu 100 Prozent auf Solarenergie.

STEPHANIE: Pegasus hat euch also – genau wie es der Name verspricht – Flügel verliehen, und jetzt seid ihr bereit, in den Hotel-Olymp aufzusteigen? Mir ist, als würde täglich ein neues Six Senses irgendwo auf der Welt aufmachen.

BB: Es tut sich was, wir expandieren. Derzeit gibt es international 15 Hotels und 32 Spas, die unter unserem Namen firmieren. 37 neue Projekte sind unterschrieben, bei 100 weiteren sind wir im Gespräch.

STEPHANIE: 100! Habt ihr keine Angst, den Überblick zu verlieren?

BB: Ich bin mir sicher, dass wir jetzt, in der Kombination aus lang erprobter Philosophie und den entsprechenden finanziellen Mitteln, eine so große Stabilität hergestellt haben, dass wir uns da keine Sorgen machen müssen. Außerdem werden aus den 100 Gesprächen am Ende nur zehn oder zwanzig reale Projekte. Aber ich sehe es als ein großes Kompliment und ein gutes Zeichen, dass unser Konzept offenbar überzeugt. Früher war Six Senses ein unbekanntes Nischenprodukt. Wenn ein Besitzer heute ein neues Management sucht, dann stehen wir auf der Liste neben den großen Playern wie dem Mandarin Oriental oder Four Seasons. Das ist schon was.

STEPHANIE: Die Liste eurer neuen Destinationen liest sich fantastisch: Kambodscha, Indien, China, Bhutan. Wahnsinnig spannende Resorts, aber ihr verfolgt gleichzeitig auch ein völlig neues Konzept. Six Senses wird urban.

BB: Six Senses ist eigentlich ja viel mehr als ein Hotel, es ist ein Lifestyle. Wir wollen unsere Gäste nicht nur einmal im Jahr, sondern so oft wie möglich in unsere Welt der sechs Sinne entführen. Dafür bringen wir die Six-Senses-DNA in die City.

STEPHANIE: Euer erstes Stadthotel ist das Duxton in Singapur. Das hat erst vor zwei Monaten eröffnet. Was unterscheidet euch da von einem hübschen Boutique-Hotel?

BB: Wer durch die Tür kommt, der betritt eine andere Welt. In den City-Hotels geht es entspannt und ohne große Formalitäten zu. Wir haben keinen Dresscode, auch die Einrichtung ist nicht pompös. Wir setzen auf viel Grün und unterstreichen die lokale Kultur. Wer im Duxton ankommt, der bekommt am Check-in erst einmal eine chinesische Puls-Diagnose und einen darauf angepassten Kräutersaft als Begrüßungsdrink. Wer Lust hat, der kann sich an der Alchemiebar seine eigene Zahncreme oder eine Gesichtsmaske mixen.

STEPHANIE: 2020 wollt ihr in New York eröffnen.

BB: Neben dem Hotelbetrieb mit 130 Zimmern werden wir 250 Appartements im Paket mit dem Six-Senses-Konzept verkaufen. Die Wohnungen haben eine gesunde Klimaanlage mit bester Luft, die Wasserqualität wird hervorragend sein, und die Baustoffe sind aus Naturmaterialien. Dazu kommt der Service. Wir organisieren das Housekeeping, einen Babysitter, einen Chauffeur, füllen den Kühlschrank mit frischem Gemüse, das wir selber auf dem Dachgarten anbauen – und das mitten in Chelsea, zwischen der 17. und der 18. Straße!

STEPHANIE: Mit diesem Konzept geht ihr ebenfalls global?

BB: Wir sind in Gesprächen über London, Paris, Tokio, San Francisco, Shanghai und Bangkok.

STEPHANIE: Bangkok ist deine Homebase.

BB: Schon seit 1991. Eine Stadt, in der sich viel bewegt. Für einen Querdenker wie mich das perfekte Zuhause.

STEPHANIE: Wir haben über die neue Stabilität bei Six Senses gesprochen, wer gibt dir die privat?

BB: Ich habe einen wunderbaren Partner an meiner Seite, mit dem ich seit 22 Jahren zusammen
bin. Das ist mein emotionaler (Equity) Fonds.

Die Zeit mit BB ist wie im Flug vergangen. Nach dem gemeinsamen Essen schlendere ich durch die Lobby des Plaza Athénée. Im Wintergarten wird gerade der Tee serviert. Aus silbernen Kannen schenken die Kellner Earl Grey aus, auf den Etageren sind zauberhafte Petit Fours und Macarons in zarten Pastelltönen drapiert. Vor dem Fenster sitzt eine Harfenistin in einem hochgeschlossenen, dunkelblauen Kleid, der warme Klang ihres Instruments umhüllt die Gäste. Eine perfekte Inszenierung. Alles passt. Ich bleibe stehen, lausche und fühle mich dabei ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Irgendwie hat das doch was, und hier passt es auch hin.

 

Japan ist ein Land der Perfektionisten. Nirgendwo sind die Parks so aufgeräumt, die Strassen so sauber und das Essen auf dem Teller so akkurat angerichtet wie hier. Selbst der Vulkankegel des heiligen Mount Fuji ist so perfekt geformt, dass er einmalig auf der Welt ist. Das ist faszinierend – aber manchmal ist der japanische Lifestyle auch einfach nur maximal verwirrend.

Ein spannender Roadtrip von Osaka bis Tokio.

Auf dem Bahnsteig an Gleis 2 steht ein Mann in dunkelblauer Uniform und regt sich nicht. Die Hände stecken in weissen Handschuhen und sind akkurat an die  Hosennaht  gelegt,  seine Füsse hat er parallel zu den grauen Fugen der Fliesen ausgerichtet. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen  starrt er auf die Anzeigentafel neben der Rolltreppe. 14:00 Uhr. Die S-Bahn fährt pünktlich ein, der Mann dreht sich um 90 Grad. Als wir einsteigen, verbeugt er sich tief. Auch die anderen Passagiere, die an diesem Mittag vom Flughafen Osaka in die Stadt fahren wollen, werden so formvollendet verabschiedet. Einer nach dem anderen steigt ruhig und ohne zu drängeln in den Zug. So haben wir es uns vorgestellt. Japan – das Land, wo Höflichkeit, Respekt und Pünktlichkeit die wichtigsten Säulen der Gesellschaft sind. Die Türen schliessen und wir sind froh, dass wir auch ohne englische Beschilderung den richtigen Zug erwischt haben. Jetzt kann das Abenteuer beginnen. Und wir sind bereits mittendrin: Eine junge Frau läuft zügig durch das Abteil. Ihr Blick schweift über den Boden. Plötzlich bückt sie sich blitzschnell, hebt einen winzigen Papierschnipsel auf,  steckt  ihn in die Handtasche und sucht weiter.  Eine  Verrückte?  Nein,  sie ist Teil des Reinigungsteams der Bahn. Besen, Kehrblech oder Müllsack braucht sie für ihre Arbeit nicht. Hier kommt niemand auf die Idee, seinen Kaffeebecher einfach auf den Boden zu schmeissen oder seine Zeitung auf dem Sitz liegen  zu lassen – wir sind schliesslich in Japan!

Und um es gleich vorwegzunehmen, als Reisedesignerin bin ich rund hundert Tage im Jahr in der ganzen Welt unterwegs. Ich schaue,  lerne,  staune,  erlebe.  Vor  einigen  Jahren  war  ich schon einmal in Japan. Erstaunlicherweise war es  das  erste und einzige Land, in dem ich tatsächlich ein bisschen Heimweh hatte und gleichzeitig tiefste Faszination erlebte. So fremd und doch so lieblich, so irritierend, so westlich modern und im selben Atemzug unglaublich traditionell und exotisch. Es ist ein Land, das einen herausfordert.

Dieses Mal habe ich es besser geplant, ich reise nicht alleine – mit im Gepäck: Gaby Herzog, eine gestandene Journalistin. Weltenbummlerin, Weltversteherin und viel geländefähiger für eine Kultur, die mir so  total  fremd  ist.  Gaby  war  noch nie in Japan und ist total aufgeschlossen und voller Vorfreude. Eine perfekte Kombi: Ich bin zuständig für die Logistik und das Erleben, sie für den kulturellen und geschichtlichen Background und für die Völkerverständigung. Unsere Route führt uns in zwei Wochen von Osaka bis nach Tokio. Und zwar auf eigene Faust, mit dem Mietwagen. Auf diese verwegene Idee kommen in Japan wohl nur wenige Touristen. Wie exotisch das Vorhaben ist, uns hier in den Verkehr zu stürzen, merken wir auch schon an der Reaktion der Dame bei der Autovermietung.

Als wir mit unseren Koffern über den Parkplatz auf ihren Bürocontainer zurollern, kichert sie verlegen, schliesslich spricht sie kaum englisch. Das Übernahmeprotokoll ist auf Japanisch (jetzt kichern wir verlegen und unterschreiben)  und auch das Navigationsgerät in unserem Toyota lässt sich nur bedingt auf Englisch umstellen. Die Knöpfe, auf denen vermutlich «O. K.», «alternative Route» und  «Lautstärke» steht, sind mit japanischen Zeichen beschriftet. Gut, dass wir vorher eine Offline-Karte auf unsere Handys geladen haben.

Beschwingt davon, dass wir so gut vorbereitet sind und vielleicht auch noch nicht ganz zurechnungsfähig wegen des Jetlags, machen wir uns auf den Weg.  Unser  erstes  Ziel  ist die private Villa von Mr. Matsubayashi, zwei Stunden Fahrt von Osaka entfernt. Orte wie diese gibt es in Japan nur  selten. Das Bauernhaus mit  einem  traditionellen  Schilfdach liegt in den Bergen,  in  der Nähe  von  Nara.  Vor  dem  Haus ist ein wunderschöner japanischer Garten angelegt. Der Kies rund um die kleinen, knorrigen Kiefernbäume ist akkurat geharkt. Vor dem Teehaus gurgelt ein Wasserspiel, im Hintergrund Berge, die zum Ende des Jahres  in  das  prächtige Rot des Fächerahorns gefärbt sind. Der Herbst ist nach der Mandelblüte im Frühjahr wohl die schönste Reisezeit.

Herr Matsubayashi bittet uns die Schuhe vor der Tür auszuziehen und reicht feierlich zwei Kimonos und seidene Tobi-Socken (Fäustlinge für die Füsse).  Auf  denen  sollten  wir im Wohnzimmer laufen, während es im WC unverzichtbar sei, ausserdem in die dort bereitstehenden  Badschuhe  zu schlüpfen. Das Einhalten der alten Bräuche ist unserem Gastgeber ein tiefes Anliegen. Herrn Matsubayashi und der Völkerverständigung zuliebe quetsche ich mich also brav in Schuhgrösse 36 (41 wäre passender) und tipple in kleinen Schritten durchs Bad. Das Herz unserer Unterkunft ist das Wohn- und Schlafzimmer mit einer «Irori»-Feuerstätte. Die Einrichtung ist einfach und reduziert. Westliche  Designideen hat der Hausherr bewusst ferngehalten. «Es  geht  um die Balance von Zivilisation und Natur, Stadt und Land, Fortschritt und Glück», erklärt er. «Hier soll der Geist die Möglichkeit haben, zur Ruhe zu  kommen.» Der  Boden  ist  mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die einen angenehmen Duft verströmen. Die Wände sind aus Lehm und die Türen mit Papier bespannt. Es gibt weder Stühle noch ein Sofa und  sogar das Bett fehlt. Matsubayashi interpretiert meinen  suchenden Blick richtig: «Keine Sorge, die Futons liegen im Schrank da drüben und werden abends für Sie ausgerollt.»

In den nächsten Tagen weisen uns Herr Matsubayashi und seine Frau in die japanische Lebensart ein. Dazu gehört natürlich Shabu Shabu – japanischer Feuertopf. Über den glühenden Kohlen, die auf den Sand in der Feuerstelle im Wohnzimmer geschüttet werden, wird eine heisse Brühe gekocht. Mit unseren Stäbchen nehmen wir hauchdünn geschnittenes Rinderfilet von einem Teller und tauchen es in die aromatische Suppe. «Schwing hin, schwing her – Shabu Shabu»,  nach zwei Sekunden ist das Fleisch gar und wird in würzige Sesamsauce getunkt. Dazu gibt es Gemüse und Pilze. Ein leichtes und extrem leckeres Abendessen!

Am Morgen müssen wir früh raus. Unser Gastgeber ist praktizierender Yamabushi-Mönch und hat angeboten, uns an die heiligen 48 Wasserfälle von Akame zu führen. Die Wanderung im Frühnebel, entlang des Flusses, beginnt er mit einem kräftigen Stoss in das Horagai, das grosse Muschelhorn. Mit diesem tiefen, mystischen Ton, der noch lange an den Felswänden widerhallt, begrüsst Mr. Matsubayashi den Wald. Dann spricht er leise seine Sutras, die uralten Ferse.

Wir sind wie verzaubert von  diesem  spirituellen  Ausflug und sehen unseren Gastgeber mit neuen Augen. Er eröffnet uns Einblick in ein Japan, wie es die meisten Japaner schon nicht mehr kennen. Unser Staunen  ist  für  Herrn  Matsubayashi  ein  Ansporn. Am Abend reserviert er einen Tisch in einem Restaurant im Nachbarort. Der Sushimeister dort ist sein Freund. Für die Gäste aus Deutschland legt auch er sich  richtig  ins  Zeug.  Zwei Stunden lang landen fischige Delikatessen auf meinem Teller, vom Lachs über den Butterfisch bis zur Seegurke. Jeder Happen ist ein optisches und lukullisches Kunstwerk. Eigentlich bin ich kein grosser Fan von rohem  Fisch,  aber  hier mache ich eine Ausnahme. Erst als der Koch mit einem Köcher einige Garnelen aus dem Bassin holt und ihnen vor meinen Augen den Kopf abtrennt, verlässt mich mein kulinarischer Mut. Als der kopflose Leckerbissen dann auf meinem Teller zappelt und fast vom Reishäufchen hüpft, ist bei mir Schluss. Unauffällig bugsiere ich ihn auf den Teller meiner Mitreisenden. Ich möchte durch meine plötzliche Appetitlosigkeit niemanden verletzten. Gaby ihrerseits zuckt keine Sekunde, lächelt erfreut und rettet mich mit  einem  Happs  aus der Situation.

Nach zwei Tagen machen wir uns auf den Weg nach Kyoto, der alten Kaiserstadt. Auch hier ist alles so sauber und aufgeräumt, dass man immer den Eindruck hat, man wäre in eine perfekte kleine Spielzeugwelt geschrumpft worden. Am späten Nachmittag schlendern wir durch die Gassen von Gion. In diesem Stadtteil sollen die Geishas wohnen. In der Dämmerung machen sich die Frauen im Kimono, schwarzer Echt- haarperücke und den schneeweiss geschminkten Gesichtern auf den Weg zur Arbeit. Ihr Jobprofil lässt sich am ehesten mit Gesellschaftsdame übersetzen. Sie unterhält Männer beim Abendessen, auf Partys und bei Cocktail – Empfängen, animiert sie zu Trinkspielen, spielt die Langhalslaute. Das kostet rund 3’000 bis 5’000 Euro pro Person an einem Abend. Auch wenn man bei den Preisen andere Erwartungen haben könnte – mit Prostitution hat das angeblich nichts zu tun. Aber mit Emanzipation auch nicht … Vielleicht ist das der Grund, warum es heute nur noch 200 Geishas in Kyoto gibt? Früher sollen es fast 18’000 gewesen sein.

Fakt ist: wir sehen keine. Mehrfach schon haben wir unsere Handykameras gezückt, weil eine Frau im Kimono auf ihren (extrem unbequemen) Holzpantilen an uns  vorbeitippelt. Aber schnell erkennen wir, dass es sich dabei um Touristinnen handelt, die sich für rund 3’000 Yen (24 Euro) in einem der vielen Kostüm-Verleihe für ein paar Stunden in die traditionelle Tracht kleiden lassen. Am nächsten Tag sehen wir dutzende junge Damen, die so herausgeputzt sind, vor den spektakulären Sehenswürdigkeiten für ein Erinnerungsfoto posieren.

16 Tempel, Schreine und Burgen in Kyoto stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Die alle zu besuchen ist für uns in der kurzen Zeit unmöglich. Darum lassen wir Herrn Watanabe, unseren Guide, die Auswahl treffen. Er bringt uns zur Goldenen Pagode, zur Pagode des Ninna-ji Tempels und zum Zen-Tempel Ryõan-ji mit seinem berühmten Steingarten, über den schon Queen Elizabeth besonders «amused» gewesen sein soll. Grossartig! Hochkultur!

Leider sind all diese Orte  sehr  voll.  Den  Japanern  macht das nichts aus. Während wir Westler uns  gerne  der Illusion hingeben, wie Robinson Crusoe als erste Besucher einen Ort zu entdecken, ist  das  bei den  Japanern  ganz  anders. Die Anwesenheit besonders vieler Touristen ist für sie ein Zeichen dafür, dass es sich um eine besonders spektakuläre Sehenswürdigkeit handeln muss, und die will man sich natürlich ansehen. Dass es voll ist, wird also positiv gewertet, als «tanoshii». Das bedeutet so viel wie «lustig» und ist eine besondere Auszeichnung.

Ein paar Stunden lang bewegen wir uns, ganz japanisch «lustig» mit dem Strom. Im Bambushain von Arashiyama ist Mr. Watanabe sogar in der Lage, ein Foto von mir zu machen, das Waldeinsamkeit suggeriert, obwohl sich die  Besucher  hier  auf die Füsse treten. Aber irgendwann reicht es. Pause bitte!

