Kategorie: Aktuelles

Tischgespräch mit –

Dietmar Müller-Elmau

Klassische Hotellerie? Ist ihm zu langweilig! Dietmar Müller-Elmau hat in dem Traditionshaus zwischen Karwendel, Wetterstein und Zugspitze mit alten Regeln gebrochen und so ziemlich alles auf den Kopf gestellt.

Früher hat er Elmau gehasst. Als Kind empfand Dietmar Müller-Elmau das Hotel, in dem er aufwuchs, mit seinen mächtigen Mauern und dem großen Turm, als extrem einengend. Nie hat er versucht, sich mit dem alten Anwesen zu arrangieren oder sich gar die Philosophie seines Onkels und seines Vaters zu eigen zu machen – denn Kompromisse sind nicht sein Ding. Bis heute nicht. Ja-Sager sind für ihn eine Beleidigung, Widerspruch ist anregend. Für einen Hotelier eine eher ungewöhnliche Eigenschaft. Mit seinen langen, blonden Haaren, Mokassins und blauem Leinenanzug wirkt Müller-Elmau eher wie ein Gast, als er den Panorama-Salon betritt. Nach der Begrüßung macht er es sich dann auch gleich im Sessel bequem, schlägt die Beine übereinander und taucht für zwei Stunden in unser Gespräch ein. Der Mann plaudert nicht. Er hat Sendungsbewusstsein, spricht gerne, viel, schnell und möglichst gehaltvoll, mag philosophische und theologische Exkurse. Zwischendurch lacht er dann wieder euphorisch und erzählt voller Stolz, wie er die Ratschläge hoch bezahlter Interieur-Designer abgelehnt und alte Stammgäste vergrault hat. Zum Glück muss man aus heutiger Sicht sagen. Denn es ist gerade diese Unangepasstheit, die Elmau – umgeben vom Bilderbuch-Alpenpanorama mit Enzian, eiszeitlichen Buckelwiesen vor dem mächtigen Wettersteingebirge – zum besten Luxushotel Deutschlands macht.

STEPHANIE: Herr Müller-Elmau, bei einem CREDUM-Heft über Leidenschaft die naheliegendste Frage gleich zuerst: Wofür brennen Sie?

D. Müller-Elmau: Für die Freiheit oder besser, für die Freiheit der Wahl. Wenn ich irgendwo angekommen bin, will ich die Freiheit haben, sofort wieder gehen zu können. Ich möchte frei entscheiden können, ob ich mich entziehen oder ob ich mich einlassen will.

“Das Schloss war für mich Feindesland,
zu ruhig, zu reibungslos.”

Dietmar Müller-Elmau

STEPHANIE: Woher kommt dieser intensive Freiheitsdrang?

D. Müller-Elmau: Den hatte ich schon als kleines Kind, habe ihn von meiner Mutter geerbt. Sie ist in Curaçao geboren und hat die Regeln, die damals hier auf dem Schloss herrschten, als extrem eng empfunden.

STEPHANIE: Damals war Elmau noch nicht der Ort, den wir hier heute erleben.

D. Müller-Elmau: Eher genau das Gegenteil. Mein Großvater Dr. Johannes Müller hat das Schloss 1914 gebaut und 1916 als «Refugium weltentrückter Innerlichkeit, Gemeinschaft und Hochkultur» eröffnet. Von Anfang an kamen viele berühmte Musiker hierher und blieben manchmal monatelang. Bei den Konzerten durfte nicht geklatscht und beim Tanzen nach klassischer Musik nicht gesprochen werden.

STEPHANIE: Das ist dann aber nur der halbe Spaß …

D. Müller-Elmau: Musik war in Elmau Religion. In ihrem Urlaub sollten die Gäste die «Freiheit vom Ich» erleben.

STEPHANIE: Was bedeutet das?

D. Müller-Elmau: Die «Freiheit vom Ich» war das Ideal meines Großvaters. Er empfand das Ich als den Kern aller Probleme. Nur wenn einem das Ich nicht im Weg steht, ist man eins mit Gott. Aber wie erreicht man das? Wer im Urlaub entspannt und zur Ruhe kommt, der fängt früher oder später doch immer an zu grübeln, so die Theorie meines Großvaters. Deswegen sollten die Gäste klassische Musik hören, denn klassische Musik ist eine Offenbarung Gottes. Aber auch wenn die Menschen Musik hören, dann grübeln sie irgendwann trotzdem weiter. Und so kam Johannes Müller schliesslich auf die Idee, den Tanz einzuführen. Tanzen ist Ekstase. Man besiegt das Ich, indem man sich auf die Musik und den Partner konzentriert. Denn wenn man dem Anderen nicht auf die Füße treten und den Rhythmus verlieren will, dann kann man nicht an sich denken.

STEPHANIE: Klingt logisch.

D. Müller-Elmau: War es, aber es war auch ein Diktat! Es gab hier viel zu viele Regeln. Alle Gäste waren schwarz-weiß gekleidet, die Tischordnung wechselte täglich und war zu respektieren. Das war nicht mein Ding. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wann ich mich selbst vergesse und wo. Das Schloss war für mich Feindesland, zu ruhig, zu reibungslos.

STEPHANIE: Dagegen haben Sie immer opponiert. Als Teenager sind Sie einmal bei einem Vortrag zum Sicherungskasten geschlichen und haben den Strom abgestellt. Kein Licht, kein Mikrofon.

D. Müller-Elmau: Stattdessen war Tumult im Saal! Endlich Schluss mit dieser unerträglichen Ruhe, mit dieser Einigkeit, mit diesem allgemeinen Kopfnicken. Wenn es niemanden gibt, der die Ruhe stört, kann auch niemand die Ruhe im positiven Sinne wahrnehmen.

STEPHANIE: Nach dem Abitur sind Sie erst einmal für ein Jahr gereist.

D. Müller-Elmau: Ich musste raus, wollte nachdenken. Ein Freund von mir war zu der Zeit gerade nach Südindien gezogen und bat mich, einen Mercedes-Bus und ein paar seiner Sachen von Deutschland aus nachzubringen. Er kam für den Sprit auf und erlaubte mir, mir so viel Zeit zu nehmen, wie ich wollte. Das war eine abenteuerliche Reise, die mich sehr viel gelehrt hat.

Wenn Dietmar Müller-Elmau ins Erzählen kommt, wird es spannend: Exkurse in Philosophie, Religion, Wirtschaft, gespickt mit vielen persönlichen Anekdoten. Er ist ein Suchender, ein Rastloser. Dass er dabei auch ein extrem kluger Kopf ist, zeigt sein Werdegang: Er studierte Betriebswirtschaft, Theologie, Philosophie. Dann Computer Sciences in den USA. Nach zwei Monaten war er einer der Besten in seinem Studiengang. Dabei hatte er sich das Fach nur deswegen ausgesucht, weil er von dieser Thematik am wenigsten verstand. Der 65-Jährige hatte noch nie Angst vor Herausforderungen, wohl auch, weil er die Gabe hat, im richtigen Moment seine Chancen zu ergreifen.

Als das 5-Sterne-Hotel Traube Tonbach im Schwarzwald 1986 an ihn herantrat und ihn bat, eine Gästekartei für sie zu entwickeln, sagte er nicht nein. («Ich hatte eine Familie zu ernähren und brauchte das Geld».) Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die locker ein zweites CREDUM-Interview füllen würde. In der Kurzfassung: Die Software «Fidelio» war so revolutionär und brillant aufgesetzt, dass auch Hotels in der Schweiz darauf aufmerksam wurden. Die Hoteliers machten ihm ein verlockendes Angebot, das aber nicht ohne Risiko war (viel Geld, wenn das Programm fristgerecht fertiggestellt wurde, viel Strafe, wenn nicht). Unerschrocken nahm Müller-Elmau die Herausforderung an. Mit Leidenschaft und Enthusiasmus, gepaart mit Know-how und der Gabe, groß zu denken, wurde aus der One-Man-Show bald eine Firma mit 500 Angestellten und mehr als 100 Millionen Jahresumsatz.

Zehn Jahre nach der Gründung verkaufte Müller-Elmau «Fidelio» für 55 Millionen. Gerade erst wurde die Software an Oracle verkauft – für 5,5 Milliarden Euro. Als er diese Zahlen nennt, schaue ich ganz genau hin … 55 Millionen statt 5,5 Milliarden? Autsch! Da hat er wohl zu früh verkauft! Aber Müller-Elmau verzieht keine Miene. Der Mann lebt im Jetzt, einmal erledigt, abgehakt.

STEPHANIE: Nach dem Verkauf von Fidelio hatten Sie 55 Millionen Euro in der Tasche. Genug für ein schönes Leben weit weg von diesem Tal. Trotzdem sind Sie 1998 zurück nach Elmau gegangen. Warum nur?

D. Müller-Elmau: Weil mein Vater mich gebeten hat, ihm lag Elmau sehr am Herzen: die Gebäude, die Tradition, die Musik. Da konnte ich nicht nein sagen, denn Vater war mir sehr wichtig. Zu dieser Zeit ging es dem Hotel nicht mehr so gut. Es musste dringend renoviert werden, aber die Bank wollte meinem Onkel, Dr. Mesirca, der damals 80 Jahre alt die Geschäfte leitete, kein Geld mehr geben.

STEPHANIE: Haben die alten Leute Ihnen bereitwillig das Zepter übergeben?

D. Müller-Elmau: Oh nein. Als ich klargemacht habe, dass ich mein Geld nur geben würde, wenn ich in Zukunft mitbestimmen dürfte – da war das eine Kriegserklärung. Und dieser Krieg wurde erbittert geführt. Am Ende landeten wir sogar vor Gericht und stritten bis zur letzten Instanz.

STEPHANIE: Aber Sie haben sich nicht beirren lassen?

D. Müller-Elmau: Natürlich nicht. Als das Gericht für mich entschied, habe ich sofort richtig losgelegt. Als Erstes wurde der Morgentanz abgeschafft.

STEPHANIE: Und Sie haben, ziemlich radikal, die großen, runden Tische im Speisesaal persönlich durchgesägt. Das muss ein Befreiungsakt gewesen sein.

D. Müller-Elmau: Ich wollte zeigen, dass die Zeiten, in denen die Tischordnung diktiert wurde, vorbei sind.

STEPHANIE: Was haben die Gäste gesagt?

D. Müller-Elmau: Die fanden das unmöglich, die Mitarbeiter auch, alle waren gegen mich.

STEPHANIE: Wie haben Sie diese Situation gelöst?

D. Müller-Elmau: Ich habe versucht, es zu ignorieren und weiter mein Ding zu machen und mich nicht allzu sehr vom Hotelalltag zerreiben zu lassen. Ich nehme mir bis heute die Freiheit, in Elmau Gast zu sein. Für alles andere gibt es einen Hoteldirektor.