Herrn Watanabe wundert unser Ruhebedürfnis zwar, aber hat sofort eine Idee. Fünf Minuten später halten wir auf dem einsamen Parkplatz des Otagi-Nenbutsu-ji-Tempels. Kein Mensch weit und breit. Dafür begrüssen uns die freundlichen Blicke hunderter kleiner, aus Stein gehauener Buddhas, von denen einer verrückter aussieht als der andere. Die kahlköpfigen Figuren gehen den unterschiedlichsten Hobbys nach. Der eine trägt einen Tennisschläger im Arm, der andere Boxhandschuhe, ein Buddha mit Brille liest, der daneben spielt Saxophon.

Dieser Tempel, so erklärt uns unser Guide, sei eigentlich schon zwölf Jahrhunderte alt. Doch nachdem er 1950 von einem Taifun verwüstet wurde, geriet er als Ruine in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren hatte  Kocho  Nishimura, ein buddhistischer Priester, der auch Bildhauer von Beruf war, die verrückte Idee: Er bot Gläubigen an, gegen eine Spende eine Buddhastatue für die Anlage nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Clever!

Unser letzter Stopp für den Tag ist der Fushimi-Inari-Taisha- Schrein. Er gehört zu den schönsten  Shinto-Schreinen  in ganz Japan. 794 nach Chr. wurde er errichtet und ist der Reisgöttin Inari gewidmet. Besonders markant sind seine Alleen aus tausenden «Torii», die sich  wie  ein  Lindwurm  den Berg hinaufschlängeln. Die Tore, die in warnwestenorange lackiert sind, wurden und werden bis heute von reichen Geschäftsleuten und Firmen gespendet. Sie wollen mit ihren Gaben die Götter um Erfolg bitten. Damit die Götter auch wissen, wen sie unterstützen sollen,  sind  die  Namen  der Spender auf die Hinterseite der Pfähle geschrieben. Am Wegesrand entdecken wir eine Preisliste: Das kleinste  Tor, das aufgestellt wird, kostet 175’000 Yen. Das sind umgerechnet rund 1’400 Euro – diese Summe hat man in Japan zwar schnell ausgegeben, aber dennoch entscheiden sich die meisten Besucher dann doch für ein Miniatur-Tor. Das kostet nur 10 Euro. Auf die Rückseite schreibt man seine Wünsche und hängt es an eine Stellage.

Nach drei Tagen intensiven Sightseeings wird es Zeit für Entspannung. Wir fahren in den Ise-Shima National Park und besuchen ein kleines, edles Resort, das an der malerischen Ago-Bucht liegt. Für 24 Stunden geben wir uns dem süssen Nichtstun hin, baden im warmen Thermalbecken, geniessen die malerische Küstenlandschaft.

So erholt machen wir uns dann auf den Weg zu den  Amas,  den Meerfrauen. Wir haben uns zum Mittagessen  angemeldet und betreten eine mit schwerem Rauch gefüllte Holzhütte. Vor dem offenen Feuer kniet eine Frau mit weissem Kopftuch, weisser Bluse und einem karierten Rock. Sie legt neben grossen Seeschnecken auch eine Abalone auf den Grill. Diese Seeohren» sind wegen ihres besonderen Geschmacks und  der wunderschön schimmernden Perlmutt-Schale eine ganz besondere Delikatesse.

Masume Mihara hat sie selber geerntet. Die 70-Jährige ist aktive Apnoetaucherin. Jeden Morgen schwimmt  sie  mit ihren Kolleginnen raus aufs offene Meer und macht sich – ohne Sauerstoffflasche – auf die Suche. Bis zu 20 Meter tief können diese Frauen tauchen, einige halten die Luft bis zu eineinhalb Minuten an. Faszinierend! Warum Männer traditionell nicht nach Abalonen tauchen, wird  einfach  erklärt.  Sie haben weniger Körperfett, heisst es, da können sie die Kälte schlecht vertragen.

Nach dem vorzüglichen Essen beginnen die Amas rund um die Feuerstelle zu tanzen. Ich mache mir so meine Gedanken, ob diese betagten Damen tatsächlich da noch jeden Morgen rausschwimmen. Oder ist auch das, wie die Geishas, eine aussterbende Zunft, die hier eigentlich nur noch für den Touristen am Leben gehalten wird? Die Frage kann nicht gestellt werden – wir sind ja höflich –, also machen wir noch ein Abschiedsfoto mit den Damen in Tracht und verabschieden uns.

Unser nächster Halt ist ein Ryokan, ein traditionelles Gasthaus und ein Muss auf jeder Japanreise. Die meisten dieser edlen Häuser haben einen Onsen, eine heisse Badestelle mit Wasser aus einer Thermalquelle. Japan liegt auf dem pazifischen Vulkangürtel und hat alleine 110 noch aktive Feuerberge, daher finden sich diese Onsen fast überall im Land.

Das Empfangskomitee hockt auf Knien und ist beim Ausziehen der Schuhe behilflich, alles clean und unfassbar aufgeräumt. Später bringt uns das  Zimmermädchen  grünen  Tee in einer eisernen Kanne. Als sie eine Packung Zigaretten auf dem Tisch liegen sieht, erklärt sie uns höflich, dass auf der Terrasse Rauchverbot sei. Rauchen nur im Zimmer. Aha. Das habe ich ja noch nie gehört. Aber in Japan  wundert  mich nach neun Tagen nur noch wenig. Die Japaner ticken einfach anders als alle Völker, die ich auf meinen Touren erlebe. Das mag auch daran liegen, dass Japan erst  seit  der  Meiji-Ära,  vor 150 Jahren, Fremde auf die Insel lässt. In der Abgeschiedenheit vom Weltgeschehen haben sich viele eigene Regeln herausgebildet.

Nur ein Beispiel: Gastgeschenke. Die haben grösste Bedeutung. Dabei ist die Verpackung mindestens so  wichtig  wie der Inhalt. Nicht zuletzt deswegen, weil Geschenke nie  vor den Augen des Gastes ausgepackt werden. Das wäre unhöflich. Verschenkt werden neben Süssigkeiten  handgeschnitzte Zahnstocher, schönes Papier und blank polierte Riesenäpfel, die umgerechnet rund 20 Euro kosten (ein Apfel, nicht eine Kiste). Gut zu wissen ist auch, dass Präsente nie in weisses Papier gepackt werden. Die Farbe steht für Trauer. Auch Schleifen bringen Unglück, genau wie die Zahl Vier.

Fettnäpfchen gibt es in Japan so viele wie Regeln. Jede Begegnung in diesem Land ist wie ein ritualisierter Tanz mit höflichen  Verbeugungen,  Handbewegungen,  viel  Lächeln und immer wieder denselben Floskeln.  Japaner  betten  ihren Alltag in einen einzigen grossen Klangteppich aus Höflichkeiten. Für diese Art des perfekten Betragens gibt es ein Wort: «majime». Menschen, die «majime» sind, leben eine Mischung aus Perfektionismus und einem Saubermann- Image. Sie spielen stets nach den Regeln und versuchen, alles so exakt wie möglich zu tun.

In einem Onsen gibt es natürlich auch viel zu beachten. Tätowierte haben generell keinen Zutritt. Die Körperbilder sind in Japan das Erkennungs-Zeichen der Yakuza, der japanischen Maffia, und deswegen stockt braven Bürgern schon beim Anblick einer Rose am Bauchnabel der Atem …

Die Prozedur im Bad beginnt mit einem Reinigungsritual. Man sitzt auf Schemelchen und schrubbt sich, bis die Haut rot ist, und dann erst geht es ab in die kochend heisse Quelle. Ganz, ganz langsam lasse ich mich zentimeterweise ins Wasser gleiten. Zwei ältere Japanerinnen mit Duschhaube, die bereits im Onsen sitzen, lächeln mir aufmunternd zu. «This is like Shabu Shabu», sage ich, als ich eintauche. Die Damen stutzen kurz, dann prusten sie los und können sich vor Lachen kaum halten. Obwohl sie kein Wort Englisch sprechen – das haben sie verstanden.

So entschleunigt sind wir gewappnet für Tokio. Diese Megacity ist wie eine Geburtstagskarte mit Musik: Das Gedudel ist faszinierend und doch ist man froh, wenn man sie zwischendurch einmal zuklappen kann. Entsprechend wichtig ist,  dass  hier die Unterkunft stimmt. Für uns ist es das Mandarin Oriental. Wie in einem Adlerhorst thront man im 25. Stock über der Stadt. Von hier hat man einen grandiosen Weitblick bis zum heiligen Berg Fuji und kann sich immer wieder runter ins Getümmel stürzen.

Nach Shibuya zum Beispiel. Dort gibt es die berühmte Kreuzung, die die meisten schon einmal zumindest  im  Fernsehen gesehen haben. Bei Grün dürfen hier die Fussgänger aus allen Richtungen gleichzeitig gehen. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Am besten vom Starbucks Café im ersten Stock aus. Das ist kein Geheimtipp, sondern  hier  tummeln sich die Touristen. Kurz meldet sich meine kleine Klaustrophobie. Aber Gaby ist begeistert: «Das ist ja mal wieder richtig  ‹tanoshii›», stellt  sie  fest  und  zieht  mich  mit  in  das «lustige»  Getümmel.  Ich entspanne  mich  und  versuche  die Nummer mit japanischen Augen zu sehen. Das hilft. Je mehr Menschen da sind, desto grösser die Attraktion. Mit dieser Einstellung kann man dem quirligen Irrsinn tatsächlich etwas abgewinnen …

Als wir rausgehen, warten dort vor der Ampel zwölf Gokarts mit tuckernden Motoren. Die Fahrer tragen Tierkostüme, winken, hupen, machen Selfies … eine Stadtrundfahrt der anderen Art. Wir biegen in eine Seitenstrasse ab und landen im nächsten Rummel. Da gibt  es  Automatenläden  wie  auf  der Kirmes. Hier kann man seine Geschicklichkeit trainieren und versuchen, mit einer ferngesteuerten Zange ein riesiges gelbes Pokémon aus dem Glaskasten zu befreien. Im Laden nebenan stehen 100 Automaten. Anstelle von Kaugummis kann man hier so sinnvolle Dinge wie Hüte für Katzen oder Handyanhänger mit kleinen Sumoringern in Raumanzügen ziehen. Die Angebote richten sich nicht etwa an Kinder – die man in dem Land mit einer der  niedrigsten  Geburtenraten der Welt eh nur selten sieht –, sondern an Erwachsene.

Auch im Katzencafé – keine Kinder. Hier  muss  man  nicht  nur seine Getränke zahlen, sondern auch die Besuchszeit. Zehn Minuten zwei  Euro.  Schnell  ziehen wir  die  Schuhe aus, desinfizieren die Hände und dürfen dann mit  einer  Schar Katzen (sehr edel, sehr gelangweilt) in einem Raum sitzen. Wer die Miezen füttern will (kostet 5 Euro extra), der bekommt eine Schürze und Brekkies. «Müssen wir keine Handschuhe tragen?», fragt eine Frau. Nein, muss sie nicht. Die trägt man nur im Igelcafé …

Herrlich verrückt, dieses Tokio! Im Lift bemerkt Gaby, in den anderen Etagen gibt es noch mehr Cafés. Wir fahren  bis nach ganz oben. Im sechsten Stock landen wir in einem «GunCafé». Dort trinkt man seine Cola und isst Pizza, zwischendurch stehen die Gäste auf, gehen hinter eine Glaswand und schiessen mit einer Pistole  auf  einen  Pappkameraden.  Im fünften Stock: das Hospital Café. Die Bedienung trägt einen sehr kurzen, weissen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. In der vierten Etage ist  eine  kleine  Bühne  aufgebaut, auf der stehen sieben Mädchen, die tanzen und singen. Davor 50 Männer im Alter von 18 bis 80, die singen mit, tanzen die Figuren nach und haben Leuchtstäbe in der Hand, wie die Flugzeugeinweiser am Rollfeld. Damit feuern sie die jungen Damen an. What a World, Samstagmittag um 14.00 Uhr. Als die Autogrammstunde beginnt, flüchten wir in den Aufzug.

Im klassischen Sinne schön ist die Stadt nicht. Immer wieder wurde sie durch Feuersbrünste, Erdbeben und Bombenangriffe im 2. Weltkrieg zerstört. Alte Gebäude gibt es kaum. Aber dafür gefühlt alles andere. «Tokio ist ein Mosaik aus einigen grossen und unzählig vielen kleinen Steinchen. Wie man das Bild zusammensetzt, bleibt einem selbst überlassen.» Diesen Satz habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er stimmt. Das Nebeneinander von Subkultur und Hochkultur (Kaiserpalast, Asakusa-Tem- pel Sensoji, Nationalmuseum) ist atemberaubend. Selten sind so gebündelt so viele unterschiedliche Erfahrungen auf mich eingeprasselt, selten habe ich so viel gestaunt und so oft den Kopf geschüttelt und so viel gelernt.

«Warum gibt es eigentlich keine öffentlichen Mülleimer in Japan?», frage ich unseren Concierge am Abend. «Die  wurden aus  Sicherheitsgründen  1995  nach  dem  Giftanschlag der Aum-Sekte abmontiert», erklärt er. Und was machen die Menschen jetzt mit ihrem Müll? «Den nehmen sie  natürlich mit nach Hause», sagt er und nimmt meinen Pappbecher von Starbucks, den ich seit dem Morgen mit mir herumschleppe, entgegen und verbeugt sich dabei tief.

«Tanoshii». Lustig, dieses Japan.

Ein Anruf im September 2017. „Stephanie, you have to come to Rome“, rief mir Stefano Barbini euphorisch entgegen. So aufgekratzt hatte ich meinen langjährigen Freund, den Eigentümer der San Lorenzo Lodges, noch nie erlebt. Er konnte es nicht abwarten, dass ich mich ins nächste Flugzeug setzen würde, um mir seine neueste Entdeckung anzuschauen: „Das Liebesnest von Papst Innozenz X.“

Zwei Tage später stand ich in dem 350 Quadratmeter großen Apartment im 1. Stock in einem Prachtbau an der Piazza Navona. Ich staunte über die barocken Deckenfresken, die rosafarbenen Marmorsäulen die die Türen umrahmten, war verzaubert von dem Blick aus den 4,5 Meter hohen Fenstern auf den vielleicht schönsten Platz Roms. Ansonsten war das historische Gemäuer ziemlich herunter gewirtschaftet und abgewohnt. Doch trotz der Beleuchtung aus gleißend hellen Röhrenlampen und den ockerfarbenen Hochglanz-Fliesen im Bad konnte man sofort sehen: Dieser Ort ist außergewöhnlich!

1470 hatte ein gewisser Antonio Pamphilj das Haus im Zentrum der Ewigen Stadt gekauft. Sein Nachfahre war Giovanni Battista Pamphilj. Als dieser 1644 zum Papst gekürt wurde und den klangvollen Namen Innozenz X. wählte, gab er den Auftrag, das Anwesen auszubauen. Es sollte ein Symbol für die Macht seiner Familie sein und sein privater Rückzugsort werden. Der Star-Architekt Girolamo Rainaldi errichtete die Fassade – den großen Saal und die Ovaltreppe schuf Francesco Borromini. Natürlich gab es auch eine Verbindungstür zur Sant’Agnese in Agone, die der Papst kurzerhand zu seiner Hauskirche machte. Er schätzte wohl kurze Wege.

Die Wohnung wurde ein architektonisches Meisterwerk und der Papst machte sie seiner Schwägerin Olimpia Maidalchini zum Geschenk. Man munkelt, sie war nicht nur die Schwägerin… Ganz so „innocent“, wie der Name suggeriert, war der damals schon hoch betagte Pontifex dann wohl doch nicht.

‚Shall we buy it?’, fragten mich Stefano und seine Frau Giorgia mit glänzenden Augen. Eigentlich war die Antwort klar und die Entscheidung im Herzen schon längst gefallen. Trotzdem haben wir lange diskutiert. Wir haben versucht ganz rational und aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf das Projekt zu schauen. Schließlich wollten die beiden das Anwesen ja nicht privat nutzen, sondern es zu einem ganz besonderen, edlen Domizil für anspruchsvolle Weltenbummler restaurieren.

Am Ende des Abends, bei Fisch und frittierten Artischocken, in einem kleinen Restaurant im jüdischen Viertel von Rom, erschien uns das Palast-Projekt dann fast als eine logische Konsequenz. Das Paar betreibt mit seiner Lodge „White Deer“ in den Südtiroler Alpen und der „Blue Deer“, einem edlen Katamaran auf dem sie ihre Gäste durch das Mittelmeer schippern, schon zwei sehr erfolgreiche Projekte. Das „Holy Deer“ wäre da die perfekte Ergänzung.

Kaum ein Jahr später, Anfang Oktober 2018, verbringe ich die erste Nacht in den päpstlichen Gemächern. Ja, wie soll ich es richtig beschreiben? Opulent, unglaublich erlesen im Detail und völlig anders als ich es erwartet hatte. Für mich die wohl außergewöhnlichste „Suite“ Europas.

Warum? Wie mittelalterliche Alchimisten haben Giorgia und Stefano in dem Palazzo ihren Traum von Zeitlosigkeit, Schönheit und Perfektion verwirklicht und das Apartment mit viel Herzblut in die Gegenwart versetzt. Dabei sind die beiden Italiener zwei Menschen, die keine Kompromisse akzeptieren. Jede Tapete, jede Gardine, jede Wandverkleidung, jedes Möbelstück hat eine eigene bewegte und oft bewegende Geschichte.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Ankleidezimmer ist eine Hommage an Giorgias Großvater. Ihr Opa, Gaetone Savini, war der Gründer des Modelabels Brioni, das bis heute die wohl exklusivsten maßgeschneiderten Herrenanzüge der Welt produziert. Giorgia hatte die fixe Idee, die Schränke mit dem Innenfutter der ersten Brioni-Anzüge auszukleiden. Das erschien zunächst ganz und gar unmöglich. Nirgendwo war viel mehr als ein halber Meter aufzutreiben. Aber Giorgia hat nicht aufgegeben und schließlich einen Stoffhändler aufgetan, der eigentlich schon in Rente war. Gerührt von ihrem Enthusiasmus, stöberte er für sie auf seinem Dachboden und fand einen Ballen des grauen Kaschmir-Stoffes.

Besonders ist auch die Geschichte des Esstisches, dessen Platte mit wundervollen Intarsien aus buntem Marmor verziert ist. Ihn entdeckten die Barbinis im Laden eines 82-jährigen Antik-Händlers in den Gassen von Rom. Als der alte Herr den Tisch lieferte und die eindrucksvollen Hallen im Palazzo sah, liefen im die Tränen über die Wange. Bei dem verarbeiteten Marmor für die Intarsien handele es sich nämlich nicht um gewöhnliche Steinreste, erklärte der Signore. Noch in seiner Kindheit habe dieser antike Marmorbruch überall in der Stadt verteilt herum gelegen. Am Straßenrand, zwischen Mauersteinen, in Innenhöfen und Gärten. Und es war die Aufgabe der Handwerker-Kinder diese Steinchen zu sammeln, damit ihre Väter sie als kostenloses Material in ihren Möbeln weiter verarbeiten konnten. Der Antik-Händler selber hatte einst als Bambino die Steinreste für solche besonderen Tische gesucht. Und dass dieser antike Tisch jetzt seine Bestimmung im neu erstrahlten „Papst-Palazzo“ gefunden hat… diese Ehre stimmte ihn wirklich sentimental.

Und dann gibt es da noch den Yamaha Flügel, den Stefano gekauft hat. Nicht irgendein Piano, sondern ein so genanntes Disklavier. Das kann nicht nur ganz allein tausende Titel spielen, es kann auch live übertragen. Also angenommen Sie wären mit Elton John befreundet und der will Ihnen ein Ständchen zum Geburtstag spielen während Sie im Holy Deer residieren, dann ist das kein Problem. Sie beide müssen sich einfach zeitlich verabreden und Sie müssen nur den Deckel hochklappen. Dann kommt Elton John live aus Nizza oder New York zu Ihnen in den Palazzo, die Tasten bewegen sich wie von Gottes Hand.

Ich könnte noch seitenlang über jedes Detail dieser ungewöhnlichen Suite berichten… Das Ehepaar Barbini hat schlichtweg etwas Einzigartiges geschaffen. Als ich nach meiner ersten Nacht im „Holy Deer“ die übergroßen Flügelfenster zur Piazza Navona öffne, ist mir so herrschaftlich zumute, dass ich kurz überlege, eine morgendliche Ansprache von dem kleinen steinernen Balkon an das Volk zu halten.

Aber um sieben Uhr morgens ist Rom noch nicht erwacht. Ich schenk mir einen dampfenden Kaffee ein und schaue vom ‚Papstbalkon’ über die menschenleere Piazza. Da geht das Kopfkino sofort los. 46 v. Chr. war hier ein Stadion, über 30.000 Zuschauer hatten in dem Oval Platz. Später wurden auch Gladiatorenkämpfe ausgerichtet. Da muss es hoch her gegangen sein. Heute Morgen ist es eher ruhig und beschaulich. Ein paar ältere Damen führen ihre Hunde aus und unter meinem Balkon lässt ein Personal Trainer zwei blonde Grazien Gewichte stemmen.

Einen Kaffee und einen Orangensaft später hält die Realität Einzug. Punkt 08.15 Uhr kommt von links die erste Touristengruppe, angeführt von einem roten Regenschirm, auf der Piazza an. Alle haben einen Kopfhörer auf, gestikulieren laut auf spanisch. Scheinen Südamerikaner zu sein. Um 8.20 Uhr, die nächste Gruppe von rechts, die auf den berühmten Vierströmebrunnen zusteuert. Diesmal ist der Regenschirm grün und die Reisenden kommen offenbar aus Asien. Dann noch mehr Schirme und Fähnchen, bis ich den Überblick verliere. Ein verrücktes Schauspiel, das mich aus der sicheren Entfernung amüsiert. Innerhalb von 15 Minuten füllt sich der Platz mit Menschen.

Um 8.30 Uhr richtet ein Japaner seine Kamera auf mich. Ich beschließe, dass es Zeit ist für ein Bad im Whirlpool. Den haben die Barbinis an die Stelle gebaut, an der sie den ehemaligen Durchgang zur Sant’Agnese in Agone vermuten. Auch ein Ort der Ruhe und der Reinigung.

Tischgespräch mit…

Liz Biden

Trotzdem ist es kein Zufall, dass die Südafrikanerin zu den erfolgreichsten privaten Hoteliers der Welt gehört. Reisedesignerin Stephanie Elingshausen hat die Ikone des guten Geschmacks in London getroffen. Ein Gespräch über Stil, große Badezimmer, Gastfreundschaft und den Streit um eine Schale Pommes frites.

Es ist ein typischer grauer Montagmorgen in London, ich sitze in dem riesigen schwarzen Taxi, der Fahrer ist britisch korrekt bis in die Haarwurzeln und die Straßen sind verstopft, London eben. Ich bin auf dem Weg zu einer der berühmtesten und wichtigsten Frauen der Hotelbranche. Endlich halten wir vor dem Ivy Chelsea Garden Restaurant, ein In-Lokal für hippe Londoner, und schon um 11.30 Uhr fast voll bis auf den letzten Platz. Mittendrin sitzt Liz Biden. Ich kann an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie schon alles abgescannt hat, die Deko, die Kellner, die Anordnung der Tische, ihrem geschulten Auge entgeht nichts. Schon ein bisschen absurd, dass man ausgerechnet diese Frau, die Geschmack und Gastlichkeit quasi in ihrer DNA hat, an einen kleinen Katzentisch in der Ecke platziert hat.

In Südafrika ist Liz Biden der angesehenste private Hotelier des Landes, sie ist dort das Vorbild für alle 5-Sterne-Hotels. Ihr Geschmack, ihre Vorstellung von Service, ihre sehr ungewöhnlichen Innovationen sind die Benchmark für alle. Ich kenne sie seit Jahren, bin ein bekennender Jünger ihrer kleinen, feinen Kollektion. Wenn sie etwas anfasst, steht da Erfolg darauf – und Überraschung. Über ihre Hotels und das kreative Design wird  viel geschrieben. Für die neue CREDUM-Ausgabe, die «Persönlichkeit» als Thema gewählt hat, möchte ich mehr erfahren. Wer die Frau ist, die hinter der Erfolgsgeschichte, der Privathotels vom «The Royal Portfolio» steht.

Liz Biden wirkt überhaupt nicht prätentiös. Sie erscheint eher kühl und etwas unruhig, weil sie während des Interviews nicht nur ihr Gegenüber, sondern immer auch das gesamte Umfeld im Blick hat. Doch im Gespräch taut sie auf. Ihre Augen leuchten, wenn es um die Familie geht, ihre Liebe zum Detail bekommt ein Gesicht und wenn sie von ihren langjährigen Mitarbeitern spricht, dann will man sie umarmen. Mehrere Angestellte haben mir davon erzählt, wie Liz und ihre Familie sich um jeden Einzelnen kümmern und unbürokratisch helfen, wenn mal Not ist – echte Vorbilder für die Branche und darüber hinaus.

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Liz, das erste Mal haben wir uns in «La Residence» gesehen. Sie waren kurz vor der großen Eröffnung und standen da, in der großen Eingangshalle, mit 200 Kisten, und haben alle selber ausgepackt. Jedes einzelne Stück hatten Sie persönlich in der Hand. Mein Eindruck war: Diese Frau ist ein Energiebündel der besonderen Art. Und nachdem ich das «Silo», Ihr neues Projekt in Kapstadt, gesehen habe …  Unglaublich, was Sie da schon wieder geschaffen haben! Ich bin mir sicher, dass Sie dafür bald die Auszeichnung für das beste Stadthotel der Welt  bekommen werden. Verraten Sie uns: Wer ist die Frau hinter diesem Erfolg? Wo kommen Sie her?

LIZ BIDEN: Meine Familie stammt in zweiter Generation aus Südafrika. Mutters Seite ist aus England, Vaters aus Deutschland. Ich bin das jüngste von vier Geschwistern und bin in Kapstadt aufgewachsen.

STEPHANIE: Heute wohnen in Ihren Häusern die «Rich and Famous» aus der ganzen Welt. Sie kennen Sie alle persönlich. Sind Sie schon als Kind in einem solchen Umfeld groß geworden?

LIZ: Nein, wir waren eine typische Mittelklasse- Familie. Sehr bodenständig. Meine Mutter war Hausfrau, so wie das damals üblich war. Mein Vater war von Beruf Ingenieur und von seinem Wesen her sehr deutsch. Er war streng und kalvinistisch. Besonders großen Wert hat er auf gute Bildung gelegt. Er sagte uns Kindern immer, Bildung sei das Wichtigste, weil einem die niemand nehmen könne. Also sind wir alle auf gute Schulen und Universitäten gegangen. Glamour und Luxus gab es bei uns zuhause nicht.

STEPHANIE: Wann haben Sie Ihren Mann Phil kennen gelernt? Meines Wissens feiern Sie beide bald goldene Hochzeit.

LIZ: Mit 17. Er ging auf die Jungenschule, ich auf die Mädchenschule nebenan. Seither machen wir alles gemeinsam. Wir waren zusammen in Kapstadt an der Uni. Ich wurde Lehrerin, er hat einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften gemacht. Mit 23 haben wir geheiratet und sind dann für eineinhalb Jahre nach England gezogen. Danach sind wir zurück ans Kap. Heute haben wir auch in London ein zweites Zuhause. Unsere älteste Tochter lebt hier.

STEPHANIE: Sie sind in den düsteren Zeiten der Apartheit in Südafrika großgeworden. Welche Erinnerung haben Sie daran?

LIZ: Ich bin 1949 geboren. Wir fanden die Rassentrennung nie richtig, aber wir sind damals in diesem Umfeld aufgewachsen; als Kind nimmt man das hin. Als das Regime im Februar 1991 endlich offiziell abgelöst wurde, haben wir das als große Befreiung empfunden. Aber dann gingen die Dinge auch teilweise in die andere Richtung. Es war und ist bis heute für das Land eine schwierige Metamorphose, sich zu finden, Unrecht wiedergutzumachen, aber allen Menschen gerecht  zu werden. Mich und meine Familie haben auch schwierige Zeiten nie davon abgehalten, unseren Weg zu gehen.

STEPHANIE: Ihre kleine, feine Hotelkette, «The Royal Portfolio», mit einer Lodge am Krügerpark, einem Strandhotel in Hermanus, «La Residence» in Franschhoek und seit Neuestem mit «The Silo», zählt zu den exklusivsten Adressen der Welt. Man munkelt sogar, dass Elton John eine eigene Suite in Ihrer «La Residence» in Franschhoek hat und sich hier regelmäßig vom Jetset entspannt. Sie sind wahnsinnig erfolgreich. Dabei kommen Sie doch überhaupt nicht aus der Hotelbranche.

LIZ: Das stimmt. Ich hatte keine Erfahrungen im Hospitality-Bereich und keine Ahnung von Interieur-Design. Aber das war eigentlich nie ein Nachteil. Wenn ich Design studiert hätte, würde ich alle Regeln und Gesetzmäßigkeiten kennen und sie vielleicht auch anwenden. Das tue ich nicht und ich habe auch nie darüber nachgedacht, was man nach den Regeln der Hotelfachschule tun muss, um einen Gast glücklich zu machen. Stattdessen handle ich intuitiv. Ich frage mich, was mir gefällt, wenn ich auf Reisen bin, und konzipiere meine Hotels so, als würde ich privat einen Freund empfangen und bewirten. Eigentlich ein ganz einfaches Konzept.

STEPHANIE: Zu der gelebten Gastfreundschaft kommt auch Ihr ganz besonderer Einrichtungsstil. Sie kombinieren Leopardenmuster mit Louis XIV und Chippendale. Eigentlich geht das gar nicht – aber bei Ihnen wirkt es cool und stimmig. Wie machen Sie das?

LIZ: Mein Freund und Berater Ralph Krall sagt immer: «Wenn du etwas Gutes kaufst, dann passt es zu allem, was auch gut ist. Du musst dir keine Sorgen machen, ob es passen könnte. Es ist egal, welche Periode und welcher Style etwas ist.» Dazu kommt, dass ich eine ewige Schatzsucherin und immer unterwegs bin. Auf den Philippinen habe ich einen Muschelschrank entdeckt, der wie dafür gemacht war, in einer Suite in Franschhoek neben einem historischen Stillleben platziert zu werden. Dazu kommt, dass ich hartnäckig bin. Ich kann stundenlang in einem stickigen Souk verbringen und so lange Tee trinken, bis der Teppichhändler endlich bereit ist, seine wirklichen Schätze vor mir auszurollen.

STEPHANIE: In «The Silo» in Kapstadt kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Ganz besonders was die Kunst angeht. Mit dem City-Hotel logieren Sie ja über dem MOCAA, dem Museum für moderne afrikanische Kunst. Eine inspirierende Nachbarschaft. Alleine die Bilder in Ihrer Eingangshalle haben mich so gefesselt, dass der Check-in warten musste.

LIZ: Das Museum war natürlich für mich Ansporn. Aber ich sammle schon seit Jahren Arbeiten von außergewöhnlichen südafrikanischen Künstlern. Ditaola von Mohau Modisakeng in der Lobby gehört zu den Highlights.

STEPHANIE: Woher kommt Ihre unglaubliche Kreativität?

LIZ: Als ich Kind war, habe ich meine Mutter verrückt gemacht, weil ich immer alles umgeräumt, die Kissen neu bezogen und neue Dinge aus alten Gardinen gemacht habe. Ich habe ständig dekoriert und gestaltet, habe mit meiner kleinen Singer Nähmaschine meine eigenen Klamotten kreiert. Als ich dann heiratete, habe ich alle Gardinen im Haus genäht. Ich liebe es, etwas mit meinen Händen zu machen.

STEPHANIE: Trotzdem, erst einmal haben Sie fünf Jahre lang als Lehrerin gearbeitet. Ein ungewöhnlicher Start in eine Karriere als Kreative.

LIZ: Es gab in meinem Leben nie einen Masterplan. Mein Werdegang ist das Resultat vieler Zufälle und großer Leidenschaft. Als ich 27 war und die Kinder kamen, habe ich das Lehrersein aufgegeben. Ich wollte Zeit mit meinen Kleinen verbringen, aber trotzdem arbeiten. Also habe ich zu Hause einen Kindergarten eröffnet.

STEPHANIE: Als Ihre Kinder in die Schule kamen, sind Sie ins Modegeschäft eingestiegen.

LIZ: Da haben wir eine Firma gekauft, die Designerin hieß Jenni Button. Sie war unglaublich kreativ, aber Papierkram und Marketing waren nicht ihr Ding. Phil hat sich um die Zahlen gekümmert und ich um den Rest. Wir haben sechs Läden eröffnet, in Johannesburg und Kapstadt. Für mich war das optimal, morgens habe ich die Kinder in die Schule gebracht, danach war ich Businesswoman. Das Label ging durch die Decke, der Erfolg war enorm und nach 13 Jahren kam ein so gutes Angebot, dass wir verkauft haben.

STEPHANIE: Das war 1998.

LIZ: Danach wusste ich erst einmal nicht genau, was ich machen sollte. Wir hatten ein privates Feriendomizil in Thornybush, am Kruger National Park und nach ein paar Monaten Nichtstun entstand die Idee, hieraus eine Lodge für zahlende Gäste zu machen. Im Januar 2000 eröffnete unser erstes «Hotel», die Royal Malewane Lodge.

STEPHANIE: Sie sagen, Sie hätten gar keine Erfahrung in der Gastronomie. Aber ich habe gelesen, dass Sie die erste weibliche Bedienung im Golden Spur Restaurant waren. Wie kam es denn dazu?

LIZ: Als Studenten waren Phil und ich immer auf der Suche nach Extra-Cash. Eine Zeit lang haben wir eine mobile Diskothek betrieben und sind mit einem Musik-Truck von Ort zu Ort gezogen. Später habe ich Schmuck entworfen und auch Lampenschirme hergestellt, die Phil verkauft hat. Einer unserer Gelegenheitsjobs war der im Restaurant. Die Erfahrungen dort waren für mich sehr wichtig. Zum einen war ich die erste Frau im Service – ein Novum zu der Zeit – und zum anderen habe ich als Kellnerin gelernt, hinzusehen und zu erkennen, was Menschen wollen: Als ich einmal einem kleinen Kind eine Schale Pommes frites gebracht habe, obwohl die so nicht auf der Karte standen, wollte mich der Chef rausschmeißen. Als Phil damit drohte, auch zu kündigen, ist der Eigentümer zurückgerudert. Wir haben beide damals viel gelernt, vielleicht auch, was es heißt, Chef zu sein.