STEPHANIE: Bei der Wahl Ihres Managements setzen Sie gerne auf Menschen, die aus einem anderen Land kommen. Warum?

D. Müller-Elmau: Ich bin der Meinung, dass man nur, wenn man selber fremd ist, das Besondere eines Ortes zelebrieren kann. Ich will mich in einem Hotel nicht zu Hause fühlen, sondern ich will in einem Hotel den Luxus des Fremdseins geniessen.

STEPHANIE: Interessanter Ansatz, das habe ich so noch nie gehört. Und warum sollen die Hoteldirektoren keine Locals sein?

D. Müller-Elmau: Wer an einem Ort zu Hause ist, der hat einen Vorteil gegenüber dem Gast und wirkt dann leicht überheblich. Das gefällt mir nicht. Ich möchte, dass auch unsere Angestellten über die Schönheit dieses Ortes staunen und sich nicht schon lange sattgesehen haben. Deswegen setze ich auch gerne auf junge Leute.

STEPHANIE: Die sind zwar nicht unbedingt perfekt – mir wurde gestern Abend Brot und Butter zur Nachspeise serviert – aber sie sind mit vollem Elan dabei.

D. Müller-Elmau: Ich mag ihre Energie und die Euphorie, mit der sie bei der Sache sind. Dafür bekommen wir von unseren Gästen ein ausserordentlich gutes Feedback. Ausserdem kann man sich nur durch viele Azubis den extrem guten Personalschlüssel leisten. In Elmau kümmern sich zwei Mitarbeiter um einen Gast.

Hmmm, das hat gute und schlechte Seiten. Eine Freundin von mir will nicht mehr als Gast in Elmau sein, sie sagt: Bei dem Übernachtungspreis möchte sie kein Testkaninchen für Azubis sein. Ich sehe das etwas anders. Die Branche braucht dringend guten Nachwuchs. Es ist eine sensible Herausforderung, beide Seiten zu einem guten Ergebnis zu führen.

STEPHANIE: Ihr Haus ist für seinen entspannten Service berühmt. Aber auch immer noch für sein außergewöhnliches Kulturangebot.

D. Müller-Elmau: Für «Fidelio» hatte ich mein Philosophiestudium aufgegeben. Also fing ich an, die besten und interessantesten Philosophen und Historiker aus aller Welt nach Elmau einzuladen, um hier auf Symposien zu sprechen.

STEPHANIE: Da ging es um Richard Wagner im Dritten Reich, jüdische Geschichtsschreibung, Antiamerikanismus. Das waren alles andere als entspannte Plauderstunden. Die Feuilletons von F.A.Z. und SZ haben damals jedes Mal ausführlich berichtet.

D. Müller-Elmau: Bei Wagner gab es einen riesigen Knall. Ich habe es gewagt, den Götterheiligen der deutschen Intellektuellen in Frage zu stellen, indem ich alle wichtigen Wagnerianer und Antiwagnerianer zusammengetrommelt habe. Das war ein Novum. Endlich wurde unter diesem Dach kontrovers diskutiert und nicht mehr nur genickt. Herrlich! Aber der Meinung waren natürlich nicht alle. Der typische Elmau-Gast war damals selbstverständlich Wagner-Fan. Wer Wagner nicht liebt, der ist kein Mensch, da war man sich hier einig. Als ich zu Weihnachten nicht mehr nur klassische Musik spielen ließ, sondern auch Jazz, waren die Gäste außer sich. Viele der grauhaarigen Herrschaften verließen sogar wütend den Saal.

STEPHANIE: Sie haben also alle vergrault.

D. Müller-Elmau: Jawohl! Nur Thomas Quasthoff, der am Vortag selber bei uns aufgetreten war, der saß in der ersten Reihe und war völlig begeistert. Spätestens nach diesem Eklat setzte der große Exodus ein. Johannes Rau schrieb mir einen 17-seitigen Brief und sagte, ich würde den letzten Ort deutscher weltentrückter Innerlichkeit vernichten. Loriot, der Stammgast war und hier im alten Turmzimmer alle seine großen Filmprojekte geplant hat, kam auch nicht mehr. Ich wurde beschimpft als Amerikanist und Kapitalist. Nach zwei Jahren waren dann alle alten Gäste weg.

STEPHANIE: Ziel erreicht?

D. Müller-Elmau: Anders hätte ich es nicht ertragen. Der gute Nebeneffekt war, dass dadurch endlich Platz für ein neues Publikum war. Seither zelebrieren wir hier die Vielfalt der Welt.

STEPHANIE: Das sieht man in Elmau ganz besonders in der Architektur. Um ehrlich zu sein, passt hier nichts so richtig zusammen. Das fängt bei der Fassade an und hört hier, bei der Gestaltung des Saales, auf. Nicht viele Interieur-Designer würden zum Beispiel dieses orangefarbene Sofa zu dem senfgelben Sessel kombinieren. Und trotzdem fühlt man sich hier extrem wohl!

D. Müller-Elmau: Absolut richtig. Die meisten Innenarchitekten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie zum ersten Mal hier reinkommen. Und nach zehn Minuten sagen sie dann: «Wow, irre!»

STEPHANIE: Woran liegt das?

D. Müller-Elmau: Ich widerspreche mir ständig selber, nichts ist aus einem Guss. Das ist meine Art, die Dinge zu sehen und deswegen fühlen sich hier so viele unterschiedliche Menschen wohl: von Präsident Obama auf dem G7-Gipfel bis zum Schreiner, von der alten Oma bis zu den kleinen Kindern. Meine Architektur hat Brüche und ist damit zutiefst menschlich. Wenn das Umfeld perfekt ist, dann ist man ständig mit seiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert.

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STEPHANIE: Schon in den ersten Jahren ließen Sie einiges umgestalten, haben einen Indoor-Pool und einen Literatursaal bauen lassen. Aber erst nach dem 7. August 2005, nachdem ein schrecklicher Brand das Hotel fast vollständig zerstört hatte, konnten Sie Ihre Visionen richtig verwirklichen.

D. Müller-Elmau: Ausgerechnet meinem ärgsten Feind, meinem Onkel Dr. Mesirca, habe ich das zu verdanken. Er hatte nachts durch seine Heizdecke einen Kurzschluss verursacht und damit das Feuer ausgelöst. Ein Alptraum, schließlich waren wir an dem Tag fast ausgebucht. Aber als der letzte Gast gerettet war und wie durch ein Wunder niemand zu Schaden gekommen war, wusste ich: Das ist meine ganz große Chance!

STEPHANIE: Das Schloss wurde damals zu zwei Dritteln abgerissen. Ich kann mich an die Bilder erinnern. Das Fernsehen war die ganze Zeit dabei und berichtete.

D. Müller-Elmau: Ja, das mediale Interesse war groß. Schon am Tag nach dem Brand riefen zig Künstler an und boten ihre Hilfe an.

STEPHANIE: Es wurde ein großes Konzert in München, in der Philharmonie am Gasteig, organisiert.

D. Müller-Elmau: Das war eine riesige Hilfe. Schließlich hatte ich kein Hotel mehr, aber 450 Angestellte, die ich weiterbezahlen musste, wenn ich sie nicht verlieren wollte. Der Schaden belief sich auf 45 Millionen.

STEPHANIE: Hat die Versicherung klaglos bezahlt?

D. Müller-Elmau: Das ist eine Geschichte für sich. Erst tat man so, als müsste ich mir nicht die geringsten Sorgen machen. Und am Ende gab es dann doch ein ziemliches Gerangel. Mein großes Glück war es, dass ich auf den Rat eines Gastes, der in der Brandnacht dabei war, gehört habe und mir unabhängige Gutachter, die nicht aus Bayern kamen, gesucht habe.

STEPHANIE: Warum war der Brand für Sie eine große Chance?

D. Müller-Elmau: Ich konnte die bis dato winzigen Zimmer endlich zu großen Suiten umbauen und alles großzügig nach meinen Vorstellungen gestalten.

STEPHANIE: Ihre Architektur-Ideen sind nicht gerade zurückhaltend. Insbesondere der Anbau, ein Retreat mit 47 Suiten, 150 Meter vom Schloss entfernt, ist recht groß geraten.

D. Müller-Elmau: Meiner Meinung nach sollte sich Architektur nicht in die Landschaft einfügen. Sie muss sich dagegen behaupten. Schloss Elmau und ganz besonders der Anbau sind sehr klotzig. Ich habe das bewusst so gestaltet. Diese Architektur soll helfen, die ganze Schönheit des Tals sichtbar zu machen. Wie schön ein Ort ist, erkennt man oft erst, wenn ihm etwas gegenübersteht, was dagegen spricht. Das Mandarin Oriental in Bangkok ist da ein gutes Beispiel.

STEPHANIE: Wenn der dreckige Fluss und das Chaos der Stadt drumherum nicht wären, wäre das Hotel nur halb so schön?

D. Müller-Elmau: So ist es. Eine andere Inspiration war für mich das Schachenschloss.

STEPHANIE: Das kleine, wundervolle Lustschloss, das der Märchenkönig Ludwig nur ein paar Kilometer von hier entfernt am Fuß des Wettersteingebirges bauen ließ.

D. Müller-Elmau: Es ist eines der spektakulärsten Häuser, die ich kenne. An diesem Platz, auf 1866 Metern Höhe, sowas zu bauen, das ist Freiheit. Damit dem kleinen Schlösschen in den Winterstürmen nicht das Dach wegweht, wurde ein riesiger Kronleuchter als Gegengewicht in die Halle gehängt, der das Dach quasi festhält. Von außen erinnert das Haus an eine schweizerische Berghütte, das Untergeschoss ist ganz bodenständig eingerichtet, aber im ersten Obergeschoss wartet ein furioser orientalischer Salon auf den Besucher. Völlig entwurzelt. Das ist Freiheit! Dort habe ich begriffen, dass die Schönheit der Landschaft erst durch den Widerspruch sichtbar wird.

STEPHANIE: In Berlin haben Sie vor Kurzem den ersten Elmau-Ableger eröffnet, das Orania mitten in Kreuzberg. Das Hotel steht auch in einem krassen Widerspruch zu seiner Umgebung. Drinnen feinster Luxus und erstklassiger Service, eine Oase des guten Essens, der Entspannung und grandioser Musikunterhaltung. Draußen vor dem Hotel, auf der Parkbank, sitzen Punks mit ihren Hunden und essen Döner.

D. Müller-Elmau: Ich liebe diesen Kontrast und bin selber ganz überrascht, wie gut das Konzept funktioniert. Die Anwohner waren in den ersten Monaten nicht gerade unsere Freunde. Wir sind schrecklich angefeindet worden und hatten ständig Ärger. Aber mittlerweile hat sich die Situation beruhigt.

STEPHANIE: Auch Vicco von Bülow hat sich irgendwann mit Ihrem Haus ausgesöhnt. Im Buchladen hängt an der Wand eine Zeichnung von Loriot, die Schloss Elmau gewidmet ist. Wann ist er wieder gekommen?

D. Müller-Elmau: Das war sehr spät, lange nach dem Neubau. Da war er schon 80 Jahre alt. Er kam, weil er gehört hatte, dass es hier so schön geworden sei. Er fühlte sich superwohl und lief die ganzen Tage nur im Bademantel herum. An besagter Zeichnung hat er übrigens monatelang gearbeitet.

STEPHANIE: Das Bild zeigt einen seiner berühmten «Knollennasenkellner», der auf dem Rücken einen Elefanten trägt. Der Elefant ist das heimliche Maskottchen von Elmau, er ist überall auf Kissen und an den Wänden zu sehen.

D. Müller-Elmau: Unter das Bild hat Loriot geschrieben: «Hier bist du ein geliebter Gast, auch wenn du keinen Rüssel hast.» Damit hat Loriot den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Elmau brillant auf den Punkt gebracht: Früher waren hier alle Gleichgesinnte. Und jetzt geht es um den Einzelnen.

Drei Stunden hat unser Gespräch gedauert – jetzt muss ich erst einmal meine Gedanken sortieren, das war viel Input. Ich bin der Meinung, dass besondere Projekte außergewöhnliche Menschen brauchen, die auch dazu stehen, dass sie polarisieren. Dietmar Müller-Elmau ist so ein Mensch: you love him or you hate him. Für mich zählt am Ende das Ergebnis – kein Hotel in Deutschland hat es so drauf wie Schloss Elmau, der Erfolg gibt ihm Recht. Chapeau!

Zwölf Mal in Folge wurde Norwegen zum lebenswertesten Land der Welt gekürt. Die Süddeutsche Zeitung vermutete sogar, dass hier der Liebe Gott zu Hause sei. Zeit, einmal nachzuschauen …

Schon beim Packen wird klar, dieser Trip wird anders. Neben Bikini und Flip Flops stapeln sich dicke Wollpullover, eine Re­genjacke und feste Wanderschuhe. Die Wettervorhersage für Ålesund am kommenden Montag reicht konkret von 5 Grad Minimum bis 24 Grad Maximum, Sonne und Regen.

Als ich mit 40 Minuten Verspätung in Oslo lande, fühlt es sich erst einmal nicht so an, als wäre ich beim Lieben Gott auf Wolke 7 gelandet, sondern direkt in der Zukunft. Licht­durchflutete Gänge mit grauen Marmorböden, über mir ein kühn geschwungenes Holz-Dach, kaum Passagiere und kein Bodenpersonal. Hier funktioniert alles per Computer.

Schön anzusehen, aber ich muss hier erst mal klarkommen. Zumal ich gerade dabei bin, meinen Anschlussflug zu ver­passen. Online-Check-In ist nicht mehr möglich. Pech ge­habt, sagt das System. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Auf dem Weg zum Gate sitzt ein älterer Herr in einer Reihe verwaister Counter. Eigentlich sieht er gar nicht zuständig aus aber einen Versuch ist es wert. Ich schildere mein Prob­lem und prompt setzt er sich in Bewegung. Er ruft das Gate an, macht mir schnelle Beine, regelt das.

Willkommen in Norwegen, hier menschelt es trotz allen Fortschritts. Dieser Mann hat mich nicht nur auf den An­schlussflieger gepackt, zum Abschied steckt er mir ein Stück Konfekt zu. Handgemacht von seinem Schwiegersohn, der betreibt eine Bonbonmacherei in der Stadt.

In Ålesund an der Westküste Norwegens angekommen, geht es genau so freundlich weiter. Eine nette Blondine steht schon parat und umarmt mich, «You must be Stephanie». Das passt mir gut, bin ja auch so ein Umarmer.

In den nächsten drei Tagen bin ich in der Obhut der Familie Flakk. Diese Gastgeber sind etwas Besonderes. Ihr Vermö­gen haben sie mit Strickwaren gemacht – mit klassischen Norweger-Pullis und Unterwäsche aus feinster Merino-Wol­le. Die Firma hatte ihren Hauptsitz in Ålesund und war dort der größte Arbeitgeber. Unter dem Druck der globalen Welt wurde die Produktion irgendwann nach Litauen verlegt. Bis hierhin eine ganz normale Story. Aber: Das Ehepaar Knut und Line Flakk war seiner Heimat so sehr verbunden, dass es für Ålesund einen Plan B entwickelte. Sie wollten neue Arbeitsplätze schaffen, die auch in Zukunft nicht verlegbar sein werden, so begann ihr Abenteuer Hotellerie.

Drei 5-Sterne-Hotels, vier Boote und neun Helikopter ge­hören mittlerweile zum Projekt 62°North. Dieser Plan war 2006 auch ambitioniert, da Norwegen bis dato berühmt für seine Natur aber auch für sehr rustikale Unterkünfte war. Das «Projekt» ist heute Arbeitgeber von über 150 Menschen und Ålesund ist ein begehrtes Urlaubsziel für anspruchsvol­le, aktive Weltenbummler geworden. Heute bin ich einer von ihnen und finde mich zwei Stunden nach meiner Ankunft schon auf einem Fischkutter wieder. Alles wie im Bilderbuch: Das Schiff ist leuchtend weiß gestrichen, die hölzernen Bodenplanken sind frisch geschrubbt und Per Ove, der Kapitän, ist mit seinem wettergegerbten Gesicht ein richtiger Seebär. Nur ich passe da nicht ins Bild, in einem dicken XXL-Overall der Fischer sehe ich aus wie das Michelin-Männchen.

Mit von der Partie auf dieser Reise sind fünf Kollegen, Reisedesigner aus aller Herren Länder. Darunter auch Annette aus Russland, mit der ich schon viele dieser «Check-Reisen» unternommen habe. Wir tuckern los, fahren an den Inseln vorbei auf das Meer hinaus, der Freiheit entgegen. Doch auch der Blick zurück, auf den Eingang des Geirangerfjord, ist atemberaubend. Diese Landschaft gehört mit ihren zerklüfteten Bergen, die bis zu 2’000 Meter hoch direkt aus dem saphirblauen Wasser ragen, zu den schönsten Orten, die Norwegen zu bieten hat, und steht deshalb seit 2005 auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste.

Die schneebedeckten Gipfel des Hjørundfjords, die von der Abendsonne beschienen golden strahlen, setzen dem ganzen noch die Krone auf. Ich bin fassungslos über so viel Schönheit. Annette reißt mich mit einem Jubelschrei aus meiner Verzückung. Sie hat es nicht so mit der Andacht, sie ist eine Frau, die gerne mit anpackt und alles ausprobiert. Mit Per Ove steht sie an der Reling und hält eine Leine in der Hand. «Da hat was angebissen», ruft sie mir zu und zieht mit einem Ruck sechs Seelachse an Deck … sehr zur Freude des Kapitäns, der gleich anfängt, sein Abendessen vorzubereiten. Die Innereien wirft er über Bord, wo sie noch im Flug von den hungrigen Möwen, die unserem Boot jetzt in Scharen folgen, aufgefressen werden. Ich wusste gar nicht, wie einfach Fischen ist! Leine mit funkelnden Metallfischen runterlassen, ein bisschen warten, hochkurbeln, voilà.

Der erste Tag in «Gottes Land» war schon mal gut. Nach einem Gourmet-Dinner im Hotel Brosundet sinke ich glücklich in mein gemütliches Bett unterm Dachgiebel und schlafe schnell zum Plätschern des Wassers an der Hafenmauer ein. Tag zwei beginnt mit einem Rundgang durch das malerische Ålesund, das sich über mehrere Inseln streckt.

Seine besondere Architektur hat das Städtchen im Grunde einem schrecklichen Unglück zu verdanken: Am 23. Januar 1904, um zwei Uhr nachts, saßen in der alten Konservenfabrik neben der Kapelle einige Männer zusammen und tranken um die Wette. Eine Karbidlampe stürzte vom Tisch. Kurz danach standen erst das Haus und dann die ganze Ortschaft mit 800 Häusern in Flammen. Dass die Stadt dann schnell und außerordentlich prunkvoll, im feinsten Jugendstil, wieder aufgebaut wurde, hat Ålesund nicht zuletzt Wilhelm II. zu verdanken. Der letzte deutsche Kaiser war ein großer Norwegen-Fan und machte hier auf seinen alljährlichen Nordlandfahrten im Sommer Station. Diese Urlaube zählen zu den bizarrsten und exotischsten Episoden seiner Regentschaft. Sie ließen den Norwegen-Tourismus der Deutschen boomen: Hielt Wilhelm sich in den Fjorden auf, waren alle Kreuzfahrtschiffe ausgebucht, nach seiner Abreise war die Saison beendet. Als Wilhelm II. damals vom Brand in Ålesund hörte, wollte er sofort helfen. Nur drei Tage nach der Katastrophe traf eine Flotte mit vier Kriegsschiffen aus Bremerhaven und Hamburg ein. An Bord waren Decken, Zelte, Lebensmittel, Medikamente, Ärzte und sogar ein mobiles Krankenhaus. All das soll der Kaiser von seinem Privatvermögen bezahlt haben.

Nach einem Fotostopp am pittoresken Leuchtturm von Molja, den man übrigens für eine Nacht mieten kann (er besteht aus einem Doppelbett im ersten Stock und einem Minibad im Parterre), geht unser Abenteuer weiter mit einem wilden Ritt auf dem RIB Boat, einem superschnellen Schlauchboot mit festem Rumpf, das beim Fahren vorne abhebt.

Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, kennt man mich, dann weiss man: Ich bin ein kleiner Kontrollfreak und eine schlechte Beifahrerin. Die Kollegin aus Moskau spricht mir gut zu. Seis drum, wenn Kinder ab zehn Jahren mitfahren können, dann kann ich das auch. Und tatsächlich, als wir mit 100 Sachen über den spiegelglatten Atlantik fliegen, ist die Angst wie weggeblasen. Wir jagen über das Meer, vorbei an einsamen Inseln bis nach Runde. Das Eiland hat gerade mal 100 Einwohner, doch jedes Jahr zur Brutsaison von Februar bis August erobern mehr als 500’000 Vögel die grünen Felsen. Vom Eissturmvogel, über den Basstölpel bis zum Papageientaucher. Diese Tiere bieten uns eine hinreißende Unterhaltungsshow: Mit ihrem kräftig roten Schnabel und dem markanten schwarz-weißen Gefieder erinnern sie mich an Harlekine. Unermüdlich fliegen sie mit der Nahrung für ihre Jungen in die Höhlen im zerklüfteten Vogelfelsen.