STEPHANIE: Gab es ein Hotel, das Sie so sehr beeindruckt hat und Pate für Ihre Hotels stand?

LIZ: Die Villa Fetrinelli vor zirka 20 Jahren. Die war quasi perfekt. Alles was man brauchte, war dort immer am richtigen Ort. Da lagen ein Stift und nebenan ein Papier und ein paar Süßigkeiten. Wenn man sich einen Tee machte, stand das Gebäck schon bereit, und wenn man zum Pool ging, kam der Eiswagen vorbei. Wir haben es geliebt.

STEPHANIE: Ihr Mann ist in Ihrem Business für die Zahlen verantwortlich.

LIZ: Ja! Er behält den Überblick, wenn ich das Geld mit vollen Händen ausgebe. Trotzdem ist   er nie ein Bremser. Er hat auch ein gutes Auge für Design und ist für mich ein wichtiger Ratgeber. Ich denke, er ist ein verhinderter Architekt. Er weiß, wie ausladend der Pool sein sollte, und streitet gerne mit mir über die Größe der Badezimmer.

STEPHANIE: Die Bäder sind legendär. Ich nenne sie immer «Carwash». Die Duschen sind so ausladend, dass man einen Kleinwagen darin bequem reinigen könnte.

LIZ: Für mich ist ein Badezimmer wichtiger als das Schlafzimmer. Im Schlafzimmer, da schläft man nur, im Bad zieht man sich an, macht sich die Haare, duscht, verbringt viel Zeit. Ich will dort immer viel Platz haben. Ich kann es nicht leiden, wenn man morgens in eine klaustrophobisch klei- ne Box geht, die man Dusche nennt, und die Tür zumacht.

STEPHANIE: Jeder liebt Ihre Badezimmer …

LIZ: … Und darum geht es.  Ich will meine Gäste glücklich machen. Und wenn es um ihr Wohl geht, denke ich einfach nie ans Geld.

STEPHANIE: Ihr Sohn ist als zweiter Zahlenmann vor sechs Jahren ins Geschäft eingestiegen. Ist er immer auf Ihrer Seite?

LIZ: Zunächst einmal kümmert er sich um Verträge und Rechnungen. Bei fast 500 Angestellten ist das viel Arbeit. Aber Matthew kennt sich nicht nur mit Zahlen aus. Er hat Passion für das, was er da macht. Ich denke, dass Passion eine der wichtigsten Dinge im Leben ist. Leute fragen mich, warum ich arbeite, ich könnte ja auch einfach mein ganzes Leben lang reisen, aber daran habe ich kein Interesse. Ich liebe es einfach! Ich bin so oft es geht in unseren Häusern, um zu sehen, wie die Dinge laufen, und um die Gäste zu beobachten, die bei uns eine gute Zeit haben.

STEPHANIE: Sie haben zwei Töchter, welchen Part übernehmen sie?

LIZ: Unsere Älteste hat mit dem Geschäft nichts zu tun und lebt in London. Meine mittlere Tochter wohnt in Südafrika und kommt sehr nach mir. Sie ist kreativ, hat aber dabei einen ganz anderen Stil als ich. Ich liebe Farbe, Farbe, Farbe. Wenn man zu ihr nach Hause kommt, dann ist alles weiß und creme. Aber ich habe nie versucht, sie zu beeinflussen. Damit hat sie Erfolg. Sie hat bereits fünf Häuser eingerichtet und verkauft und so ihr Business gemacht. Morgens arbeitet sie jetzt im Silo Hotel und kümmert sich unter anderem um alle Uniformen. Ich bin mir sicher, dass sie irgendwann so weit ist, meine Rolle zu übernehmen.

STEPHANIE: Ihre Familie spielt in Ihren Leben die zentrale Rolle.

LIZ: Familie gibt dem Geschäft Kontinuität. Warum sollte man etwas aufbauen, wenn man es nicht später weitergibt? Ich habe sieben Enkelkinder. Das jüngste ist sechs Monate alt. Isabelle, die Älteste, ist 14. Sie hat ein gutes Gespür für Service und Perfektion. Ich erinnere mich an eine schöne Geschichte, als ich sie einmal mit in den Busch nahm. Damals war sie drei Jahre alt. Sie betrat ein Zimmer, sah sich kurz um und sagte:  «Oma, wo ist denn hier der Blumenstrauß?»

STEPHANIE: Keine Frage, Ihre Hardware im Hotel ist unglaublich. Aber wirklich entscheidend für ein gutes Hotel ist die Software – also das Personal. In «Royal Malewane» fühlt man sich besonders wohl, weil sowohl der Chef-Ranger als auch der General Manager schon seit fast 20 Jahren dabei sind. Und erstaunlicherweise brennen die beiden heute noch wie an Tag eins für ihre Gäste und ganz besonders für Sie. Jeder im Team, den ich kenne, verehrt Sie, sie sprechen mit so einer Hochachtung und Zuneigung von Ihnen, das gibt es in kaum einem anderen Hotel. Wie kommt es, dass die Leute so loyal sind und konstant bei Ihnen bleiben?

LIZ: Die Angestellten sind Teil unserer Familie. Ich rede jeden Tag mit ihnen und wir legen Wert darauf, dass wir alles, was wir versprechen, auch halten. Selbst wenn einer unserer Mitarbeiter sich verändern möchte und in den USA oder in Europa arbeiten will, dann helfen wir ihm, dass er da etwas Gutes findet. Ich würde ja auch meinen Kindern keine Steine in den Weg legen, wenn sie sich ausprobieren wollten. Und viele von denen, die einmal weg waren, kommen später wieder.

STEPHANIE: Welche Gegenleistung verlangen Sie?

LIZ: Dass unsere Mitarbeiter unsere Werte teilen, Eigeninitiative und Verantwortung übernehmen, wenn es darum geht, dem Gast den perfekten Aufenthalt zu ermöglichen. Wir haben unsere Leitlinien auf einem kleinen Merkblatt aufgeschrieben und jeder Mitarbeiter trägt sie in der Innentasche bei sich. Sogar der Gärtner und die Elektriker können unsere Philosophie im Schlaf aufsagen.

STEPHANIE: Bei Ihnen übernachten viele Super-Promis. Solche Stars sind oft nicht ganz einfach.

LIZ: Wir mögen schwierige Klienten. Denn wenn man sich auf sie einlässt und versucht sie zu verstehen, dann macht man sie am Ende glücklich.

STEPHANIE: Gibt es eine Geschichte aus dem Nähkästchen?

LIZ: Ich erinnere mich an einen Herrn aus London. Vor vielen Jahren kam er zum Honeymoon mit seiner frisch angetrauten Frau zu uns. Er buchte die Royal Suite in der Royal Malewane. Sie warf ihre Seidenwäsche, die sie bei der Hochzeit getragen hatte, einfach in den Behälter für die Bush-Outdoor-Wäsche. Am nächsten Morgen riefen mich meine Leute an und erklärten, dass die Sachen jetzt nur noch ein Viertel so groß seien.

STEPHANIE: Was haben Sie getan?

LIZ: Ich bin sofort ins Flugzeug gestiegen und hingeflogen. Ich habe an seiner Tür geklopft und gesagt, dass es mir schrecklich leid tut und dass wir die schönen Sachen ruiniert haben. Als Wiedergutmachung habe ich angeboten, drei Nächte umsonst bei uns Gast zu sein.

STEPHANIE: Und was war seine Antwort?

LIZ: Gar nichts. Ohne noch einmal darauf einzugehen, ist er nach seinen Tagen bei uns weitergereist. Er flog nach Irland. Kurz darauf meldete sich sein Reisebüro bei uns und fragte, ob der Gast zurückkommen könnte – ihm würde es in Irland nicht gefallen.

STEPHANIE: Und seither kommt er immer wieder.

LIZ: Richtig! Natürlich hätte ich sagen können, dass es eigentlich sein Fehler war, die Wäsche in den falschen Sack zu stecken, auf dem stand nämlich ganz klar drauf: «Nur für Bush-Kleidung.» Aber seither weiß ich: Wenn du ein Problem hast, dann musst du dich ihm stellen und dich nicht rausreden oder wegducken.

STEPHANIE: Sie sind immer auf Sendung. Ihnen entgeht nichts – wie schalten Sie ab?

LIZ: Beim Bridge im Club. Und einmal im Jahr, im Juni, fahren Phil und ich mit Freunden auf einer Yacht durchs Mittelmeer.

STEPHANIE: Man packt nur einmal aus und fährt dahin, wo man hinmöchte, das Ganze barfuß, sehr privat und immer begleitet von einer frischen Brise.

LIZ: Genau so ist es! Ich liebe das! Echte Höhepunkte sind für mich auch die kleinen Auszeiten mit meinen Enkeln. Wenn sie zehn Jahre alt werden, dann fahren wir gemeinsam in den Urlaub. Nur sie und ich. Dabei dürfen die Kinder entscheiden, wo sie hinwollen. Egal wo auf der Welt das ist. Isabelles Wunsch war Paris. Das war easy. Mein zweiter Enkel hat es mir nicht so einfach gemacht. Der wollte am Nordpol in einem Iglu schlafen. Es war ja so kalt! Aber auch total verrückt. An einem Nachmittag sind wir mit dem Snowmobil gefahren. Ich habe gelenkt und den Kleinen mit meinem Schal fest an mich gebunden, weil ich Angst hatte, dass er einschläft und runterfällt. Ich fand das alles gar nicht so lustig, habe mir aber nichts anmerken lassen, sondern immer tapfer gelächelt.

STEPHANIE: Toll, und Sie haben Ihr Versprechen gehalten!

LIZ: Ja, und als wir zurück ins Hotel kamen, haben wir uns ins Bett gekuschelt und er sagte: «Du bist eine Super-Oma.» Nach dem Satz war es auch für mich der perfekte Urlaub!

Liz Biden lächelt. Entspannt lehnt sie sich im Sessel zurück und trinkt ihren Tee. Wenn sie über ihre Enkel spricht, dann sitzt vor mir eine andere Frau. Die Unruhe ist gewichen. Nichts mehr da von der Geschäftsfrau, von High-End-Hotels und Marketing. Sie hat ein breites Lächeln im Gesicht und freut sich bereits auf die nächste Auszeit, ob rustikal im Zelt oder im 5-Sterne-Hotel, das konnte sie noch nicht erfahren. So, wie man sie kennt, macht sie alles mit.

Dieses Interview erschien zuerst in Credum – Kundenmagazin der Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe Ausgabe 7.

Reisen ist immer ein Augenöffner und nimmt mich komplett aus meinem Alltag, das liebe ich an meinem Beruf. Phänomenal, vorgestern saß ich noch in meinem Büro in Frankfurt, jetzt sitze ich hier mit den Berberfrauen auf dem Boden und versuche Argannüsse zu knacken. Das machen die Frauen sechs Stunden am Tag in der Kooperative. Wie sie da sitzen, lachen und reden, scheint es auch ein sozialer Treffpunkt zu sein, außerdem verdienen sie damit richtig gutes Geld, denn Arganöl ist das flüssige Gold Marokkos. Geschickt knacken sie die harte Nuss mit einem Stein auf, zwei hellbraune, mandelförmige Kerne fallen raus, die später mit einer alten Steinmühle gemahlen werden. Ich klopfe und klopfe, aber meine Nuss, die will sich nicht öffnen, denke, das braucht ein bisschen mehr Übung, wir haben auf jeden Fall Spaß miteinander, gestikulieren mit Händen und Füssen.

Auf dem Weg zurück nach Hause wandern wir durch eine rote Schlucht und haben plötzlich Begleitung. «Salam aleikum», ruft Mohammed der Hirte von weitem und nur wenige Augenblicke später haben seine Ziegen uns auch schon eingeholt. Mindestens 30 schwarz-braun gescheckte Tiere mit strubbeligem Fell nehmen uns in ihre Mitte und klettern geschickt den schmalen, staubigen Pfad nach oben. Eine tierische Eskorte, vorbei an Kaktusfeigen, wildem Rosmarin und zart duftender Citronella. «Lauft schneller, die Sonne geht gleich unter», ruft der Mann mit dem rotbraunen Kaftan und die Ziegen antworten ihm mit einem freundlichen Meckern.

Erst als wir ein paar Minuten später oben auf der Dachterrasse sitzen und beobachten, wie der glutrote Sonnenball hinter den Bergen untergeht, verstehe ich, dass Mohammed gar nicht seine Ziegen, sondern uns antreiben wollte. Wie recht er hat! Diesen Ausblick auf das weite Tal im Abendrot sollte man wirklich nicht verpassen.  Unser erster Tag auf der «Route du Sud» geht zu Ende. Von Marrakesch aus haben wir uns auf den Weg in den Anti- Atlas gemacht, jene Gegend im Süden Marokkos, die touristisch noch kaum erschlossen ist. Das «Maison des Arganiers» ist unser erster Stopp.

Das Haus liegt auf einem Hügel inmitten eines alten, kleinen Dorfes. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Keine Autos, keine Mülltonnen, keine bunten Werbeplakate. Außer den steinernen Häusern der Berberfamilien mit ihren Ziegen, Staub, Geröll und Kakteen gibt es hier tatsächlich nichts. Auf den ersten Blick sieht auch unsere Unterkunft bescheiden aus. Man steigt eine Treppe nach oben, klettert durch ein kleines Tor, geht an einer alten Ruine vorbei und steht auf einmal vor einer mächtigen Holztür, die sich knarzend öffnet. Begrüßt werden wir von Hussein und Mohammed, den Butlern, die uns die nächsten drei Tage begleiten und für unser Wohl sorgen werden. Schon wieder ein Mohammed, so wie der Hirte eben und unser Koch gestern, so wie unser Fahrer und am Nachmittag der Honigverkäufer in dem kleinen Laden am Straßenrand? «Ja», sagt Mohammed und prophezeit, dass uns dieser Name noch häufiger begegnen wird. «In Marokko wird traditionell der älteste Sohn der Familie nach dem Propheten benannt. Auch der König trägt diesen Namen.»

Ich schaue ihn an und er lächelt verschmitzt. Dieses Lächeln kommt mir irgendwie bekannt vor. Mohammed, kennen wir uns? Da wird es ganz breit. Ja, das tun wir, er war schon mein guter Geist vor einigen Jahren im Hotel Dar Ahlam. Das Dar Ahlam liegt fünf Stunden östlich von Marrakesch und ist eine wunderschön hergerichtete alte Kasbah, die ich vor einigen Jahren besucht habe. Sie gehört einem Franzosen, Thierry Teyssier, der damals mit zwei außergewöhnlichen Projekten, besagtem Dar Ahlam und einem wunderschönen Weingut in Portugal, für Furore sorgte.

Der Mann ist ein Tausendsassa. In jungen Jahren ist er mit einer Theatergruppe über Land gezogen, dann gründete er eine Eventagentur, mit der er erst in Frankreich und später auf der ganzen Welt Veranstaltungen organisierte. Dabei hat er viele Hotels kennengelernt, und weil die ihn immer gelangweilt haben, entschied er sich, selber in die Branche einzusteigen und alles ein bisschen anders zu machen. Thierry inszeniert die Übernachtungen in seinen Häusern wie einen Opernbesuch. Jedes Erlebnis ist persönlich geplant und jede Mahlzeit wird zu einem Happening. Erlebt man das Frühstück auf der Dachterrasse, dann ist es fast sicher, dass das Dinner mit tausend Kerzen im Weinkeller oder unter einem knorrigen Baum im Gemüsegarten zelebriert wird. Nicht nur die Location, auch das Geschirr und die Dekoration sind immer anders. Routine scheint es in seinen Hotels nicht zu geben. Auch die Ausflüge führen zu den einsamsten, authentischsten und unbekanntesten Plätzen und Erlebnissen der Gegend. Thierry ist auch der Grund, warum ich jetzt hier im tiefen Süden Marokkos unterwegs bin, denn wir folgen seiner «Route du Sud», eine Erlebnisreise aus seiner Feder. Das Projekt ist so speziell, dass ich es erst persönlich anschauen muss, bevor ich als Reisedesignerin meine Weltenbummler dahin schicke. Ich weiß jetzt schon, es ist etwas Besonderes – aber nicht für jeden.

Entlang einer alten Karawanenstraße, auf der einst die Dromedare bis ins ferne Timbuktu zogen, hat Thierry drei Häuser für seine Gäste hergerichtet. Jedes Domizil hat Platz für bis zu sechs Personen und ist dank Thierrys gutem Geschmack und seiner Liebe zum Detail eine wunderschöne, charmante Unterkunft. Das Motto der «Route» ist: Der Weg ist das Ziel. Man fährt durch eine unbekannte, wilde Schönheit, den Anti-Atlas. Der hat im Norden noch grüne Vegetation, mit den im Frühjahr zart blühenden Mandelbäumen und den lustigen Kakteen, deren rote Früchte aussehen wie kleine Zehen an riesigen Füßen. Je weiter man nach Süden fährt, desto karger wird die Landschaft. Die Arganien mit ihren grün-gelben Früchten sind eine besondere Attraktion. Die Bäume gibt es überwiegend nur in dieser Region, aber dafür schon seit 25 Millionen Jahren. Kein Wunder, dass mich ihre knorrige Rinde an die Haut von Dinosauriern erinnert. Vier Jahre können diese erstaunlichen Bäume ganz ohne Regen überleben und dabei sogar Temperaturen bis zu 50 Grad aushalten. Ihr Trick: Sie haben Wurzeln, die bis zu 30 Meter tief in die Erde reichen, wo sie das Grundwasser anzapfen. Die erste Nacht im «Haus des Arganbaumes» hat mich wunderbar entschleunigt und ich bin total erholt. Tiefschlaf ohne Zivilisationsgeräusche, ab und an das Meckern einer Ziege aus dem benachbarten Stall und pünktlich um sieben das Krähen des Hahns.