Seeluft macht hungrig. Wir landen auf Skotholmen, einer Nachbarinsel, in the middle of nowhere. Dort, im Kami, wartet schon der Küchenchef Magnus Bergseth mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Die verspiegelte Sonnenbrille in den braunen Locken krempelt er die Arme hoch, wetzt die Messer und holt einen prächtigen Dorsch aus einem Eiskübel, der in der Küche steht. Früher war das hier eine Heringsfischerei, heute ist die alte Lagerhalle ein Restaurant für Liebhaber von frischem Fisch.

Und der Mann kann kochen wie ein Star, die Krabbensuppe ist ein Gedicht, der Fisch zum Hauptgang auch. Zum Restaurant gehört auch ein Maskottchen, eine fast zahme Möwe, die sich vor dem Fenster platziert und interessiert beim Anrichten der Leckereien zuschaut. Sie heißt Astrid und weiss genau, dass es nach unserem Dessert auch für sie noch ein Mittagessen geben wird.

Zurück in Ålesund gehen wir dann in die Luft. Überraschung, die Reise geht weiter per Helikopter, wieder ein kleiner Härtetest für mein Kontrollzentrum, aber dank dem fantastischen Wetter und dem Sitz neben dem Piloten ist dieser 20-minütige Flug nach Norangsdal ein Genuss. Von oben sieht man, wie die Fjorde langen Fingern ähnlich aus dem blau-grünen Wasser in das Landesinnere hineinragen. Wir sehen grüne Almwiesen mit verlassenen Berghöfen und Wasserfälle, die in die Tiefe stürzen.

Die Fjorde sind einst durch Talgletscher entstanden. Das Eis führte große und kleine Gesteinsbrocken mit sich, vertiefte und verbreiterte so die schon bestehenden Flüsse, so dass das Flusstal seine typische U-Form erhielt. Als dann am Ende der letzten Eiszeit der Meeresspiegel anstieg, strömte zusätzlich Wasser in die Täler und füllte die Gräben auf, die so tief sind, dass selbst Kreuzfahrtschiffe bis zum Ende vieler Buchten fahren können. Norangsdal ist berühmt. Eingerahmt von eindrucksvoll gezackten Berggipfeln, war das winzige Örtchen schon immer Inspiration für weltberühmte Künstler und Schriftsteller wie Karen Blixen, Knut Hamsun and Sir Arthur Conan Doyle. Auch die Royals machten es sich hier regelmäßig nett, residierten im Hotel Union Øye. Kaiser Wilhelm II. gehörte zu den Stammgästen. Morgens liebte er Frühsport mit Gymnastik, bei dem er seinen Mitturnern wohl gerne schon mal die Hosenträger durchschnitt (etwas seltsamer Humor), abends am Kamin wurden dann Intrigen gesponnen.

Die zwölf Suiten im Union Øye sind nach diesen Persönlichkeiten benannt. Dreimal dürfen Sie raten, welcher Promi einst in meinem Zimmer nächtigte. Richtig! Der Kaiser! Das Himmelbett ist eher klein und knarrt ein bisschen, aber immerhin mit kaiserlichem Wappen. Das Badezimmer wird von einer XXL-Badewanne geschmückt, ein Ungetüm auf vier goldenen Löwentatzen.

Das charmanteste war wieder einmal die Begrüßung; bei Anflug stand eine norwegische Schönheit in Landestracht bereit und strahlte übers ganze Gesicht: Mariann. Und auch hier wieder erst einmal eine dicke Umarmung («You must be Stephanie»). Irgendwie habe ich das Gefühl, es ist tatsächlich ernst gemeint. Die nächsten 24 Stunden ist sie immer lachend und aufmerksam für uns da, und das alles, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Auch Marianns Geschichte ist leicht bizarr. Das Hotel gehörte ihrem Vater, der verkaufte an Familie Flakk, sie wurde quasi mitverkauft und war mit 21 Jahren die jüngste Hoteldirektorin Norwegens. Das Union Øye ist ihr Baby, sie gehört quasi zum Inventar und scheint auch ein bisschen Narrenfreiheit zu haben. Erst vor kurzem kaufte der Eigentümer einen wundervollen Oldtimer, einen Lasalle von 1930 – bordeauxrot mit beigefarbenem Faltdach –mit dem düst sie jetzt über die Insel.

Tag drei, wieder ein Highlight. Bei strahlendem Sonnenschein, so warm, dass man in T-Shirts bereits schwitzt, geht es auf die Kajaks. Die Sonne lacht, trotzdem ist das Wasser kalt. Eisig kalt. Kollegin Annette verspricht, dass ich mir keine Sorgen machen muss, da sie im letzten Leben eine Kajak-Olympionikin war. Also gut, Rettungsweste an, rein ins Kajak, los in den Fjord. Umrahmt von einer Bilderbuchlandschaft, die schöner nicht sein kann, paddeln wir los. Die Glückshormone tanzen Tango. Ich verstehe das mit dem lebenswertesten Land jetzt besser; diese Natur ist unglaublich, reinste Luft, das Wasser tiefblau und sauber, die Menschen liebenswert, hier kann man es gut aushalten. Wir lassen uns treiben und genießen, keiner sagt was, jeder sinniert vor sich hin. Auch der Gastgeber lächelt versonnen, er freut sich, dass alle seine Pläne aufgehen. Nicht bei jeder Reise nach Norwegen ist der Wettergott so gütig.

Als wir mit den Kajaks anlegen, wartet die kleine Yacht bereits und es geht entlang der endlosen, einsamen Fjorde weiter zum dritten Hotel: Storfjord bei Glomset. Ein Boutiquehotel am Waldrand mit Blick übers Wasser, ein perfekter Ort, um ein paar Tage zu entspannen. Da wir hier nur eine Nacht sind, testen wir gleich alles im Schnelldurchgang und sitzen kurze Zeit später im Outdoor-Jacuzzi mit einem kalten Getränk, Geschäftsreisen machen Spaß.

Dazu gibt es dann noch eine Lektion in Sachen Norwegen und Transparenz. Ich treffe Tjorven, eine allein reisende Bibliothekarin und Mutter von drei Kindern. Bei einem Glas Weißwein – dazu gibt es würzige Elchsalami und hauchdünnes Flatbrød – kommen wir ins Reden. Darüber, dass der Reichtum des Landes (das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei monatlich EUR 4’600) nicht zuletzt den großen Ölvorkommen zu verdanken ist, die eigene Energieversorgung aber zu 99 Prozent über Wasserkraft läuft. Über das Gesundheitssystem (es gibt nur eine staatliche Krankenkasse, in die alle einzahlen), darüber, dass es hier, im hohen Norden, verpönt ist, seinen Reichtum offen zur Schau zu stellen und dass die Steuerbehörde jeden Herbst sämtliche Steuerdaten aller Bürger öffentlich macht. Mit ein paar Klicks können die Norweger nicht nur die Einkommensverhältnisse von Politikern, Schauspielern und Industriellen checken, sondern auch nachschauen, ob der Nachbar sein neues Boot aus versteuertem Einkommen bezahlt hat oder dafür in seinen Sparstrumpf greifen musste. Das muss man sich mal vorstellen! So eine Transparenz wäre in Deutschland undenkbar! Die Norweger dagegen finden nichts dabei.

Nach drei Tagen geht die Entdeckung per Mietwagen in Richtung Süden weiter. Annette ist für die Navigation zuständig, ich bin die Fahrerin. Bei den pittoresken Überlandfahrten kommt man nicht ganz ohne Konzentration aus: Viele Straßen sind extrem schmal, also einspurig, und in Norwegen herrscht das Höflichkeitsprinzip. Das klappt unter den Einheimischen prima, man munkelt, mit den deutschen Wohnmobilfahrern eher nicht. Schaut man auf die Landkarte, glaubt man eigentlich nicht, dass man hier überhaupt Auto fahren kann, da überall Fjorde die Straßen kreuzen, aber das haben die Norweger schlau gelöst mit zahlreichen Fähren und Tunneln. Die Fähren fahren regelmäßig, eigentlich mussten wir (in der Nebensaison unterwegs) nie mehr als zehn Minuten warten. Die Tunnel dagegen haben es in sich. Der längste Straßentunnel verbindet die Gemeinden Aurland und Lärdal und ist 24,51 Kilometer lang. So lange in einer dunklen Röhre zu fahren, das ist schon ein wenig unterirdisch.

An Tag sechs der Reise erreichen wir Bergen. Die kleine Stadt ist malerisch mit ihren bunten Holzhäusern und im Sommer Anziehungspunkt aller Kreuzfahrtschiffe in Norwegen.In der Vorsaison ist der Ort mit Sonne wirklich sehenswert, im Hochsommer eher ein kurzer Stopp am Ende einer Rundreise.

Hier wartet allerdings die dickste Umarmung: Alf, der Eigentümer und Kapitän der Yacht, die schon ganz viele C&M-Kunden glücklich durch die einsamen Fjorde geschippert hat, drückt mich, bis mir die Luft ausgeht. Was für ein Urgestein! In Norwegen heißt er nur «Oyster Dundee» und der Spitzname ist schnell erklärt. Alf betreibt seit Jahren das erfolgreichste Fisch- und Austernrestaurant Norwegens und ist ein wettergegerbter Seebär. Das Meer ist sein Element – alles, was damit zusammenhängt, die Natur, die Fische, die Brise, der Sturm und auch die Ruhe danach, dafür lebt er. Was für uns vielleicht das Auto in der Garage ist, das ist für ihn sein Boot. Es «parkt» am Anleger vor seiner Terrasse, sodass er es auch abends sehen kann.

Wir verbringen einen Tag auf dem Wasser mit Alf und seiner charmanten Tochter Karianne, die jetzt als nächste Generation in das Business einsteigt. Es gibt eine Aufbruchsstimmung in Norwegen für exklusive, außergewöhnliche Hotellerie-Konzepte. Zwischen Austern, Dorschen und Krabben diskutieren wir über Glamping-Zelte und Gastfreundschaft. Das ist insofern lustig, als dass der Norweger an sich es mit dem «Dienen» nicht so hat. Dem Gast den Koffer aufs Zimmer zu tragen, finden sie hier eher ungewöhnlich.

Spätabends holt mich die Realität dann im Hotel in Bergen wieder ein: Scandinavian Airlines streikt morgen, auch ungewöhnlich, das machen die sonst nie. Das heißt für mich, umdisponieren – es wird ein langer Tag von Bergen bis nach Frankfurt über Amsterdam. Macht nichts. Bei fünf Stunden Transit in Holland habe ich Zeit, um alles aufzuschreiben. Und da sitze ich jetzt im geschäftigen Flughafen Schiphol, alles rennt und hastet. Trotzdem kann mich das nicht aus der Ruhe bringen. Ich komme ja aus dem Land, wo Gott wohnt, sehe immer noch diese wahnsinnige Natur vor mir, genieße einen leichten Sonnenbrand und habe Muskelkater von den innigen Umarmungen. Schön war’s!