Am Morgen laden wir unser Gepäck in große Ledertruhen um. Diese Schiffskoffer sind Teil der Inszenierung. Wie ein mobiler Kleiderschrank reisen sie in den kommenden Tagen mit uns weiter, festgeschnallt auf dem Dach des Jeeps. Das hat was, fühlt sich nach Expedition und Abenteuer an! Wir fahren los und kommen bald in eine karge, hügelige Steinwüste, nur ab und zu sehen wir ein kleines Dorf, ein paar Dromedare. Mohammed beantwortet geduldig unsere neugierigen Fragen. Von ihm lernen wir vieles über die alten Bräuche der Berber, das Arganöl, die Ziegenzucht und warum viele Männer ihre Augen mit schwarzer Farbe umranden. Der dunkle Strich ist ein Blendschutz gegen die gleißende Sonne und hält außerdem Insekten fern, erfahren wir. Noch heute verwenden viele Berber hierfür Galenit. Ein Pulver, das aus einem schwarz-silbernen Stein gewonnen wird.

Galenit? Moment mal! Ist das nicht Bleiglanz? Ein Bleisulfit, das schon bei bloßem Kontakt mit der Haut giftig wirkt? Mohammed nickt. Das hätten schon die alten Ägypter benutzt, sagt er. Ach! Soll nicht Königin Nofretete an den Folgen einer infektiösen Augenkrankheit gestorben sein? Gerade als wir darüber sinnieren, was der Mensch nicht alles für die Schönheit tut, taucht vor uns das blaue Meer auf. Wow, was für ein Ausblick! Über uns drehen vier Drachenflieger, vom Berghügel zum Meer, ihre Runden. Vermutlich sind sie mit den beiden Wohnmobilen unterwegs, die wir eben am Wegesrand gesehen haben.

Unser Fahrer biegt irgendwo im Nirgendwo ab, auf einen buckeligen Pfad, hinunter zum Wasser. Und hier: Überraschung, ein großes, rotes Felsentor ragt über den Strand ins Meer, erinnert mich ein bisschen an die Südküste Portugals – Postkartenidyll. Eine kleine Bucht mit Kieselstrand und mittendrin Thierry wie hindekoriert mit einem opulenten Picknick. Sitzkissen für jeden, Couscous-Salat und Bohnen mit Crumbles in Einmachgläsern, Obstsalat vom lokalen Markt und natürlich ein frischer Rosé. Der Mann weiß, was gut schmeckt. Während wir seine Philosophie diskutieren, schmiert er uns fürsorglich geröstetes Fladenbrot mit Oliven- und Thunfischpaste. Herrlich.

Wir fahren weiter. Wieder diese Weite. Unendliche Freiheit! Den Blick Richtung Horizont denke ich an Marrakesch. Bevor wir zur Route du Sud aufgebrochen sind, waren wir dort spätabends unterwegs. Ich mag diese exotische, trubelige Stadt mit ihren engen Gassen, den laut feilschenden Händlern und den skurrilen Gestalten zu nächtlicher Stunde auf dem Djemaa el-Fna, dem Platz der Gehenkten. Er ist das Herz der Stadt und hier trifft sich jeder und alles. Wasserverkäufer mit ihren bunten Hüten, Männer an kleinen Tischen, die Potenzmittel verkaufen, Frauen, die Henna-Tattoos malen, Märchenerzähler, Schreiber, Hütchenspieler, Musiker mit einem Huhn auf dem Kopf (bringt Glück) und der obligate Mann mit der Personenwaage (war leider nicht geeicht und somit uncharmant).

Vor den Ständen, an denen oft auf offenem Feuer gekocht wird, sind Holzbänke und Tische mit buntem Wachstuch aufgestellt. Diese kleinen Restaurants sind jeden Abend ein beliebtes Ziel für Einheimische und für Touristen, das Essen ist frisch und preiswert, die Atmosphäre supercool. Jeder Stand hat seine Spezialität, Tajine in jeglicher Variation, Muscheln, Schnecken und natürlich Schafsköpfe, das ist nichts für zarte Seelen, also schnell ein Foto und weiter. In einer Ecke sind die riesigen Nuss-, Dattel- und Feigenstände und nachdem wir uns durch die Trockenfrüchte gekostet haben, find ich mich in einem Stand plötzlich als Verkäuferin wieder. Es ist urkomisch, der Händler meint, ich könne ruhig ein bisschen dableiben, er würde dann die Preise erhöhen.

Was für ein herrlicher Irrsinn in einer spannenden, fremden Welt. Und jetzt erlebe ich hier, nur zwei Tage später, das Kontrastprogramm. Wir halten an einer Oase und haben unser nächstes Ziel erreicht: Maison de l’Oasis. Das Haus liegt wieder mittendrin, dieses Mal im Grünen unter 300 Jahre alten Dattelpalmen. 600 Familien leben in der Siedlung. Sie teilen sich das kostbare Wasser, das durch kleine Kanäle fließt und so nach einem gerechten Plan alle Felder bewässert.

Unsere Schiffskisten folgen uns auf einem Fahrrad beim Gang durch das Dorf zum Oasenhaus. Das sind zwei geräumige Lehmhäuser mit Zeltterrassen, entworfen von den Architekten, die das gerade eröffnete, wunderbare Yves-Saint-Laurent-Museum in Marrakesch gebaut haben. Umgeben von hohen Lehmmauern ist es wie eine Oase in der Oase. In der Mitte ein großes Lagerfeuer und sogar ein Feuertopf aus Lehm, in dem sie gerade frisches Brot für   uns backen. Bevor die Sonne ganz untergeht, machen wir uns auf einen Spaziergang durchs Dorf und geraten in eine Hochzeitsvorbereitung. Das muss ich sehen! Nach kurzer Rücksprache dürfen wir in die «Küche», eine leergeräumte Garage. Unglaublich! Hier stapeln die Berberfrauen gerade 120 gebratene Hühner. In vier riesigen Töpfen kocht das Gemüse. Es riecht so lecker, am liebsten hätten wir gleich mitgemacht beim großen Fest. Draußen stehen die Männer in hellblauen, traditionellen, langen Gewändern, die mit goldenen Fäden bestickt sind, und unterhalten sich. Diese Feier geht über vier Tage und viele Gäste sind aus ganz Marokko und sogar aus Paris und London angereist. Irgendwie passen die polierten Autos und die modernen iPhones nicht ins Bild der Dorfhochzeit. Hier treffen Tradition und moderne Welt krass aufeinander.

Noch schräger ist der Besuch im Heimat-Museum. Ein Riesentyp namens Hammed (kommt von Mohammed), 1,90 Meter groß, mit Kohlenaugen, stellt sich als Museumsdirektor vor. Strom gibt es in der alten Kasbah nicht. Also schalten wir die Lampen an unseren Handys ein und er führt uns wortreich durch das Sammelsurium von alten Werkzeugen, Wasserbehältern und Knochen. Dabei gestikuliert er wie ein Italiener und stößt immer wieder einen sehr lauten, dumpfen Schrei aus. «Ug!!» So klängen die Freudenschreie der Männer, erklärt er uns auf irritierte Nachfrage. Frauen hingegen würden ihre Zunge im Mund hin und her schnellen lassen. Das seien dann Youyous, erfahren wir, und Hammed gibt uns auch davon eine kleine Kostprobe. Jodeln auf marokkanisch? Die ganze Situation ist unfassbar grotesk.

Zurück in der Maison dann große Freude. Es gibt Hühnchen! Das habe ich mir seit dem Besuch in der Kochgarage heimlich gewünscht. Der Abend ist gerettet. Bevor wir ins Bett gehen, hat Thierry natürlich wieder eine Überraschung parat, ein Open-Air-Kino vor der Hütte. Eingewickelt in warme Decken liegen wir auf weißen Chaiselongues und schauen Casablanca – was sonst! Aber es ist kühl geworden, also gehen wir – nachdem er ihr in die Augen geschaut hat – schnell ins Bett.

Zum Frühstück gibt es wieder die leckeren marokkanischen Muffins und Nutella aus Arganöl, daran könnte ich mich gewöhnen. Nicht ganz so gut gefallen mir allerdings die langen Fahrten im Jeep. Auch wenn die Landschaft traumhaft ist, ist das manchmal einfach etwas zu viel Sitzerei. Das muss ich mit Thierry besprechen.
Aber nach drei Stunden kommt die Belohnung. Wir halten im Dorf Amtoudi in der Provinz Guelmim Es Semara. Unser Ziel ist eine alte Kasbah, die über dem Dorf thront. Man baute diese Burg damals nicht etwa als Wohnsitz für einen König, sondern als eine Art Speicher der Kostbarkeiten. Vor Jahrhunderten haben die nomadischen Stämme hier ihre Getreide-, Dattel- und Gewürzvorräte in Sicherheit gebracht. Wir klettern rauf. Mit dabei ein Maultier, das auf den Namen Aqil hört und schon 36 Jahre alt ist. Den alten Knaben haben sie extra für mich organisiert, wie peinlich, aber nach der Knie-OP ist das mein erster Hindernislauf bergauf.

Ich schaue das kleine Tier mit seinen großen, treuen Augen an und verspreche ihm: Auch wenn ich auf allen Vieren da rauf krabbele, auf dir reiten tue ich nicht. Und ja, ein bisschen zwickt mein Bein schon, aber oben angekommen ist alles vergessen, der Ausblick hier ist es wert. Während unten im Dorf der Muezzin ruft und sein Gesang in den Bergen widerhallt, erwartet uns hier oben ein Mittagessen der besonderen Art: Aus einer kleinen Behelfsküche kommen eine köstliche Tajine mit salzig eingelegten Zitronen und frische Grillspiesse, zum Nachtisch Erdbeermus mit Haselnuss. Wieder einmal eine gelungene Thierry-Inszenierung. Chapeau!

Zwei Stunden weiter dann unser letzter Stopp: «Maison Rouge». Das Haus klebt einsam am Hang, am Ende einer zu erklimmenden Schlucht. Unsere Schiffskoffer finden dieses Mal den Weg per Esel nach oben, es ist einfach zu steil, um sie einzeln hochzuschleppen. Vor uns türmt sich ein dramatisches Gebirge auf. Es sieht aus, als hätten Riesen im Gesteinsbrei mit einem großen Löffel gerührt. Faszinierend.

Unser letzter Abend, Thierry zeigt uns auf seinem Laptop Bilder seines neuesten Projektes, eine Art Pop-up-Hotel, das um die Welt zieht. Er ist voller Euphorie. Nächstes Jahr will er seine Gäste unter anderem in einem Tempel im Angkor Wat und in schwimmenden Fischerhäusern auf dem Tonle Sap in Kambodscha unterbringen. Gemeinsam lassen wir auch die «Route du Sud» Revue passieren und diskutieren unsere Eindrücke. Mein Fazit: Der richtige Trip für Menschen, die «off the beaten track» und sehr privat ein unberührtes Land entdecken wollen. Meine Empfehlung an Thierry, weniger fahren, mehr unternehmen und tiefer in die Lebenswelt der Menschen eintauchen.

Heute, gut eine Woche nachdem ich aus Marokko zurück bin, klingelt das Telefon. Es ist Thierry. Er hat nicht lange gezögert und ist nach unserer «Manöverkritik» sofort noch einmal nach Agadir geflogen. Dort fährt er jetzt über Land, um weitere Überraschungen für seine Gäste zu suchen. Euphorisch berichtet er mir von Safranfeldern, einem Camp in der Wüste neben einem Canyon und einem Bienengarten. Der Imker dort ist 92 Jahre alt und hält seine Bienen in traditionellen Korbröhren. Ich soll bald wiederkommen und Momo kennenlernen. Momo? «Ist eine Kurzform von Mohammed», erklärt Thierry. War irgendwie klar …

Tischgespräch mit…

Vikram und Arjun Oberoi

Kennen Sie Murphy’s Law? «Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.» Schon ein paar Tage lang habe ich mich auf diesen Termin vorbereitet, den optimalen Flug gebucht, die Zeit vom Flughafen zur Oberoi-Residenz berechnet, das passende Kostüm zurechtgelegt. Und dann – alles anders. Der Flieger hat Verspätung, die Koffer sind nicht da. Ich stehe in Flipflops, Sommerrock und verschwitztem T-Shirt am Flughafen in Delhi bei 48 Grad und der Chauffeur, in schneeweißer Uniform, schaut mich etwas verdutzt an. Hilft nichts, Augen zu und durch. Dankbar sinke ich in die Sitze der klimatisierten Limousine und kühle meine aufsteigende Panik mit wohlriechenden Gesichtstüchern.

«Madam, es sind 20 Minuten bis zur Oberoi-Residenz.» Die liegt am Stadtrand von Delhi und verdient mit knapp 30 Hektar Grundstück eher den Namen Farm. Hier ist der private Wohnsitz von Biki Oberoi, dem Familienoberhaupt. Ihn, seinen Sohn Vikram und seinen Neffen Arjun soll ich heute treffen, wir wollen uns über die Geschichte der Oberoi Hotels und ihr Erfolgsrezept unterhalten.

Das große Rolltor gleitet zur Seite und langsam fahren wir durch eine von Palmen gesäumte, breite Auffahrt. Sattes, geflegtes Grün, über das Pfauen stolzieren. Der Empfang dann wieder livriert und die Herren Arjun und Vikram im feinsten Zwirn, aber mit Humor und Verständnis für meinen «Freizeitlook». Biki Oberoi ist leider verhindert, hier ist es wieder: Murphy’s Law. Aber alles kein Problem. Die Herren lockern die Krawatten und es geht ganz schnell in ein erfrischendes, lebhaftes Gespräch. Vikram habe ich bei meinem ersten Besuch im Oberoi Hotel in Jaipur, vor elf Jahren, persönlich kennengelernt. Zur Begrüßung damals sagte er nicht etwa: «Good Morning», sondern – ganz Hotelier – «May I help you?» Und auch heute ist es wieder so, er bricht sofort das Eis und verbreitet Wohlfühl-Atmosphäre.

«Tradition», als das zentrale Thema der aktuellen CREDUM-Ausgabe, hat mich zu diesem Tischgespräch geführt. Welches Unternehmen, wenn nicht die Oberoi Hotels, eignet sich dafür besser! Eine Hotel-Dynastie, die vor mittlerweile 95 Jahren vom Grossvater Mohan Singh Oberoi auf den Weg gebracht wurde. Der Mann war damals quasi mittellos und nahm in seiner Not 1922 einen Job als Schreibkraft im Cecil Hotel in Shimla, einer Stadt im mittleren Himalaya, an. Sein monatlicher Verdienst damals war weniger als ein Euro. Frage an den Enkel Vikram Oberoi: «Wie würdest du deinen Grossvater beschreiben?»

«Er war ein Wunderkind», sagt Vikram. «Er schuf aus nichts eine der erfolgreichsten Hotelketten der Welt. Sein Motto war: ‹Wenn du immer nur das Geld im Blick hast, wirst du nicht die richtigen Dinge tun. Aber wenn du die richtigen Dinge machst, kommt das Geld auf jeden Fall. Also mache das Richtige!›»

«Er war ein Modernisierer, suchte immer neue Ideen und Wege», ergänzt Arjun. «Zum Beispiel war er der erste Hotelier in Indien, der Zimmermädchen mit Staubsaugern einführte. Das sparte fünf Putzmänner ein. Großvater war unglaublich geschäftstüchtig.»

Ja, das war er. Gerade einmal acht Jahre nachdem er das Cecil Hotel betreten hatte, nahm er all sein Geld zusammen und verpfändete sogar den Familienschmuck. Davon kaufte er sein erstes eigenes Hotel, das Clarkes in Shimla. Der Mann war clever und übernahm auch bald das Cecil. Vom kleinen Büroangestellten zum Eigentümer – eine großartige Geschichte. In den nächsten Jahren eröffnete er ein Hotel nach dem anderen. Der Durchbruch dauerte nicht lange und 1937 wurde die Oberoi Gruppe gegründet. Heute führt die Familie Oberoi 32 Hotels nicht nur in Indien, sondern auch in Ägypten, Mauritius, im Mittleren Osten, in Indonesien und bald auch in Marokko.

Es gibt ein indisches Sprichwort: «Atithi Devo Bhavah» – der Gast soll wie ein Gott behandelt werden. Ist das das Erfolgsrezept der Oberois?

«Gastfreundschaft ist ein Teil unserer Kultur», sagt Vikram. «Dafür ist Indien bei allen Reisenden bekannt, egal ob sie als Backpacker oder in Luxushotels unterwegs sind. Jeder der einmal in Indien war, erzählt davon, wie herzlich die Begegnungen mit den Menschen waren. Und mein Großvater, der hat diese Tradition zur wichtigsten Firmenphilosophie erklärt. Einen Wert, den er schon meinem Vater und dieser wiederum Arjun und mir mitgegeben hat. So führen wir alle unsere Häuser. An erster Stelle steht wirklich und wahrhaftig der Gast – und das spürt er.»