Tischgespräch mit –

Bernhard Bohnenberger

Ein Gespräch über alte Hotel-Hierarchien, intelligenten Luxus, große Krisen,
rettende Zufälle und wie ein Pegasus für neue Stabilität sorgte.

Im dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch und in auf Hochglanz polierten Schuhen sieht Bernhard Bohnenberger ganz fremd aus. Wenn wir uns sonst treffen, trägt er kurze Hosen, ein helles Leinenhemd und ist in der Regel barfuß unterwegs. Ich muss zweimal hinschauen, bevor ich ihn erkenne. Für unser Gespräch haben wir uns im altehrwürdigen Hotel Plaza Athénée in Paris verabredet. Bei der Begrüßung unter dem schweren Kronleuchter in der Eingangshalle spüren wir den strengen Blick des Concierge im Rücken und müssen beide schmunzeln. Bernhard Bohnenberger, den alle nur BB nennen, ist President von Six Senses, den wundervollen Luxusresorts mit Dependancen in der ganzen Welt, in die ich als Reisedesignerin schon seit vielen Jahren meine Kunden schicke. Dort geht es so ganz anders zu als hier in Paris. Das Abendessen wird am Strand, im Baumhaus oder im romantischen Weinkeller serviert, die Kleiderordnung ist super casual, die Angestellten kümmern sich mit Hingabe um ihre Gäste, aber nicht unbedingt immer streng um die Etikette. Kürzlich bat BB den Premierminister von St. Kitts, den Vertrag für den Standort eines neues Strandresorts nicht am Schreibtisch, sondern mit den Füßen im Meer zu unterschreiben. Das Foto davon spricht Bände. Der Herr Premierminister wird dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen. Sie sind verwundert, dass ausgerechnet der Mann, der für dieses unkonventionelle Konzept steht und dem keine Idee zu verrückt ist, mein Gesprächspartner zum Thema Stabilität ist? Meine Antwort: gerade deswegen!

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Wir feiern heute Premiere. Das hier ist unser erster hochoffizieller Business Lunch. Dabei kennen wir uns schon seit so vielen Jahren. 1991 habt ihr mit Six Senses angefangen …

BERNHARD BOHNENBERGER: … und du hast etwa ein Jahr später C&M Travel Design gegründet. Damit warst du die Erste, die auf dem deutschen Markt maßgeschneiderte Luxusreisen angeboten hat. Du hast unsere Resorts für deine Kunden entdeckt, als uns noch niemand kannte. Das war mutig.

STEPHANIE: War es nicht, ich war ja zuvor bei euch und hatte mich persönlich überzeugt, dass das, was ihr da auf die Beine gestellt hattet, großartig war. Ihr habt in der Zeit den Barfußluxus erfunden und die Malediven für den gehobenen Tourismus überhaupt erst interessant gemacht. Vorher gab es auf den Inseln nur kleine Hütten ohne fließendes Wasser und zum Abendessen täglich Leipziger Allerlei aus der Dose. Das ist lange her, ich bin erstaunt, dass wir beide immer noch die gleiche Firma auf der Visitenkarte haben.

BB: 27 Jahre in einem Unternehmen zu arbeiten, ist in unserer Branche wirklich super selten. Aber Six Senses ist meine Familie, meine Lebensaufgabe. Es ist genau das, was ich immer machen wollte.

“WER DURCH DIE TÜR KOMMT, DER
BETRITT EINE ANDERE WELT.”

Bernhard Bohnenberger

STEPHANIE: Die Leidenschaft für die Hotelbranche wurde dir ja bereits in die Wiege gelegt. Du stammst aus einer großen Schweizer Hotelierfamilie und hast an der altehrwürdigen Hotelfachschule in Lausanne gelernt.

BB: Danach war ich im Vierjahreszeiten in München, im Baur au Lac in Zürich, im Hilton in Genf und in Hongkong, als das Hilton noch zu den Besten gehörte. Aber je tiefer ich in dieses traditionelle Hotelbusiness eintauchte, desto klarer wurde mir: Das ist nicht meins.

STEPHANIE: Warum?

BB: Weil ich selber ungern in solchen Hotels lebe. Da wird alle fünf Jahre mal ein wenig renoviert, und ansonsten macht man sich Gedanken darüber, welche Promotion man für die Nachsaison noch schnell bewirbt und was man zu Weihnachten auf die Beine stellt. Konzepte von anno Tobak. Ich wollte mehr als das. Ich wollte es anders machen, ganz anders!

Am Nachbartisch wird gerade der Wein verköstigt, wir schauen dem livrierten Kellner zu, der ganz gemäß alter Schule den linken Arm hinter dem Rücken platziert und mit rechts leicht gebeugt das Glas füllt. Hmmm, denke, ich weiß was er meint.

STEPHANIE: Mit Six Senses hast du dir quasi deine eigene Hotelwelt geschaffen. Ihr habt damals wie heute völlig neue Konzepte kreiert. Anstatt opulenter Suiten wurden Pavillons gebaut mit Privatsphäre und XXL DayBeds, aus engen Spa- Kabinen wurden Erlebniswelten und aus langweiligen Restaurants Live-Küchen. Damit habt ihr die Hotelszene revolutioniert.

BB: Einem klassischen Hotel geht es in erster Linie darum, Zimmer zu verkaufen. Unsere Herangehensweise war und ist ganz anderes. Wir wollen, dass die Menschen nicht nur ausgeschlafen, sondern auch mit wundervollen neuen Erfahrungen zurückreisen.

STEPHANIE: Ihr habt quasi den Trend gesetzt und seid ihm nie gefolgt. Das hat Spaß gemacht, aber auch viel Kraft gekostet.

BB: Schon, aber wir waren uns absolut sicher, dass wir den richtigen Ansatz verfolgen. Wir haben einfach von uns selbst auf andere geschlossen und so unsere Vision entwickelt: Wer findet es schon cool, um die halbe Welt zu fliegen, um dann abends im Cocktailkleid unter einem Kronleuchter zu sitzen und Austern aus der Bretagne zu schlürfen? Hier in Paris in der Avenue de Montaigne passt das. Aber im Indischen Ozean eben nicht. Wir verzichten dort also auf importierte Foie Gras und Lachs, stattdessen servieren wir lokale Speisen. Das schont die Umwelt, ist gesünder für die Gäste und spart uns sogar noch Geld.

STEPHANIE: Umwelt- und Tierschutz waren bei euch von Anfang an Teil des Konzepts. Dafür hat man euch damals als Ökos verspottet. Man nannte euch Tree-Huggers.

BB: Dabei war unser Engagement gar nicht rein idealistisch. Die Menschen fahren auf die Malediven wegen der schönen Natur über und unter Wasser. Da ist es doch nur logisch, dass ich mich als Hotelier dafür einsetze, dass das Ökosystem intakt ist. Es fördert nicht gerade das Urlaubsfeeling, wenn man Zeuge wird, wie taiwanesische Fischer den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen abschneiden oder Schildkröten brutal abgeschlachtet und als Suppenfleisch nach China verkauft werden. Wir haben da an höchster Stelle bei der Regierung angesetzt und eine Kampagne gestartet. Mit Erfolg. Auf den Seychellen, in Vietnam und an vielen anderen Orten versuchen wir, das Ökosystem nicht nur zu schützen, sondern es aktiv wiederherzustellen. Da haben wir – zusammen mit Experten – alle Pflanzen, die durch fremde Siedler eingeschleppt worden waren, entfernt und ursprüngliche Spezies wieder angesiedelt.

STEPHANIE: Auch dass bei euch das Personal sehr viel fröhlicher und ungezwungener mit den Gästen umgeht, ist kein Zeichen von Laisserfaire, sondern ist Teil der Philosophie?

BB: Unbedingt. Was mich an der alten Hotellerie immer extrem stört, ist diese künstliche Atmosphäre und der Militärdrill, der dort vorherrscht. Alles funktioniert hierarchisch, man darf keinen Spaß bei der Arbeit haben. Gebrülle und Geschimpfe gehören dazu. Wenn der Liftboy nicht vor seinem Chef zittert, dann stimmt was nicht. Was soll das? Das spürt auch der Gast, und das passt so gar nicht in ein entspanntes Umfeld. Mir sind Mitarbeiter mit einer positiven Grundhaltung lieber als solche mit viel Wissen und Arroganz.

STEPHANIE: Die Idee des intelligenten Luxus ist das Fundament eures Erfolgs. Ihr habt damals recht schnell und stark expandiert und auch Konzepte wie Soneva und Evason vorangetrieben. 2012 gingen die Marken, mit recht kräftigem Getöse innerhalb der Branche, auseinander. Warum seid ihr da ins Straucheln geraten?

BB: Der Hauptinvestor, dem sehr viele Hotels gehörten, war auch in das Management eingebunden. Als er, aus Gründen die nichts mit unserem operativen Geschäft zu tun hatten, in finanzielle Schwierigkeiten kam, hat er uns sozusagen mitgerissen.

STEPHANIE: Ihr habt die Krise als Chance genutzt, euch einen neuen Investor gesucht und euch völlig neu aufgestellt.

BB: Heute ist Six Senses eine reine Management- Gesellschaft. So wie die meisten Marken, die man kennt, etwa die Hotels Four Seasons, Hyatt, Marriott oder Hilton, gehören uns die Häuser nicht. Wir schließen Verträge mit den Besitzern ab, die meistens über 40 Jahre oder noch länger laufen, und konzentrieren uns auf unsere Arbeit.

STEPHANIE: Pegasus, der Private-Equity-Fonds aus den USA, ist heute euer Haupteigentümer. Du und einige weitere Führungskräfte behielten ihre Anteile. Wie kam es dazu?

BB: Das war absoluter Zufall. Wir hatten schon mit einigen Investoren gesprochen, als eines Tages ein Direktor von Pegasus zum Honeymoon in eines unserer Resorts reiste. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte uns, das diese globale Kapitalgruppe 2,5 Milliarden Dollar verwaltet und sich auf die Geschäftsfelder Nachhaltigkeit und Gesundheit konzentriert. Bislang hatten sie Superfood, Naturmedizin und Müll-Recycling im Portfolio, aber noch keine Hotels. Da waren wir die Ersten, aber passten perfekt rein.

STEPHANIE: Private-Equity-Fonds sind ja auch manchmal umstritten. Sie lassen ihren Zögling fallen, wenn er nicht schnell genug marschiert.

BB: Wir haben von Anfang an klargemacht, dass wir die Firma restrukturieren wollen und dass wir dafür viele Millionen und auch Zeit brauchen. Unser Ziel war es, unser Profil zu schärfen und vom Wildwuchs der vergangenen 20 Jahre zu befreien, um dann mit frischer Kraft global wachsen zu können. Wir haben ihnen ganz offen gesagt, dass sie vier bis fünf Jahre Geld reinstecken und nichts rausholen werden. Diese Zeit ist jetzt vorbei, und es dreht. 2018 machen wir Profit.

STEPHANIE: Was habt ihr verändert?

BB: Vieles lief in der Vergangenheit zwar erstaunlich gut, aber war doch recht chaotisch organisiert. Wir haben im Finanz- und Personalwesen, im Bereich Technik und beim Training unserer Leute professionelle Strukturen geschaffen, die das Kreative aber nicht ersticken, sondern fördern. Viele Veränderungen sind ganz profan – so wie eine neue Website oder ein neues Computersystem, das Karteikästen und Zettelwirtschaft abschafft. Viele Mittelständler werden diese Probleme kennen. Es ist kein Teufelswerk, die Strukturen zu ändern, aber es kostet Zeit und Geld, das anzugehen.

STEPHANIE: Ihr habt heute ganz offiziell einen Vizepräsidenten für Nachhaltigkeit.

BB: Seine Aufgabe ist es, die Ökobilanz zu verbessern und so am Ende Kosten einzusparen. Wir sind heute an all unseren Standorten fast plastikfrei, und in Fidschi setzen wir erstmals zu 100 Prozent auf Solarenergie.

STEPHANIE: Pegasus hat euch also – genau wie es der Name verspricht – Flügel verliehen, und jetzt seid ihr bereit, in den Hotel-Olymp aufzusteigen? Mir ist, als würde täglich ein neues Six Senses irgendwo auf der Welt aufmachen.

BB: Es tut sich was, wir expandieren. Derzeit gibt es international 15 Hotels und 32 Spas, die unter unserem Namen firmieren. 37 neue Projekte sind unterschrieben, bei 100 weiteren sind wir im Gespräch.

STEPHANIE: 100! Habt ihr keine Angst, den Überblick zu verlieren?

BB: Ich bin mir sicher, dass wir jetzt, in der Kombination aus lang erprobter Philosophie und den entsprechenden finanziellen Mitteln, eine so große Stabilität hergestellt haben, dass wir uns da keine Sorgen machen müssen. Außerdem werden aus den 100 Gesprächen am Ende nur zehn oder zwanzig reale Projekte. Aber ich sehe es als ein großes Kompliment und ein gutes Zeichen, dass unser Konzept offenbar überzeugt. Früher war Six Senses ein unbekanntes Nischenprodukt. Wenn ein Besitzer heute ein neues Management sucht, dann stehen wir auf der Liste neben den großen Playern wie dem Mandarin Oriental oder Four Seasons. Das ist schon was.

STEPHANIE: Die Liste eurer neuen Destinationen liest sich fantastisch: Kambodscha, Indien, China, Bhutan. Wahnsinnig spannende Resorts, aber ihr verfolgt gleichzeitig auch ein völlig neues Konzept. Six Senses wird urban.

BB: Six Senses ist eigentlich ja viel mehr als ein Hotel, es ist ein Lifestyle. Wir wollen unsere Gäste nicht nur einmal im Jahr, sondern so oft wie möglich in unsere Welt der sechs Sinne entführen. Dafür bringen wir die Six-Senses-DNA in die City.

STEPHANIE: Euer erstes Stadthotel ist das Duxton in Singapur. Das hat erst vor zwei Monaten eröffnet. Was unterscheidet euch da von einem hübschen Boutique-Hotel?

BB: Wer durch die Tür kommt, der betritt eine andere Welt. In den City-Hotels geht es entspannt und ohne große Formalitäten zu. Wir haben keinen Dresscode, auch die Einrichtung ist nicht pompös. Wir setzen auf viel Grün und unterstreichen die lokale Kultur. Wer im Duxton ankommt, der bekommt am Check-in erst einmal eine chinesische Puls-Diagnose und einen darauf angepassten Kräutersaft als Begrüßungsdrink. Wer Lust hat, der kann sich an der Alchemiebar seine eigene Zahncreme oder eine Gesichtsmaske mixen.

STEPHANIE: 2020 wollt ihr in New York eröffnen.

BB: Neben dem Hotelbetrieb mit 130 Zimmern werden wir 250 Appartements im Paket mit dem Six-Senses-Konzept verkaufen. Die Wohnungen haben eine gesunde Klimaanlage mit bester Luft, die Wasserqualität wird hervorragend sein, und die Baustoffe sind aus Naturmaterialien. Dazu kommt der Service. Wir organisieren das Housekeeping, einen Babysitter, einen Chauffeur, füllen den Kühlschrank mit frischem Gemüse, das wir selber auf dem Dachgarten anbauen – und das mitten in Chelsea, zwischen der 17. und der 18. Straße!

STEPHANIE: Mit diesem Konzept geht ihr ebenfalls global?

BB: Wir sind in Gesprächen über London, Paris, Tokio, San Francisco, Shanghai und Bangkok.

STEPHANIE: Bangkok ist deine Homebase.

BB: Schon seit 1991. Eine Stadt, in der sich viel bewegt. Für einen Querdenker wie mich das perfekte Zuhause.

STEPHANIE: Wir haben über die neue Stabilität bei Six Senses gesprochen, wer gibt dir die privat?

BB: Ich habe einen wunderbaren Partner an meiner Seite, mit dem ich seit 22 Jahren zusammen
bin. Das ist mein emotionaler (Equity) Fonds.

Die Zeit mit BB ist wie im Flug vergangen. Nach dem gemeinsamen Essen schlendere ich durch die Lobby des Plaza Athénée. Im Wintergarten wird gerade der Tee serviert. Aus silbernen Kannen schenken die Kellner Earl Grey aus, auf den Etageren sind zauberhafte Petit Fours und Macarons in zarten Pastelltönen drapiert. Vor dem Fenster sitzt eine Harfenistin in einem hochgeschlossenen, dunkelblauen Kleid, der warme Klang ihres Instruments umhüllt die Gäste. Eine perfekte Inszenierung. Alles passt. Ich bleibe stehen, lausche und fühle mich dabei ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Irgendwie hat das doch was, und hier passt es auch hin.

 

Japan ist ein Land der Perfektionisten. Nirgendwo sind die Parks so aufgeräumt, die Strassen so sauber und das Essen auf dem Teller so akkurat angerichtet wie hier. Selbst der Vulkankegel des heiligen Mount Fuji ist so perfekt geformt, dass er einmalig auf der Welt ist. Das ist faszinierend – aber manchmal ist der japanische Lifestyle auch einfach nur maximal verwirrend.

Ein spannender Roadtrip von Osaka bis Tokio.

Auf dem Bahnsteig an Gleis 2 steht ein Mann in dunkelblauer Uniform und regt sich nicht. Die Hände stecken in weissen Handschuhen und sind akkurat an die  Hosennaht  gelegt,  seine Füsse hat er parallel zu den grauen Fugen der Fliesen ausgerichtet. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen  starrt er auf die Anzeigentafel neben der Rolltreppe. 14:00 Uhr. Die S-Bahn fährt pünktlich ein, der Mann dreht sich um 90 Grad. Als wir einsteigen, verbeugt er sich tief. Auch die anderen Passagiere, die an diesem Mittag vom Flughafen Osaka in die Stadt fahren wollen, werden so formvollendet verabschiedet. Einer nach dem anderen steigt ruhig und ohne zu drängeln in den Zug. So haben wir es uns vorgestellt. Japan – das Land, wo Höflichkeit, Respekt und Pünktlichkeit die wichtigsten Säulen der Gesellschaft sind. Die Türen schliessen und wir sind froh, dass wir auch ohne englische Beschilderung den richtigen Zug erwischt haben. Jetzt kann das Abenteuer beginnen. Und wir sind bereits mittendrin: Eine junge Frau läuft zügig durch das Abteil. Ihr Blick schweift über den Boden. Plötzlich bückt sie sich blitzschnell, hebt einen winzigen Papierschnipsel auf,  steckt  ihn in die Handtasche und sucht weiter.  Eine  Verrückte?  Nein,  sie ist Teil des Reinigungsteams der Bahn. Besen, Kehrblech oder Müllsack braucht sie für ihre Arbeit nicht. Hier kommt niemand auf die Idee, seinen Kaffeebecher einfach auf den Boden zu schmeissen oder seine Zeitung auf dem Sitz liegen  zu lassen – wir sind schliesslich in Japan!

Und um es gleich vorwegzunehmen, als Reisedesignerin bin ich rund hundert Tage im Jahr in der ganzen Welt unterwegs. Ich schaue,  lerne,  staune,  erlebe.  Vor  einigen  Jahren  war  ich schon einmal in Japan. Erstaunlicherweise war es  das  erste und einzige Land, in dem ich tatsächlich ein bisschen Heimweh hatte und gleichzeitig tiefste Faszination erlebte. So fremd und doch so lieblich, so irritierend, so westlich modern und im selben Atemzug unglaublich traditionell und exotisch. Es ist ein Land, das einen herausfordert.

Dieses Mal habe ich es besser geplant, ich reise nicht alleine – mit im Gepäck: Gaby Herzog, eine gestandene Journalistin. Weltenbummlerin, Weltversteherin und viel geländefähiger für eine Kultur, die mir so  total  fremd  ist.  Gaby  war  noch nie in Japan und ist total aufgeschlossen und voller Vorfreude. Eine perfekte Kombi: Ich bin zuständig für die Logistik und das Erleben, sie für den kulturellen und geschichtlichen Background und für die Völkerverständigung. Unsere Route führt uns in zwei Wochen von Osaka bis nach Tokio. Und zwar auf eigene Faust, mit dem Mietwagen. Auf diese verwegene Idee kommen in Japan wohl nur wenige Touristen. Wie exotisch das Vorhaben ist, uns hier in den Verkehr zu stürzen, merken wir auch schon an der Reaktion der Dame bei der Autovermietung.

Als wir mit unseren Koffern über den Parkplatz auf ihren Bürocontainer zurollern, kichert sie verlegen, schliesslich spricht sie kaum englisch. Das Übernahmeprotokoll ist auf Japanisch (jetzt kichern wir verlegen und unterschreiben)  und auch das Navigationsgerät in unserem Toyota lässt sich nur bedingt auf Englisch umstellen. Die Knöpfe, auf denen vermutlich «O. K.», «alternative Route» und  «Lautstärke» steht, sind mit japanischen Zeichen beschriftet. Gut, dass wir vorher eine Offline-Karte auf unsere Handys geladen haben.

Beschwingt davon, dass wir so gut vorbereitet sind und vielleicht auch noch nicht ganz zurechnungsfähig wegen des Jetlags, machen wir uns auf den Weg.  Unser  erstes  Ziel  ist die private Villa von Mr. Matsubayashi, zwei Stunden Fahrt von Osaka entfernt. Orte wie diese gibt es in Japan nur  selten. Das Bauernhaus mit  einem  traditionellen  Schilfdach liegt in den Bergen,  in  der Nähe  von  Nara.  Vor  dem  Haus ist ein wunderschöner japanischer Garten angelegt. Der Kies rund um die kleinen, knorrigen Kiefernbäume ist akkurat geharkt. Vor dem Teehaus gurgelt ein Wasserspiel, im Hintergrund Berge, die zum Ende des Jahres  in  das  prächtige Rot des Fächerahorns gefärbt sind. Der Herbst ist nach der Mandelblüte im Frühjahr wohl die schönste Reisezeit.