In den ersten Jahren ging es hauptsächlich um Expansion. Aber als dann die nächste Generation heranwuchs, da hat der Großvater nach den «Sternen» gegriffen. Sein Sohn Biki hatte nach seinem Studium eine grandiose «Lehrzeit». Er reiste durch die besten Hotels der Welt und lernte so die «Konkurrenz» kennen. Als er mit 30 Jahren in das Familienunternehmen einstieg, brachte er bereits eine ganze Menge Auslandserfahrung mit. Schnell entwickelte sich Biki zu einem der erfolgreichsten Hoteliers der Welt, Seite an Seite mit dem Mann, den man respektvoll auch den Mr. Hilton von Indien nannte.

Als in den 80er Jahren das Mandarin Oriental in Bangkok als bestes Hotel der Welt ausgezeichnet wurde, war der Ehrgeiz von Vater und Sohn geweckt. Sie wollten die Nummer eins sein. Und spätestens mit der Eröffnung ihres ersten Villen-Resorts, den Rajvilas in Jaipur, ist das auch gelungen. Die Liste der internationalen Auszeichnungen der Oberoi-Häuser umfasst mittlerweile über zwölf Seiten, keine andere Hotelkette der Welt wird so oft prämiert.

Prithvi Raj Singh Oberoi, bekannt als ‚Biki‘

«Mein Onkel Biki ist ein Architekt, dessen Detailversessenheit seinesgleichen sucht», erklärt Arjun. «Es gibt in unseren Hotels keinen Winkel, den er nicht mit geplant, korrigiert oder verbessert hat. Besonderen Wert legt er zum Beispiel auf den Eingangsbereich. Hinter dem großzügigen Empfang öffnet sich der Blick immer in einen hellen Innenhof. So lässt der Gast, der ein Oberoi-Hotel betritt, nie das Licht hinter sich, sondern läuft darauf zu. Auch in den Räumen für die Angestellten gibt es viel Licht. Denn Sonne hat großen Einfluss auf das Wohlbefinden. Je wohler sich die Angestellten fühlen, desto besser ist auch der Service.»

Vikram ergänzt: «Wie mein Großvater hat auch mein Vater ein ganz klares Credo: ‹Du kannst ein Hotel aus Gold bauen, ohne hervorragenden Service wird es keine Gäste sehen.›»

Bis heute ist Biki Oberoi, im stolzen Alter von 88 Jahren, der Motor und der Macher der Gruppe. Geht das alles bequem aus dem Chefsessel heraus? Nein, sagen Vikram und Arjun. «Mr. Oberoi ist immer unterwegs in seinen Hotels, spricht mit den Angestellten und bringt sich auch in kleine Entscheidungen gerne persönlich ein. Kurz vor der Eröffnung des Oberoi Hotels in Delhi Gurgaon sollte noch die Tischwäsche ausgesucht werden. Die Wahl war eigentlich schon getroffen, als Mr. Oberoi dazukam. Er ordnete einen Waschtest an – und entschied noch einmal um.»

Erstaunlich, der Mann, der sich mit grossen Dimensionen auskennt und Chef von Tausenden von Angestellten ist, denkt selbst ans kleinste Detail.

Seit einigen Jahren wird er von der nächsten Generation unterstützt. Sein Sohn Vikram, 53, und sein Neffe Arjun, 50, sind gemeinsame Managing Directors. Vikram verantwortet das operative Geschäft und Arjun ist zuständig für die Entwicklung neuer Hotels.

Vikram hatte schon während der Semesterferien in den Oberoi Hotels gearbeitet, und zwar in allen Positionen vom Kofferträger bis zum Oberkellner. Arjun stieg erst später ein, nachdem er sich bereits einige Jahre Know-how in den Savoy Hotels in London angeeignet hatte. Beide haben zuvor einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an internationalen Universitäten abgelegt.

STEPHANIE: Arjun, was ist in Ihren Augen Vikrams größtes Talent?

ARJUN: Ganz klar, er ist der Mann für die Menschen, da kommt er nach seinem Vater. Er ist verantwortlich für die komplette Service-Philosophie der Hotels, er lebt das. Unter seiner Leitung wurde damals unser Hotel in Jaipur, das Rajvilas, als «Bestes Hotel der Welt» ausgezeichnet.

STEPHANIE: Das verstehe ich, es ist auch mein Lieblingshotel, ich habe selten einen so unglaublichen Service erlebt. Meine Kunden werden immer wieder überrascht. Letztes Jahr habe ich einen international erfolgreichen DJ dort gebucht, bei Ankunft begleitete ihn die Musik seines letzten Hits durch den Park und in seiner Villa stand das CD-Cover als Schokoladengruß auf dem Tisch. Kleine Details mit großer Wirkung, er hat sich richtig darüber gefreut.

STEPHANIE: Und was ist Arjuns besonderes Talent?

VIKRAM: Er ist der Mann für die Hardware, sein Wissen und seine Ästhetik sind großartig. Unsere Häuser werden immer außergewöhnlicher und die Qualität der Bausubstanz immer besser. Wir ergänzen uns perfekt.

STEPHANIE: Wenn die drei Oberois an einem Tisch sitzen – wie werden da Entscheidungen getroffen?

ARJUN: Es ist eine rationale Diskussion. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern darum, was das Beste für unser Geschäft ist. Mr. Oberoi ist der Chef, der Kopf des Unternehmens. Er hat den Hut auf und in den meisten Dingen hat er recht. Er hat einfach eine enorme Erfahrung und die teilt er mit uns. Dabei ist er immer offen für neue Ideen. Das ist sehr gesund. Und er ist auch ein Modernisierer, so wie sein Vater. Ihm verdanken wir zum Beispiel, dass es jetzt weibliche Chauffeure und Butler für allein reisende Frauen gibt, das ist für Indien immer noch ein Novum.

STEPHANIE: Können Sie immer ruhig miteinander reden oder gibt es auch schon einmal laute Worte?

VIKRAM: Zunächst ist es ganz wichtig, herauszustellen, welche Art von Beziehung wir haben. Sie ist geprägt von Respekt und aufrichtiger Liebe. Wenn das die Grundlage ist, dann kann man sich eigentlich nicht zerstreiten. Was aber auch klar ist: Wenn du einen Termin mit Mr. Oberoi hast, musst du extrem gut vorbereitet sein. Er hat immer viele Fragen. Wenn du die nicht beantworten kannst, sagt er dir: «Mach deine Hausaufgaben und komm noch einmal wieder.»

ARJUN: Wir teilen seine Visionen und haben natürlich auch unsere eigenen Vorstellungen. Außerdem arbeiten wir mit Designern, Landschaftsarchitekten und Spitzenköchen zusammen, also mit Menschen, die auf ihrem Gebiet Spezialisten sind. Gemeinsam wird an der besten Lösung gefeilt.

STEPHANIE: Welcher Wandel steht dem Hotelbusiness in den nächsten zehn Jahren bevor? Hotelroboter wie in Japan?

VIKRAM: Das ist eine schwierige Frage, darüber haben wir hier schon Stunden diskutiert. Ich denke, sie ist nur im Blick auf die gesamte Welt zu beantworten. Es wird ziemlich sicher auf Dauer keine Benzinautos mehr geben, ganze Industrien werden durch die Abkehr vom Erdöl, die Digitalisierung und neue Technologien zerschlagen werden. Von diesen revolutionären Veränderungen wird jedes Business betroffen sein. Die weltweite Vernetzung durch die sozialen Medien, Vergleichsportale und Konzepte wie Airbnb haben unsere Branche bereits verändert. Man muss sehr flexibel reagieren und sich immer neuen Wegen öffnen, denn es gibt nie die eine finale Lösung, die Entwicklungen sind einfach zu schnell. Nehmen wir zum Beispiel unsere Internetseite, die haben wir erst kürzlich stark verbessert. Im Ergebnis ist der Traffic viel höher, aber trotzdem kommen nicht viel mehr Buchungen. Das verursacht dann ein Fragezeichen auf der Stirn.

STEPHANIE: Das liegt meiner Meinung nach an der Destination Indien. Eine Reise durch dieses Land ist nach wie vor ein Abenteuer. Neben den schönen Hotels braucht man den richtigen Guide, einen zuverlässigen Fahrer und Insiderwissen, sonst wird es keine gute Reise. Da kommen wir, die «Travel Designer» ins Spiel. Wir suchen die Tour-Guides vor Ort persönlich aus und beraten die Kunden nach ihren Wünschen. Dadurch wird eine Rundreise dann individuell und voller exotischer Erlebnisse. Das geht nicht bei einer Internetbuchung. Zum Thema: Global World. Wie sieht es mit dem Schutz der Umwelt bei den Oberoi Hotels aus?

VIKRAM: Das ist für uns ein wichtiges Thema. Wir versuchen Strom und Wasser zu sparen und bereiten es auf, wir recyceln und haben Solaranlagen auf dem Dach. Aber es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, über die wir gar nicht reden müssen: unsere Welt, unsere Verantwortung. Unser neuester Plan ist, auf dem Land zwei Solar-Farmen zu bauen, die einen Großteil unseres Energiebedarfs decken. Den Strom speisen wir ins Netz ein und rufen ihn an einem anderen Ort wieder ab. So bekommen wir nachhaltige Energie zu günstigeren Preisen.

STEPHANIE: Indien hat ein großes Armutsproblem, was macht die Oberoi Gruppe für diesen Teil der Gesellschaft?

ARJUN: Es gibt in Indien das Gesetz, dass Firmen ab einer gewissen Größe zwei Prozent ihres Gewinns in soziale Projekte investieren müssen. Das machen wir natürlich, aber ich denke, da geht noch mehr. Die Not ist einfach so groß, es ist ein Thema auf unserer aktuellen Agenda.

STEPHANIE: Da sind Sie Ihrer Zeit sowieso voraus. Ich weiß, dass die Oberoi Gruppe auch schon vor 2014, als dieses Gesetz verabschiedet wurde, im großen Stil für Kinderorganisationen gesammelt hat. Apropos Kinder. Vikram führt mit fünf Kindern die familiäre Hitliste an. Über seinen Cousin, der drei Kids hat, sagt er: «Arjun ist der beste Vater der Welt.» Die Jüngsten sind zehn Jahre alt, derÄlteste 24.Gibt es hier schon eine Tendenz in Sachen vierte Generation bei den Oberoi Hotels?

VIKRAM: Mein ältester Sohn macht Filme, ist ein Kreativer, ich denke, den einzufangen wird nicht funktionieren.

ARJUN: Die anderen Kinder sind noch zu jung und alles ist möglich. Sie sollen das später für sich selbst entscheiden, denn sie werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie das machen, was ihnen wirklich liegt.

VIKRAM: Mein Vater hat mich übrigens nie unter Druck gesetzt, in das Hotelgeschäft einzusteigen. Er hat immer gesagt. «Mach, was du willst, mach, was dich glücklich macht.» Er hat mich sogar eher bestärkt, etwas anderes zu machen. Aber es war schon während meiner Studienzeit klar, dass mich die Hotellerie fasziniert.

STEPHANIE: Eine letzte Frage: Mr. Oberoi lenkt auch heute, mit 88 Jahren, noch alle Geschicke des Unternehmens. Gibt es einen Plan für eine Übergabe?

ARJUN: Mein Onkel ist unglaublich energetisch, er arbeitet sechs Tage die Woche, reist permanent durch seine Hotels und rund um den Globus. Und am siebten Tag, da macht er meistens auch noch etwas, was der Firma dient. Ich denke, wenn er in hoffentlich weit entfernter Zukunft einmal kürzer tritt, dass Vikram und ich genug von ihm gelernt haben und die Familiensaga weitergeht. Biki Oberoi ist der Motor und das Erfolgsrezept. Wir sind seine «Lehrlinge» und seine größten Fans.

Es ist ein langes, aufregendes und hoch- interessantes Gespräch mit den beiden Oberois und Murphy’s Law ist da schnell vergessen.

Die Inder sagen oft: «Everything will fall into Place.» Wie recht sie haben.

Dieses Interview erschien zuerst in Credum – Kundenmagazin der Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe Ausgabe 6.

Tischgespräch mit…

Sonu Shivdasani und Eva Malmström Shivdasani

Die Sensation damals für die weltweite Hotellerie war das eigenwillige Konzept: barefoot luxury! Und das in einer Zeit, in der Luxus ein Synonym für Hochglanz, goldene Wasserhähne und Butler mit weißen Handschuhen war. Eva und Sonu hingegen kreierten ein Inselfeeling der Freiheit, ohne Schuhe, ohne Kleiderordnung und Protokoll, mit Räumlichkeiten, die einem Fantasyfilm entsprungen sein könnten. Riesige Villen aus natürlichen Materialien gebaut, mit völlig unerwarteten «Inszenierungen»: Open-Air-Badezimmer, in denen das Waschbecken inmitten einer Teichlandschaft und die Dusche unter Palmen stehen, eine Wasserrutsche vom Schlafzimmer direkt in den XXL-Pool, bis hin zu einem Baumrestaurant, in dem das Dinner in luftiger Höhe serviert wird. Ihre Vorstellungen von Raum, Platz und Interieur waren eine einzige Überraschung. Mittlerweile sind es drei Resorts, eines in Thailand und zwei auf den Malediven, die für anspruchsvolle Weltenbummler regelmässig zum Mekka der Glückseligkeit werden.

Unsere Wege haben sich über die Jahre immer wieder gekreuzt und zu einer fruchtbaren und erfrischenden Geschäftsfreundschaft geführt. Heute wollen wir uns zusammensetzen und über Innovation und Zukunft dieser Branche sprechen und darüber, wie sich auch der Anspruch an Luxus über die Jahre verändert hat.

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Als ich meine Firma 1992 gründete, war die Luxushotellerie ziemlich übersichtlich; es gab die großen Ketten und einige wenige Boutique Hotels. Drei Jahre später eröffnetet ihr dann auf den Malediven dieses 5-Sterne-Resort mit Rustikal-Ambiente. Das hat erst keiner verstanden, da die Malediven damals alles andere als ein exklusives Reiseziel waren. In allen Hotels gab es zum Abendessen Gemüse aus der Dose und das Einzige, was man genießen konnte, war die sogenannte maledivische Bratwurst – also der Hummer.
Das alles hat euch nicht beeindruckt und der Erfolg über die Jahre gab euch mehr als Recht. Das Konzept von Soneva zählt bis heute zu den innovativsten und besten weltweit, obwohl ihr Luxus ganz anders definiert habt. Das heißt … benutzt ihr das Wort Luxus überhaupt noch? Es ist ja eigentlich ziemlich abgegriffen?

SONU SHIVDASANI: Das Wort gebrauchen wir eigentlich nur noch im internen Prozess. Luxus – das klingt nach Bling-Bling, Marmor-Böden und Rolls-Royce für Shoppingtouren. Für uns ist wahrer Luxus etwas, was es sonst nicht gibt, etwas, was rar und selten ist.

STEPHANIE: Und was ist selten?

SONU: Platz und eine saubere Natur, in der man durchatmen kann. Nach der «Rich List» der Sunday Times lebten noch vor 40 Jahren die meisten Reichen in ländlichen Gegenden. In England waren es überwiegend Adelige, die es sich in ihren Anwesen auf dem Land gut gehen ließen. Das ist heute eine Seltenheit. Unsere Kunden sind zu 95% Selfmademen und Städter. Sie sind es gewohnt, auf den Ledersitzen eines 7er- BMWs durch die City kutschiert und in einem Designerrestaurant von einem berühmten Chef bekocht zu werden.

EVA MALMSTRÖM SHIVDASANI: Das ist komfortabel und schön, aber das ist für sie kein Luxus – es ist ihr Alltag. Für unsere Gäste ist Soneva ein Ort der Freiheit. Sie müssen sich keine Gedanken über die Kleiderordnung machen. Schon am Bootsanleger nehmen wir ihnen die Schuhe ab und stecken diese in ein Säckchen mit der Aufschrift: «No news. No shoes.» Es ist die Abkehr von Protokoll und Zwang, von Uhrzeit und Tageszeitung. Totale Entspannung. Am besten sieht man es bei den Kindern. Ich habe heute mit einer schwedischen Mutter gesprochen, die erzählte, wie glücklich ihre Tochter hier wäre. Die Kleine ist nach dem Frühstück losgezogen und erkundet auf eigene Faust die Insel. Sie ist überall gut aufgehoben und behütet, auch ohne Kindermädchen.

SONU: Dieses Beispiel trifft den Kern: Die Welt verändert sich. Wir fühlen uns in der Stadt weniger sicher. Unsere Sicherheit muss organisiert und bezahlt werden. Die Kinder werden morgens vom Chauffeur in die Schule gefahren, von den Nannies abgeholt und betreut. Früher gab es so etwas nicht. Als ich in London groß wurde, bin ich morgens zum Unterricht gelaufen und kam nachmittags irgendwann zurück. Und diese Unkompliziertheit, das ist das Credo von Soneva.

STEPHANIE: Absolut. Und ausserdem suchen die Kunden Erlebnisse, mit denen sie ihre Köpfe und Herzen füllen. Luxus ist für sie der Inhalt, nicht mehr die Verpackung. Diesen Trend hat mittlerweile auch das Gros der Hotellerie erkannt und kopiert fleißig euer Konzept. Wie schafft ihr es trotzdem, immer noch zu den Besten zu gehören?

SONU: Mit Luxushotels ist es wie mit Laptops: Wenn sie neu sind, reißt sich jeder darum, nach drei Jahren gehören sie zum alten Eisen. Um dauerhaft attraktiv zu bleiben, muss man sich immer etwas einfallen lassen.