Herr Matsubayashi bittet uns die Schuhe vor der Tür auszuziehen und reicht feierlich zwei Kimonos und seidene Tobi-Socken (Fäustlinge für die Füsse).  Auf  denen  sollten  wir im Wohnzimmer laufen, während es im WC unverzichtbar sei, ausserdem in die dort bereitstehenden  Badschuhe  zu schlüpfen. Das Einhalten der alten Bräuche ist unserem Gastgeber ein tiefes Anliegen. Herrn Matsubayashi und der Völkerverständigung zuliebe quetsche ich mich also brav in Schuhgrösse 36 (41 wäre passender) und tipple in kleinen Schritten durchs Bad. Das Herz unserer Unterkunft ist das Wohn- und Schlafzimmer mit einer «Irori»-Feuerstätte. Die Einrichtung ist einfach und reduziert. Westliche  Designideen hat der Hausherr bewusst ferngehalten. «Es  geht  um die Balance von Zivilisation und Natur, Stadt und Land, Fortschritt und Glück», erklärt er. «Hier soll der Geist die Möglichkeit haben, zur Ruhe zu  kommen.» Der  Boden  ist  mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die einen angenehmen Duft verströmen. Die Wände sind aus Lehm und die Türen mit Papier bespannt. Es gibt weder Stühle noch ein Sofa und  sogar das Bett fehlt. Matsubayashi interpretiert meinen  suchenden Blick richtig: «Keine Sorge, die Futons liegen im Schrank da drüben und werden abends für Sie ausgerollt.»

In den nächsten Tagen weisen uns Herr Matsubayashi und seine Frau in die japanische Lebensart ein. Dazu gehört natürlich Shabu Shabu – japanischer Feuertopf. Über den glühenden Kohlen, die auf den Sand in der Feuerstelle im Wohnzimmer geschüttet werden, wird eine heisse Brühe gekocht. Mit unseren Stäbchen nehmen wir hauchdünn geschnittenes Rinderfilet von einem Teller und tauchen es in die aromatische Suppe. «Schwing hin, schwing her – Shabu Shabu»,  nach zwei Sekunden ist das Fleisch gar und wird in würzige Sesamsauce getunkt. Dazu gibt es Gemüse und Pilze. Ein leichtes und extrem leckeres Abendessen!

Am Morgen müssen wir früh raus. Unser Gastgeber ist praktizierender Yamabushi-Mönch und hat angeboten, uns an die heiligen 48 Wasserfälle von Akame zu führen. Die Wanderung im Frühnebel, entlang des Flusses, beginnt er mit einem kräftigen Stoss in das Horagai, das grosse Muschelhorn. Mit diesem tiefen, mystischen Ton, der noch lange an den Felswänden widerhallt, begrüsst Mr. Matsubayashi den Wald. Dann spricht er leise seine Sutras, die uralten Ferse.

Wir sind wie verzaubert von  diesem  spirituellen  Ausflug und sehen unseren Gastgeber mit neuen Augen. Er eröffnet uns Einblick in ein Japan, wie es die meisten Japaner schon nicht mehr kennen. Unser Staunen  ist  für  Herrn  Matsubayashi  ein  Ansporn. Am Abend reserviert er einen Tisch in einem Restaurant im Nachbarort. Der Sushimeister dort ist sein Freund. Für die Gäste aus Deutschland legt auch er sich  richtig  ins  Zeug.  Zwei Stunden lang landen fischige Delikatessen auf meinem Teller, vom Lachs über den Butterfisch bis zur Seegurke. Jeder Happen ist ein optisches und lukullisches Kunstwerk. Eigentlich bin ich kein grosser Fan von rohem  Fisch,  aber  hier mache ich eine Ausnahme. Erst als der Koch mit einem Köcher einige Garnelen aus dem Bassin holt und ihnen vor meinen Augen den Kopf abtrennt, verlässt mich mein kulinarischer Mut. Als der kopflose Leckerbissen dann auf meinem Teller zappelt und fast vom Reishäufchen hüpft, ist bei mir Schluss. Unauffällig bugsiere ich ihn auf den Teller meiner Mitreisenden. Ich möchte durch meine plötzliche Appetitlosigkeit niemanden verletzten. Gaby ihrerseits zuckt keine Sekunde, lächelt erfreut und rettet mich mit  einem  Happs  aus der Situation.

Nach zwei Tagen machen wir uns auf den Weg nach Kyoto, der alten Kaiserstadt. Auch hier ist alles so sauber und aufgeräumt, dass man immer den Eindruck hat, man wäre in eine perfekte kleine Spielzeugwelt geschrumpft worden. Am späten Nachmittag schlendern wir durch die Gassen von Gion. In diesem Stadtteil sollen die Geishas wohnen. In der Dämmerung machen sich die Frauen im Kimono, schwarzer Echt- haarperücke und den schneeweiss geschminkten Gesichtern auf den Weg zur Arbeit. Ihr Jobprofil lässt sich am ehesten mit Gesellschaftsdame übersetzen. Sie unterhält Männer beim Abendessen, auf Partys und bei Cocktail – Empfängen, animiert sie zu Trinkspielen, spielt die Langhalslaute. Das kostet rund 3’000 bis 5’000 Euro pro Person an einem Abend. Auch wenn man bei den Preisen andere Erwartungen haben könnte – mit Prostitution hat das angeblich nichts zu tun. Aber mit Emanzipation auch nicht … Vielleicht ist das der Grund, warum es heute nur noch 200 Geishas in Kyoto gibt? Früher sollen es fast 18’000 gewesen sein.

Fakt ist: wir sehen keine. Mehrfach schon haben wir unsere Handykameras gezückt, weil eine Frau im Kimono auf ihren (extrem unbequemen) Holzpantilen an uns  vorbeitippelt. Aber schnell erkennen wir, dass es sich dabei um Touristinnen handelt, die sich für rund 3’000 Yen (24 Euro) in einem der vielen Kostüm-Verleihe für ein paar Stunden in die traditionelle Tracht kleiden lassen. Am nächsten Tag sehen wir dutzende junge Damen, die so herausgeputzt sind, vor den spektakulären Sehenswürdigkeiten für ein Erinnerungsfoto posieren.

16 Tempel, Schreine und Burgen in Kyoto stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Die alle zu besuchen ist für uns in der kurzen Zeit unmöglich. Darum lassen wir Herrn Watanabe, unseren Guide, die Auswahl treffen. Er bringt uns zur Goldenen Pagode, zur Pagode des Ninna-ji Tempels und zum Zen-Tempel Ryõan-ji mit seinem berühmten Steingarten, über den schon Queen Elizabeth besonders «amused» gewesen sein soll. Grossartig! Hochkultur!

Leider sind all diese Orte  sehr  voll.  Den  Japanern  macht das nichts aus. Während wir Westler uns  gerne  der Illusion hingeben, wie Robinson Crusoe als erste Besucher einen Ort zu entdecken, ist  das  bei den  Japanern  ganz  anders. Die Anwesenheit besonders vieler Touristen ist für sie ein Zeichen dafür, dass es sich um eine besonders spektakuläre Sehenswürdigkeit handeln muss, und die will man sich natürlich ansehen. Dass es voll ist, wird also positiv gewertet, als «tanoshii». Das bedeutet so viel wie «lustig» und ist eine besondere Auszeichnung.

Ein paar Stunden lang bewegen wir uns, ganz japanisch «lustig» mit dem Strom. Im Bambushain von Arashiyama ist Mr. Watanabe sogar in der Lage, ein Foto von mir zu machen, das Waldeinsamkeit suggeriert, obwohl sich die  Besucher  hier  auf die Füsse treten. Aber irgendwann reicht es. Pause bitte!

Herrn Watanabe wundert unser Ruhebedürfnis zwar, aber hat sofort eine Idee. Fünf Minuten später halten wir auf dem einsamen Parkplatz des Otagi-Nenbutsu-ji-Tempels. Kein Mensch weit und breit. Dafür begrüssen uns die freundlichen Blicke hunderter kleiner, aus Stein gehauener Buddhas, von denen einer verrückter aussieht als der andere. Die kahlköpfigen Figuren gehen den unterschiedlichsten Hobbys nach. Der eine trägt einen Tennisschläger im Arm, der andere Boxhandschuhe, ein Buddha mit Brille liest, der daneben spielt Saxophon.

Dieser Tempel, so erklärt uns unser Guide, sei eigentlich schon zwölf Jahrhunderte alt. Doch nachdem er 1950 von einem Taifun verwüstet wurde, geriet er als Ruine in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren hatte  Kocho  Nishimura, ein buddhistischer Priester, der auch Bildhauer von Beruf war, die verrückte Idee: Er bot Gläubigen an, gegen eine Spende eine Buddhastatue für die Anlage nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Clever!

Unser letzter Stopp für den Tag ist der Fushimi-Inari-Taisha- Schrein. Er gehört zu den schönsten  Shinto-Schreinen  in ganz Japan. 794 nach Chr. wurde er errichtet und ist der Reisgöttin Inari gewidmet. Besonders markant sind seine Alleen aus tausenden «Torii», die sich  wie  ein  Lindwurm  den Berg hinaufschlängeln. Die Tore, die in warnwestenorange lackiert sind, wurden und werden bis heute von reichen Geschäftsleuten und Firmen gespendet. Sie wollen mit ihren Gaben die Götter um Erfolg bitten. Damit die Götter auch wissen, wen sie unterstützen sollen,  sind  die  Namen  der Spender auf die Hinterseite der Pfähle geschrieben. Am Wegesrand entdecken wir eine Preisliste: Das kleinste  Tor, das aufgestellt wird, kostet 175’000 Yen. Das sind umgerechnet rund 1’400 Euro – diese Summe hat man in Japan zwar schnell ausgegeben, aber dennoch entscheiden sich die meisten Besucher dann doch für ein Miniatur-Tor. Das kostet nur 10 Euro. Auf die Rückseite schreibt man seine Wünsche und hängt es an eine Stellage.

Nach drei Tagen intensiven Sightseeings wird es Zeit für Entspannung. Wir fahren in den Ise-Shima National Park und besuchen ein kleines, edles Resort, das an der malerischen Ago-Bucht liegt. Für 24 Stunden geben wir uns dem süssen Nichtstun hin, baden im warmen Thermalbecken, geniessen die malerische Küstenlandschaft.