EVA: Sonu und ich diskutieren eigentlich Tag und Nacht über neue Wege und Ideen, manchmal streiten wir uns auch, weil einer schräger als der andere denkt. Aber letztendlich kommen immer gute Sachen dabei raus. Das Open-Air-Kino ist so entstanden, eine Riesenleinwand unter Sternen, mit gemütlichen Sitzkissen und Popcorn. Für die Kleinen haben wir eine Traumhöhle gebaut mit Kuschelnestern, Kletterbäumen, magischen Verstecken und einem eigenen Zimmer zum Krachmachen. Auch der Blick ins Universum hat uns immer fasziniert. In allen drei Resorts gibt es deshalb eine eigene Sternwarte mit einem Astrologen, der macht mit unseren Gästen – quasi zum Dessert – einen Ausflug zur Milchstrasse.

STEPHANIE: Und auf solche Ideen kommen die Mitbewerber nicht?

SONU: Bei den etablierten Ketten ist der Eigentümer meist ein großer Konzern oder ein Investmentfonds, der mit dem Hotel an sich gar nichts zu tun hat. Um das laufende Geschäft kümmert sich eine Management-Firma.

EVA: Allen Beteiligten geht es in erster Linie um Wachstum und Profit. Um den zu maximieren, werden die Ketten untereinander verkauft, sodass immer weniger Eigentümer immer mehr Hotels besitzen.

SONU: Architekten, Interior Designer und das Management wechseln zwar immer mal wieder untereinander, frischen Wind bringt das aber nicht. Auf Dauer gibt es wenig Unterschied im Produkt. Wir besitzen und managen unsere Hotels selbst. Sie sind wie unsere Babys, in die wir viel Passion, Liebe und Zeit stecken, das ist der entscheidende Unterschied.

EVA: Ganz wichtig: «We walk the talk», bei uns werden Pläne entwickelt und diese dann sofort umgesetzt.

STEPHANIE: Das verstehe ich. Trotzdem: Da ist noch mehr! Egal mit wem ich spreche, vom Gärtner bis zum General Manager, die sind irgendwie anders. Im positiven Sinne. Sie sind unglaublich herzlich, natürlich und denken in Familie. Diese «Soneva-DNA» ist bemerkenswert.

EVA: Was uns unterscheidet, ist auch unsere Philosophie. Uns ist es wichtig, den Angestellten nicht nur ein Dach über dem Kopf zu geben und ein Gehalt zu zahlen. Wir sorgen uns um sie und wollen, dass sie sich als Teil des Unternehmens fühlen. Sie sagen «Mein Hotel», oder «Mein Soneva», wenn sie über das Resort sprechen. Dieses Selbstverständnis kann man nicht in einem Workshop trainieren, es muss von Herzen kommen.

STEPHANIE: Stichwort: von Herzen. Eva, du sagtest einmal, dass du als Schwedin «grün» geboren wurdest und deshalb den nachhaltigen Gedanken in die Planung eurer Hotels eingebracht hast.

EVA: Sonu hat sich mit der Idee am Anfang ziemlich schwergetan. Aber ich habe Überzeugungsarbeit geleistet, denn mir war klar, das ist das Thema der Zukunft, zumal unser Hotel auf einer Koralleninsel, also inmitten eines besonders fragilen Ökosystems liegt. Heute steht der Schutz der Natur an vorderster Stelle. Wir sehen es als unsere Pflicht, diesen Ort zu erhalten. Sonu ist im Laufe der Jahre schon fast ein Umweltaktivist geworden – ihm kann es gar nicht grün genug sein.

STEPHANIE: Ich war gestern in eurem Recycling-Center und habe gesehen, was hier Unglaubliches veranstaltet wird. Ich habe noch nie eine so durchdachte und intelligente Lösung für Müll in einem Hotel gesehen. Ihr merkt, ich bin immer noch zutiefst beeindruckt.

SONU: Wir recyceln schon heute rund 80 Prozent unseres Mülls. Leere Glasflaschen werden eingeschmolzen und zu wunderschönen neuen Gläsern und Karaffen verarbeitet. Wir haben dafür ein eigenes Atelier auf der Insel eingerichtet und einen amerikanischen Künstler engagiert. Styroporboxen, in denen das Fleisch geliefert wird, verarbeiten wir zusammen mit anderen Abfällen zu Mauersteinen, das perfekte Baumaterial für unsere Villen.

EVA: Zweige und Abfälle aus dem Unterholz werden verfeuert und wir stellen daraus Holzkohle her, so erfolgreich, dass wir andere Hotels damit beliefern. Die Asche, die dabei anfällt, kommt als Dünger in den Kompost und beschert unserem Rucolasalat ein besonderes Aroma.

SONU: Überhaupt kommt das ganze Gemüse aus unseren Biogärten. Seit Neuestem züchten wir sogar unsere eigenen Pilze. Dafür haben wir einen Spezialisten aus Thailand eingestellt, wir nennen ihn den Pilzdoktor.

STEPHANIE: Ja, ich war in dem Laboratorium, phänomenal! Der Küchenchef geht nachmittags zum Ernten ins Gewächshaus und abends habe ich dann die Shitake-Pilze auf dem Teller. Ein einziger Genuss und das alles bio! Ist es eigentlich sehr viel teurer, ein Hotel ökologisch verantwortungsvoll zu führen?

SONU: Nicht unbedingt. Wenn man den Müll nicht einfach ins Meer schmeißt, sondern ihn fachgerecht entsorgt …

EVA: … Was unsere Mitbewerber hoffentlich gewissenhaft tun …

SONU: … Dann ist das ebenfalls mit hohen Kosten verbunden. Gerade erst haben wir neue Solaranlagen installiert. Jetzt bekommen wir unseren Strom für 11 Cent pro Kilowattstunde. Wenn wir mit Dieselgeneratoren für Energie sorgen, dann kostet uns das 20 Cent.

EVA: Ich freue mich besonders darüber, dass wir gerade eine Maschine gekauft haben, mit der wir kaltgepresstes Kokosnuss-Öl herstellen. Das Öl verwenden wir dann in der Küche und im Spa.

STEPHANIE: Früher liefen hier dauernd die Klimaanlagen. Wenn man ins Zimmer kam, musste man sich eine Jacke anziehen. Das hat mir gar nicht gefallen.

SONU: Uns auch nicht. Aber das haben viele Gäste einfach erwartet. Bei ihnen findet ein langsames Umdenken statt.

STEPHANIE: In einigen Ländern, bei Russen und vielen Asiaten ist ökologisches Denken noch nicht so weit verbreitet. Wenn sie eine Woche auf Soneva verbracht haben, verändert sich da ihre Haltung?

EVA: Der Aufenthalt hier ist für viele ein Augenöffner. Sie erkennen, dass man einige Dinge anders machen kann, ohne dabei auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Früher ging man davon aus: Wenn es luxuriös ist, dann ist es nicht nachhaltig. Das hat sich glücklicherweise verändert.

STEPHANIE: Gibt es noch eine «Bucket List»? Wünsche, die in Arbeit sind oder Ideen, bei deren Umsetzung es noch hapert?

EVA: Oh ja, wir hätten gerne Bienen, dann könnten wir unseren eigenen Honig machen und es gäbe auch mehr Blütenpracht auf der Insel. Aber das ist nicht so einfach umzusetzen. Die passenden Bienen gibt es nur in Australien, hier fehlt aber noch der Nonstop-Flug. Die fleissigen Tierchen mögen das Umsteigen gar nicht.

SONU: Work in progress, Eva, du wirst deine Bienen bekommen, versprochen!

Hmmm, ich denke, das bekommen die beiden hin, und bei meinem nächsten Besuch gibt es zum Frühstück Soneva-Honig. Mein Aufnahmegerät zeigt eine Stunde und die Zeit ist wie im Nu vergangen, denn das Ehepaar Shivdasani ist nicht nur tatkräftig, sondern auch unglaublich schnell im Denken und im Sprechen. Das ist mitreißend und inspirierend. Sie sind so euphorisch bei der Sache, dass sie sogar während unseres Gespräches spontane Ideen schnell auf Zettelchen schreiben und nebenbei auch noch unser Dinner auf der Sandbank für heute Abend organisieren. Das mit den Zettelchen ist übrigens ein Tick, der uns drei verbindet, nur dass Sonu und Eva ihn perfektioniert haben. Selbst in den Gästetoiletten, im Gym und sogar in einer eigens angenähten Tasche im Moskitonetz über dem Bett liegen Zettel und Stift für Geistesblitze bereit. Eva hat sogar einen Platz in der Dusche dafür gefunden, sie sagt, da hat sie ihre besten Einfälle.

Dieses Interview erschien zuerst in Credum – Kundenmagazin der Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe Ausgabe 5.

Jedes Land hat seinen eigenen Geruch und der Duft von Botswana ist besonders intensiv. Ich sitze im offenen Jeep und schließe für einen Moment die Augen. Die Nachmittagssonne ist noch ziemlich kräftig, aber der Fahrtwind kühlt besser, als jede Klimaanlage und ich rieche es wieder: den süßlich, würzigen Duft des wilden Basilikums, getrocknete Gräser, Mist, Erde und ein Hauch Zitrone. Welcome back to Africa!

„Wie lange dauert die Fahrt bis zu unserer Lodge?“, frage ich den Guide. „Hmmm, anything between 20 minutes and two hours, it depends on what we see“, antwortet er. Also Augen auf, Kamera im Anschlag, die Safari kann beginnen.

Und wie sie beginnt: Keine fünf Minuten vom stoppeligen Flugfeld entfernt, steht ein Elefantenbulle am Wegesrand. Der Guide verlangsamt die Fahrt, es sind gefühlt 50 Meter zwischen dem Tier und uns, dann hält er abrupt an. Eine ganze Herde drängt sich aus dem Dickicht, mittendrin Elefantenbabys, die noch so jung sind, dass sie etwas wackelig auf ihren vier Plateaufüßen stehen und arge Schwierigkeiten haben, den Straßengraben zu überwinden. Geduldige Rüssel der Mama und Tante helfen über den Weg, die eine stützt von rechts, die andere drückt von hinten – geschafft. Ich bin so fasziniert, dass ich fast vergesse Fotos zu machen.

Der Bulle hingegen hat uns genau im Visier, der Rüssel geht hin und her, dann fangen die Ohren an zu schlagen, der Guide schaltet den Rückwärtsgang ein und bringt langsam ein paar Meter mehr zwischen uns und den Dickhäuter-Clan. Das entspannt den Chef, er trompetet einmal laut, trottet schnaubend über die Straße und verschwindet im Gesträuch.

Wow, welch ein Szenario. Mein Guide erklärt mir, dass es hier um die Komfortzone der Elefanten geht. Der offene Jeep ist für die Tiere eigentlich nur ein großer, grauer Kasten, den sie gewöhnt sind und der nur wenig interessiert – es sei denn er kommt zu nahe.

„Und woher weiß man, was in den Augen eines Elefanten ‚zu nah’ ist?“  Er lacht. „Ein guter Guide kann die Körpersprache der Tiere deuten“, erklärt er. „Er kennt den Unterschied zwischen einem Teenager Bullen, der einfach nur Theater macht, aber dann doch wegläuft, sobald der Jeep näherkommt, und einem gestandenen Familienoberhaupt, der es ernst meint und darauf besteht, dass das Auto ausweicht.“

Na, dann bin ich ja beruhigt, ich habe einen erfahrenen Guide, der seit Jahren seinen Job macht. Nicht, dass ich ein Neuling in Sachen afrikanischer Wildnis wäre – das muss meine 20ste Safari sein –, aber ich kann ‚Großstadt‘ und keine wilden Tiere… Die nächsten zwei Tage ist also er der Chef.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die Lodge Sable Alley. Sie liegt im privaten Khwai River Gebiet am östlichen Rand des Okavango Deltas. Diese 1600 Quadratkilometer große Konzession gilt als besonders tierreich und hat nur wenige Camps. Daher ist der Busch hier nahezu unberührt und man trifft selten auf andere Jeeps.

Sable Alley ist eine neue Lodge von Colin Bell. Der Mann ist eine Legende. In den Achtzigern war er einer der Gründer von Wilderness Safaris, die heute zu den erfolgreichsten Anbietern in ganz Afrika gehören. Danach folgte das ambitionierte Projekt Great Plains mit Luxusunterkünften, deren Einnahmen hauptsächlich den Schutz der Tierwelt finanzieren. Eigentlich hätte er sich längst zur Ruhe setzen können, aber: Colin ist ein Energiebündel. Wir kennen uns seit Jahren, ich habe viel von ihm über Afrika, nachhaltigen Tourismus und natürlich den Schutz der Wildtiere gelernt.

Am Abend vor meiner Abreise nach Botswana, haben wir uns noch in Kapstadt getroffen. Es war wie immer herrlich chaotisch: Colin kommt rein und der Raum ist voll. Er redet mit Händen und Füßen, fasziniert mit Geschichten aus dem Busch und seine Energie reißt jeden mit. Derzeit brennt er für sein neuestes Projekt Natural Selection. Das ist ein Label, das für eigentümergeführte Lodges mit besonderen Erlebnissen steht. Alle haben einen großen gemeinsamen Nenner, sie unterstützen die Dörfer vor Ort, sind umweltbewusst und die Wildtiere werden nicht nur geschützt, sondern Ziel ist, den Bestand der bedrohten Tierarten nachhaltig zu erhöhen. Chapeau! Solche Visionäre bräuchten wir mehr!

Jetzt sitze ich hier auf der Terrasse von Sable Alley:  Geschmackvoll modernes Design und viele gemütliche Sofas mit Ausblick zum großen Wasserloch, um das sich die zwölf Unterkünfte gruppieren.

Mein Begrüßungskomitee ist tierisch gut drauf – eine Gruppe von Nilpferden glotzt mich neugierig aus dem See an und reißt das Maul auf. Damit ist die Sache klar: keine Alleingänge nach Sonnenuntergang, denn da kommen die Wiederkäuer an Land, um zu grasen. Die Flusspferde wirken harmlos und behäbig, wenn sie mit ihren 1,5 Tonnen schweren Körpern im Wasser liegen. Angeblich sind sie auf ihren kurzen Beinen sehr schnell. An Land können sie bis zu 50 Stundenkilometer erreichen und weil sie sich dort außerhalb ihrer Sicherheitszone bewegen, sind sie leicht erregbar.

Irgendwie beruhigend, dass mein geräumiges Zelt auf einem Plateau liegt und der Guide mich dort abends zum Dinner abholt…

22.00 Uhr. Ich liege endlich im Bett. Die heiße Wärmeflasche an den Füßen, lausche ich dem Buschorchester, das an meinem Zelt eine Außenstelle hat. Die Hippos fressen sich gerade genüsslich rund um meine Terrasse den Bauch voll. Hört sich lustig an, erst das Ratschen der Grasbüschel, dann ein Kauen und ab und zu ein Schmatzen.

06.00 Uhr morgens, draußen ist alles noch dunkel und dämmerig und ich höre eine Stimme die sagt: „Knock, knock.“ Wirklich? Ja, da ist es wieder – „Knock, knock. Mrs. Stephanie, this is your wake up call, with coffee and milk.“ Aaaaah, ich bin ja im Busch, das Zelt hat keinen Türrahmen, an dem man klopfen könnte und keine Klingel. Also sagt der Zimmerservice „Klopf-Klopf“. So geht das jetzt die ganze Woche, schon cool.

Eine halbe Stunde später sitze ich mit Schal, Handschuhen und Mütze wieder im Jeep. Im afrikanischen Winter gehen die Temperaturen nachts runter auf bis zu 5 Grad, tagsüber dann wieder rauf bis 28 Grad. Man trägt Zwiebelsystem: also T-Shirt, Fleecepulli und warme Jacke.

In den nächsten zwei Tagen ruckeln wir bei Sonnenaufgang und am späten Nachmittag durch das Wildgebiet über sandige Feldwege und manchmal auch quer durchs Gestrüpp, dabei halten wir Ausschau nach den Tieren.

Die Gegend ist berühmt für ihre große Population der seltenen Wildhunde und eben die hat mir mein Guide quasi versprochen. Zwei Stunden sind wir schon unterwegs, die Kamera ist heiß gelaufen, die Speicherkarte fast voll mit schillernden Vögeln, Zebras, Elefanten und jetzt: Wildhunde! 18 kleine Welpen auf einem Knäuel, die Eltern auf der Jagd. Die kleinen Kerle rollen und tollen übereinander oder kuscheln sich gähnend aneinander, einer findet den Jeep hochinteressant und posiert quasi vor dem Kühler. Ich weiß gar nicht was zuerst – Video oder Foto. Irgendwann bin ich es leid. Wenn man filmt oder fotografiert, verpasst man manchmal den entscheidenden Moment. Ich lege alles beiseite und schaue den tollpatschigen Kerlchen einfach zu.

Nachts wartet ein neues Abenteuer auf mich: das Skybed. An einem Wasserloch sind vier kleine Holztürme auf schmale Stelzen gebaut. Im ersten Stock gibt es ein Bad mit Dusche, auf dem Dach, umgeben von einer niedrigen Balustrade, steht ein gemütliches Bett mit Kuscheldecken, Kissen und einer freien Aussicht: 360 Grad über die Wildnis.

Wir sind passend zum Sundowner hier angekommen, den trinken wir auf dem ‚Barturm’ mit Blick auf Elefanten bei untergehender Sonne. Ist wie Rosamunde Pilcher auf afrikanisch. Das Abendessen wird unter einem knorrigen Baum bei Feuer und Kerzen serviert, unser Guide fungiert als der Barkeeper, die herzliche Camp-Managerin als helfende Hand und der Küchenchef als Zauberer. Filet, rosa auf den Punkt mit Gemüse und frisch gestampftem Kartoffelpüree. Ich habe keine Ahnung, wie die Drei das an zwei offenen Feuerstellen hingekriegt haben.

Vom meinem Nachtlager aus blicke ich direkt auf die funkelnde Milchstraße. Welch ein Augenblick! Mitten im Busch schaut man ins Universum und wünscht sich bei jeder Sternschnuppe, dass dieser Moment unendlich anhält. Als ich am Morgen verstrubbelt aufwache ist der Zauber vorbei, aber die Erinnerung, die nehme ich mit.

Weiter geht die Entdeckertour in Richtung Kalahari mit einer Zwischenstation in der Lodge Meno a Kwena. Der Zahn des Krokodils heißt das übersetzt – und der Name ist Programm: Die Lodge liegt wie ein Adlerhorst auf einer Anhöhe, direkt am Boteti Fluss, der das Farmland vom National Park trennt und in dem sich die Reptilien tummeln. Manchmal sieht man dort auch schwimmende Kühe – ganz schön mutig!

Die Lodge gehört Hennie Rawlinson, der sitzt mir am Nachmittag auf der Veranda gegenüber und erzählt, dass er viele Jahre darauf gewartet hat, dieses Stück vom Himmel zu kaufen: Denn kurz vor Sonnenuntergang treffen sich an der Flussbiegung hunderte von Zebras und Elefanten, um zu trinken. Das Wiehern der Zebras klingt wie ein langgezogenes Lachen, die Elefanten bespritzen sich gegenseitig mit Wasser und alle scheinen Spaß zu haben. Hennie und ich prosten ihnen zu, mit Gin Tonic, der Medizin aller Afrikareisenden.

Meine letzte Station ist die Kalahari, hier war ich vor sechs Jahren schon einmal. Ich erinnere mich, dass ich damals Erdmännchen beim Sonnenaufgang mit lebenden Skorpionen per Pipette gefüttert habe. Und meine Mutter, die ich mitgenommen hatte, um ihr „meine Sehnsucht Afrika“ zu zeigen, stand mittags mit Lockenwicklern vor dem Zelt und hielt Ausschau nach den wilden Tieren. Das Foto schauen wir seitdem immer mal wieder schmunzelnd an.

Hier im Süden Botswanas sind die Makgadikgadi Pans, eine der größten Salzwüsten der Welt. An deren Rand liegt eine riesige, private Konzession, mit drei außergewöhnlichen kleinen Lodges: das rustikale Camp Kalahari, es liegt versteckt im Busch, das romantische San Camp mit nur sechs weißen Zelten und Yogaplattform mit Blick auf die Salzpfanne und Jacks Camp, das Original. So müssen die Engländer früher gereist sein, mit Billardtisch, romantischen Himmelbetten und orientalischen Teppichen. Im Bad Samt rote Vorhänge, ein alter hölzerner Toilettenstuhl mit schwerem Deckel und Ziehspülung.

Jetzt stehe hier mit meinen verstaubten Trekkingschuhen auf dem Perserteppich und trinke Tee aus feinstem China Bone. Vor mir eine Graslandschaft durchzogen von kleinen Seen mit Flamingos. Schon verrückt. Dieses Jahr war der Frühlingsregen ungewöhnlich stark und kam später als geplant. Deswegen gibt es in der sonst so trockenen Landschaft rund um die Pfanne immer noch Wasser und dadurch viele Tiere. Elefantenherden, Zebras, Antilopen. Hier ist richtig was los, so kenne ich das Gebiet gar nicht.

„Give them what they never knew they wanted.“

Das ist der Slogan dieser Lodges und er stimmt, denn was man hier erlebt, das ist der Höhepunkt einer jeden Safari in Botswana. „Stephanie, get warm clothes and do not forget your Kikoy.“ Jetzt wird es ernst, der Kikoy ist ein rotes Tuch, das man sich wie ein Beduine um den Kopf wickelt, bevor man sein Quad besteigt und in die Salzpfanne brummt. Komplett vermummt, Brille an, Gang rein und das Abenteuer beginnt. Ich lege erst einmal Abstand zwischen mich und das Quad vor mir, der Staub ist unglaublich. Nach einer Stunde Fahrt halten wir an. Mitten im Nichts! Hier sieht es aus wie auf dem Mond, am Horizont wölbt sich die Erde, der Boden ist grau, es wächst kein einziger Halm, Tiere gibt es auch nicht. Wahnsinn, ich lege mich mit dem Rücken auf die noch warme Salzkruste und schaue in den blitzblauen Himmel. Die Nachmittagssonne wird langsam schwächer und es erscheint erst ein, dann zwei, dann eine ganze Gruppe von Sternen. Innerhalb von 20 Minuten ist es, als hätte das Universum alle seine Türen geöffnet und lässt einen magischen Blick in die fernsten Galaxien zu. Das einzige Geräusch ist mein eigener Herzschlag, ein paar Tränchen rollen, es ist einfach ergreifend. Moments of lifetime. Es gibt ein Sprichwort aus Botswana: „Stille hat einen gewaltigen Lärm“, denke, das wurde hier geboren.

Die Sonne ist untergegangen, sofort wird es empfindlich kühl, die Truppe bläst zum Aufbruch. In der Ferne ein Licht, das ist das Ziel. Eine komplett ausgestattete Bar, Feuerstelle und ein gedeckter Tisch. Wir genießen ein Gourmetdinner im Mondschein und eine Schaufel glühende Kohle unterm Stuhl hält schön warm.

Letzter Tag: Frühaufsteher sehen mehr oder  – besser auf afrikaans gesagt – „Meerkats“. Die kommen nämlich kurz nach Sonnenaufgang aus ihrem Bau und genau vor dem Ausgang sitze ich mit der Kamera auf Stand-by. Hier gibt es seit Jahren eine Erdmännchenfamilie, die sich an Menschen gewöhnt hat. Angeblich hat es einmal einen Zwischenfall gegeben, bei dem der Truppe ein Baby bei der Flucht vor dem Raubvogel verloren ging. Die Biologin, die damals täglich die kleinen Nager beobachtete, brachte das Junge dann sicher zurück. Ab da wurden sie immer zutraulicher.

Und so ist es heute noch. Die ersten Zwei krabbeln aus dem Bau und stellen sich aufrecht zum Wärmen in die Sonne, nach und nach kommt die ganze Familie ans Tageslicht. Einer klettert wie selbstverständlich auf mein Knie, den Schwanz benutzt er wie einen Fotoständer damit er nicht umfällt. Wie süß! „Lass’ ja die Finger bei Dir“, murmele ich vor mich hin. Die Verlockung das kleine, wilde Pelztier zu streicheln, ist groß. Nach zehn Minuten ist dieser Teil der Show vorbei, die Tiere sind angewärmt und haben Hunger. Eifrig springen sie durch das Gras und graben Insekten aus.

Gerade kommt uns der Manager im Jeep entgegen: „Vorne liegen Löwen auf dem Weg“, sagt er. Jetzt wird es spannend. Fünfzig Meter weiter… da sind sie. Ein Pärchen im Liebesrausch, so erschöpft, dass die unseren Landrover völlig ignorieren und weiter pennen. Wenn Löwen lieben, dann machen sie es über mehrere Tage jede Viertelstunde, also warten wir ab. Und tatsächlich, 18 Minuten später tut sich etwas. Der Löwe gähnt und schüttelt sich, die Löwin springt auf, kurzes Schnuppern, dann der Akt. Er beißt sie in die Ohren, sie beißt ihn in den Hals, ein lautes Miau und ein kehliges Stöhnen, nach 30 Sekunden ist alles vorbei. Beide lassen sich ein paar Meter weiter wieder erschöpft ins Gras fallen.

Ein cooles Abschiedsgeschenk, denn in zwei Stunden geht es per Buschflieger zurück in die Zivilisation. Bevor ich in die Cessna steige, entdecke ich auf dem Flugfeld einen kleinen Busch mit wildem Basilikum. Ich zupfe ein paar Blätter ab und stecke sie in meine Kameratasche, neben die Speicherkarte mit 2561 Fotos.

Goodbye, Africa! Ich habe schon jetzt Sehnsucht nach Dir!evtl. Titel Vorwort

Man nehme: einen edlen Katamaran, eine herzliche Crew und kreuzt das passende Wetter an; Garantie für einen gelungenen Segeltörn. Bis hier ist alles noch ‚normal’ – edle Schiffe, gute Crews und passendes Wetter gibt es fast überall auf der Welt. Wenn die Macher hinter einem solchen Projekt aber Giorgia und Stefano Barbini heißen, Mamma Mia, dann kann man sich auf eine Überraschung einstellen.

Mit ihrer San Lorenzo Mountain Lodge auf 1200 Metern in den Südtiroler Alpen hat sich das Ehepaar aus der italienischen Modebranche schon seit einigen Jahren in die Herzen der Gäste zu Land – oder besser zu Berge – gekocht. Mit ihrem Katamaran ‚Blue Deer’ geht diese Erfolgsstory jetzt auf dem Wasser weiter.

Die Barbinis entführen den Gast in ein Italien, das noch herrlich ursprünglich ist. Weg von dreisprachigen Speisekarten und glitzernden Yachthäfen hin zu den echten, versteckten Juwelen auf kleinen Inseln und in unberührten Buchten.

Mein kurzes Wochenende startete in Gaeta, ein kleines Städtchen, zwei Stunden südlich von Rom, wo die Zeit stehen geblieben ist. Man spricht italienisch, man gestikuliert laut, und, man isst italienisch. Die nette Wirtin neben dem Bahnhof servierte uns ein paar Nudeln mit Thunfisch, die zum Niederknien waren.

Auf dem Weg zum kleinen Hafen sahen wir dann die Blue Deer schon aus der Ferne. Ein prächtiger Katamaran mit knapp 23 Metern und in Natura um ein vielfaches größer als es die Fotos erahnen lassen.

Schuhe ins Säckchen, Shorts an, Sonnencreme verteilt und schon sieht man das kleine Städtchen am Horizont verschwinden. Die Pontinischen Inseln sind das Ziel, die Spannung steigt. Ich kannte bis dato nur klassische Segelboote, ein Kat war neu, das Gefühl an Deck aber irgendwie angenehmer: Kein seitliches Geschaukel, sondern eher ein sanfter Tanz über die Wellen nach vorne.

Nach drei Stunden dann unser erster Stopp. Ventotene, eine knapp zwei Quadratkilometer große Vulkaninsel mit gerade einmal 500 Einwohnern, einer Piazza, einer Kirche und dem wichtigsten Museum für Ornithologie Italiens. Durch kleine Gassen klettert man die ausgetretenen Stufen hoch zum Aussichtspunkt, Autos findet man kaum, dafür aber ein antikes ‚Segway’, damit rumpelt es sich prächtig über die Pflastersteine.

Unten im Hafen wird dann erst einmal am Karren des Gemüsehändlers eingekauft. Das dauert natürlich, denn alles hat eine Mamma-Mia-Geschichte und nach 20 Minuten ziehen wir glücklich mit unserer Beute wieder in Richtung Yacht.

Frische, in Salz eingelegte Kapern, Oliven aus eigenem Anbau und Tomaten mit Geschmack. Unsere Köchin an Bord verwandelt die frischen Gaben sofort in eine köstliche Zwischenmahlzeit.

Ventotene war schon immer eine spezielle Insel; hier verbannten römische Kaiser ihre ungeliebten Familienmitglieder, Augustus zum Beispiel: Der parkte hier seine Tochter Julia, die nach seinem Geschmack ein etwas zu ausschweifendes Liebesleben führte. Aus dieser Zeit stammt auch der kleine Hafen und davor ein ‚natürlicher’ Swimmingpool, der in das Lavagestein gehauen wurde. Direkt vorgelagert ist die kleine Gefängnis-Insel Santa Stefano. Mussolini internierte hier seine politischen Gegner. Das Gebäude wurde mit der Akustik eines Opernsaals geplant, dadurch konnten die Wärter in der Mitte des Hauses stehen und alles hören, was getuschelt wurde. Sandro Pertini, Italiens späterer Staatspräsident war hier inhaftiert und der Antifaschist Altiero Spinelli verfasste hier 1941 sein „Manifest Ventotene“, ein Plädoyer für ein freies und geeintes Europa. 1941! Ein echter Visionär und Idealist! Heute gilt das Manifest als eines der wichtigsten Gründungsdokumente der Union. Vielleicht war das der Grund, warum Frau Merkel, Hollande und Renzi im Sommer 2016 genau hier in dieser Bucht, auf einem Flugzeugträger, die Probleme der Welt diskutierten. Ich hoffe für sie, dass sie bei ihrem Landgang Zeit für eine gute Portion Pasta hatten.

Nach so viel Geschichte war es Zeit für ein erfrischendes Bad im kristallklaren Wasser vor der Insel. Unsere italienischen Mitstreiter natürlich mit Neoprenshorty, die tauen erst bei 30 Grad auf:-)

Hmmm, 10. Oktober, 24 Grad Wassertemperatur, not so bad. Die Barbinis sind aktive Leute und haben drei Kinder. Kein Wunder also, dass das Schiff alle Toys für die Großen und die Kleinen hat. Wir, die Großen, haben den Seabob entdeckt. Sieht aus wie eine kleine Rakete, an die man sich dran hängen und über und unter Wasser Strecke machen kann. So was wie ein E-Bike im Meer, sehr entspannend.

Weiter ging die Reise nach Ponza, wieder ein kleines Dorf auf einer kleinen Insel, unberührt und Italien pur. Na, nicht ganz, die Insel hat 13 Taxiunternehmer und die Nummer 13 ist das Joetaxi. Das muss man sich dann so vorstellen: Das Taxi kommt an, ein Uritaliener; Goldkettchen, offenes Hemd; der Mann steigt aus und begrüßt uns im tiefsten Slang der Bronx. joe_taxt_cundm„I’m Joe, I lived in New York and I’m back to my routes, my wife disliked US. Well, I will tell you the story, it began…“ und das geht dann nonstop so weiter bis zur Tür des Restaurants. Laut Joe leben mittlerweile 65.000 Italiener aus Ponza in USA. Auch irgendwie verständlich, die Insel hat ganze sieben Quadratkilometer und zurzeit ca. 3300 Einwohner, da wird der ein oder andere schon sein Glück überm Teich gesucht haben. Auch hier viel Verbannung in der Antike, unter anderem auch ein Papst.

Warum ich das alles hier so im Detail erzähle? Ja, Rom ist immer eine Reise wert, Florenz ist wunderbar, Siena faszinierend und Venedig ein Traum. Aber alle diese Ziele sind vom Tourismus überrannt. Leider! Und der gekrönte Hotel Concierge hat mittlerweile Empfehlungslisten für tolle Restaurants und Sehenswürdigkeiten, die er gerne online schon vor der Anreise zumailt.

Wenn man also die ‚must see’ Städte bereist hat und Lust auf ein authentisches Italien hat, ohne dabei aber auf den 5-Sterne-Komfort bei der Hardware verzichten zu wollen, dann ist die Blue Deer genau das Richtige. Und für die Kenner edler Yachten oder noch mehr für die Einsteiger: die Barbinis haben nicht einfach ein grandioses Schiff gebaut, die haben ultimativ geplant. Alles was wichtig ist gibt es zweimal, also zwei Generatoren, zwei Klimaanlagen und zwei zusätzliche Wasseraufbereiter neben den 20.000 Litern die eh an Bord sind (die kleinen Technikwunder produzieren jeweils 240 Liter Wasser pro Stunde in Trinkwasserqualität).

Die vier Gästekabinen sind kleine Raumwunder, selbst Stefanos Wunsch nach einer großen Dusche mit Rainbowdüse hat noch reingepasst. Ich habe wunderbar geschlafen in dem großen, gemütlichen Bett und mich gewundert, dass ich mehr Schrankraum hatte als in so manchem Sterne Hotel. Seefesten Gästen empfehle ich: prinzipiell nur duschen beim Segeln, das ist richtig cool, sozusagen ein richtiges Wellenbad. :-)

Ja, da hat ein Ehepaar seine Vision in Perfektion umgesetzt, sowohl bei der Hardware aber auch beim Erlebnis. Trüffelsuche à la Barbini, sprich: weg vom Üblichen. Mit der Blue Deer geht man auf Entdeckungstour abseits der ausgetretenen Pfade, egal wo sie die Segel setzen. Im Sommer auf den Pontinischen oder nördlich von Sizilien auf den Liparischen Inseln, im Winter dann in der Karibik, auch hier hat Stefano schon eine besondere Route ausgeklügelt. Ich habe übrigens auch noch einen Geheimtipp für Hardcore Segler mit Zeit: die Überführung des Schiffes vom Mittelmeer in die Karibik kann im Herbst 2017 vielleicht sogar auch gebucht werden.

p1010438Zurück in Frankfurt wackelt der Boden noch ein bisschen. Im Kühlschrank die eingelegten Kapern aus Ventotene, auf der Kamera 215 Bilder von pittoresken Örtchen, Buchten mit glasklarem Wasser, Pasta in allen Variationen und einem stolzen Schiff. Ein großes Dankeschön an die Barbinis und die charmante Crew, das Wochenende war: „Mamma Mia!“

“Alles, was ich mir wünschte, war, nach Afrika zurückzukommen. Wir hatten es noch nicht einmal verlassen – und doch war ich, wenn ich nachts wach lag und lauschte, schon heimwehkrank.“  Ernest Hemingway (mehr …)