So erholt machen wir uns dann auf den Weg zu den  Amas,  den Meerfrauen. Wir haben uns zum Mittagessen  angemeldet und betreten eine mit schwerem Rauch gefüllte Holzhütte. Vor dem offenen Feuer kniet eine Frau mit weissem Kopftuch, weisser Bluse und einem karierten Rock. Sie legt neben grossen Seeschnecken auch eine Abalone auf den Grill. Diese Seeohren» sind wegen ihres besonderen Geschmacks und  der wunderschön schimmernden Perlmutt-Schale eine ganz besondere Delikatesse.

Masume Mihara hat sie selber geerntet. Die 70-Jährige ist aktive Apnoetaucherin. Jeden Morgen schwimmt  sie  mit ihren Kolleginnen raus aufs offene Meer und macht sich – ohne Sauerstoffflasche – auf die Suche. Bis zu 20 Meter tief können diese Frauen tauchen, einige halten die Luft bis zu eineinhalb Minuten an. Faszinierend! Warum Männer traditionell nicht nach Abalonen tauchen, wird  einfach  erklärt.  Sie haben weniger Körperfett, heisst es, da können sie die Kälte schlecht vertragen.

Nach dem vorzüglichen Essen beginnen die Amas rund um die Feuerstelle zu tanzen. Ich mache mir so meine Gedanken, ob diese betagten Damen tatsächlich da noch jeden Morgen rausschwimmen. Oder ist auch das, wie die Geishas, eine aussterbende Zunft, die hier eigentlich nur noch für den Touristen am Leben gehalten wird? Die Frage kann nicht gestellt werden – wir sind ja höflich –, also machen wir noch ein Abschiedsfoto mit den Damen in Tracht und verabschieden uns.

Unser nächster Halt ist ein Ryokan, ein traditionelles Gasthaus und ein Muss auf jeder Japanreise. Die meisten dieser edlen Häuser haben einen Onsen, eine heisse Badestelle mit Wasser aus einer Thermalquelle. Japan liegt auf dem pazifischen Vulkangürtel und hat alleine 110 noch aktive Feuerberge, daher finden sich diese Onsen fast überall im Land.

Das Empfangskomitee hockt auf Knien und ist beim Ausziehen der Schuhe behilflich, alles clean und unfassbar aufgeräumt. Später bringt uns das  Zimmermädchen  grünen  Tee in einer eisernen Kanne. Als sie eine Packung Zigaretten auf dem Tisch liegen sieht, erklärt sie uns höflich, dass auf der Terrasse Rauchverbot sei. Rauchen nur im Zimmer. Aha. Das habe ich ja noch nie gehört. Aber in Japan  wundert  mich nach neun Tagen nur noch wenig. Die Japaner ticken einfach anders als alle Völker, die ich auf meinen Touren erlebe. Das mag auch daran liegen, dass Japan erst  seit  der  Meiji-Ära,  vor 150 Jahren, Fremde auf die Insel lässt. In der Abgeschiedenheit vom Weltgeschehen haben sich viele eigene Regeln herausgebildet.

Nur ein Beispiel: Gastgeschenke. Die haben grösste Bedeutung. Dabei ist die Verpackung mindestens so  wichtig  wie der Inhalt. Nicht zuletzt deswegen, weil Geschenke nie  vor den Augen des Gastes ausgepackt werden. Das wäre unhöflich. Verschenkt werden neben Süssigkeiten  handgeschnitzte Zahnstocher, schönes Papier und blank polierte Riesenäpfel, die umgerechnet rund 20 Euro kosten (ein Apfel, nicht eine Kiste). Gut zu wissen ist auch, dass Präsente nie in weisses Papier gepackt werden. Die Farbe steht für Trauer. Auch Schleifen bringen Unglück, genau wie die Zahl Vier.

Fettnäpfchen gibt es in Japan so viele wie Regeln. Jede Begegnung in diesem Land ist wie ein ritualisierter Tanz mit höflichen  Verbeugungen,  Handbewegungen,  viel  Lächeln und immer wieder denselben Floskeln.  Japaner  betten  ihren Alltag in einen einzigen grossen Klangteppich aus Höflichkeiten. Für diese Art des perfekten Betragens gibt es ein Wort: «majime». Menschen, die «majime» sind, leben eine Mischung aus Perfektionismus und einem Saubermann- Image. Sie spielen stets nach den Regeln und versuchen, alles so exakt wie möglich zu tun.

In einem Onsen gibt es natürlich auch viel zu beachten. Tätowierte haben generell keinen Zutritt. Die Körperbilder sind in Japan das Erkennungs-Zeichen der Yakuza, der japanischen Maffia, und deswegen stockt braven Bürgern schon beim Anblick einer Rose am Bauchnabel der Atem …

Die Prozedur im Bad beginnt mit einem Reinigungsritual. Man sitzt auf Schemelchen und schrubbt sich, bis die Haut rot ist, und dann erst geht es ab in die kochend heisse Quelle. Ganz, ganz langsam lasse ich mich zentimeterweise ins Wasser gleiten. Zwei ältere Japanerinnen mit Duschhaube, die bereits im Onsen sitzen, lächeln mir aufmunternd zu. «This is like Shabu Shabu», sage ich, als ich eintauche. Die Damen stutzen kurz, dann prusten sie los und können sich vor Lachen kaum halten. Obwohl sie kein Wort Englisch sprechen – das haben sie verstanden.

So entschleunigt sind wir gewappnet für Tokio. Diese Megacity ist wie eine Geburtstagskarte mit Musik: Das Gedudel ist faszinierend und doch ist man froh, wenn man sie zwischendurch einmal zuklappen kann. Entsprechend wichtig ist,  dass  hier die Unterkunft stimmt. Für uns ist es das Mandarin Oriental. Wie in einem Adlerhorst thront man im 25. Stock über der Stadt. Von hier hat man einen grandiosen Weitblick bis zum heiligen Berg Fuji und kann sich immer wieder runter ins Getümmel stürzen.

Nach Shibuya zum Beispiel. Dort gibt es die berühmte Kreuzung, die die meisten schon einmal zumindest  im  Fernsehen gesehen haben. Bei Grün dürfen hier die Fussgänger aus allen Richtungen gleichzeitig gehen. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Am besten vom Starbucks Café im ersten Stock aus. Das ist kein Geheimtipp, sondern  hier  tummeln sich die Touristen. Kurz meldet sich meine kleine Klaustrophobie. Aber Gaby ist begeistert: «Das ist ja mal wieder richtig  ‹tanoshii›», stellt  sie  fest  und  zieht  mich  mit  in  das «lustige»  Getümmel.  Ich entspanne  mich  und  versuche  die Nummer mit japanischen Augen zu sehen. Das hilft. Je mehr Menschen da sind, desto grösser die Attraktion. Mit dieser Einstellung kann man dem quirligen Irrsinn tatsächlich etwas abgewinnen …

Als wir rausgehen, warten dort vor der Ampel zwölf Gokarts mit tuckernden Motoren. Die Fahrer tragen Tierkostüme, winken, hupen, machen Selfies … eine Stadtrundfahrt der anderen Art. Wir biegen in eine Seitenstrasse ab und landen im nächsten Rummel. Da gibt  es  Automatenläden  wie  auf  der Kirmes. Hier kann man seine Geschicklichkeit trainieren und versuchen, mit einer ferngesteuerten Zange ein riesiges gelbes Pokémon aus dem Glaskasten zu befreien. Im Laden nebenan stehen 100 Automaten. Anstelle von Kaugummis kann man hier so sinnvolle Dinge wie Hüte für Katzen oder Handyanhänger mit kleinen Sumoringern in Raumanzügen ziehen. Die Angebote richten sich nicht etwa an Kinder – die man in dem Land mit einer der  niedrigsten  Geburtenraten der Welt eh nur selten sieht –, sondern an Erwachsene.

Auch im Katzencafé – keine Kinder. Hier  muss  man  nicht  nur seine Getränke zahlen, sondern auch die Besuchszeit. Zehn Minuten zwei  Euro.  Schnell  ziehen wir  die  Schuhe aus, desinfizieren die Hände und dürfen dann mit  einer  Schar Katzen (sehr edel, sehr gelangweilt) in einem Raum sitzen. Wer die Miezen füttern will (kostet 5 Euro extra), der bekommt eine Schürze und Brekkies. «Müssen wir keine Handschuhe tragen?», fragt eine Frau. Nein, muss sie nicht. Die trägt man nur im Igelcafé …

Herrlich verrückt, dieses Tokio! Im Lift bemerkt Gaby, in den anderen Etagen gibt es noch mehr Cafés. Wir fahren  bis nach ganz oben. Im sechsten Stock landen wir in einem «GunCafé». Dort trinkt man seine Cola und isst Pizza, zwischendurch stehen die Gäste auf, gehen hinter eine Glaswand und schiessen mit einer Pistole  auf  einen  Pappkameraden.  Im fünften Stock: das Hospital Café. Die Bedienung trägt einen sehr kurzen, weissen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. In der vierten Etage ist  eine  kleine  Bühne  aufgebaut, auf der stehen sieben Mädchen, die tanzen und singen. Davor 50 Männer im Alter von 18 bis 80, die singen mit, tanzen die Figuren nach und haben Leuchtstäbe in der Hand, wie die Flugzeugeinweiser am Rollfeld. Damit feuern sie die jungen Damen an. What a World, Samstagmittag um 14.00 Uhr. Als die Autogrammstunde beginnt, flüchten wir in den Aufzug.

Im klassischen Sinne schön ist die Stadt nicht. Immer wieder wurde sie durch Feuersbrünste, Erdbeben und Bombenangriffe im 2. Weltkrieg zerstört. Alte Gebäude gibt es kaum. Aber dafür gefühlt alles andere. «Tokio ist ein Mosaik aus einigen grossen und unzählig vielen kleinen Steinchen. Wie man das Bild zusammensetzt, bleibt einem selbst überlassen.» Diesen Satz habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er stimmt. Das Nebeneinander von Subkultur und Hochkultur (Kaiserpalast, Asakusa-Tem- pel Sensoji, Nationalmuseum) ist atemberaubend. Selten sind so gebündelt so viele unterschiedliche Erfahrungen auf mich eingeprasselt, selten habe ich so viel gestaunt und so oft den Kopf geschüttelt und so viel gelernt.

«Warum gibt es eigentlich keine öffentlichen Mülleimer in Japan?», frage ich unseren Concierge am Abend. «Die  wurden aus  Sicherheitsgründen  1995  nach  dem  Giftanschlag der Aum-Sekte abmontiert», erklärt er. Und was machen die Menschen jetzt mit ihrem Müll? «Den nehmen sie  natürlich mit nach Hause», sagt er und nimmt meinen Pappbecher von Starbucks, den ich seit dem Morgen mit mir herumschleppe, entgegen und verbeugt sich dabei tief.

«Tanoshii». Lustig, dieses Japan.

Ein Anruf im September 2017. „Stephanie, you have to come to Rome“, rief mir Stefano Barbini euphorisch entgegen. So aufgekratzt hatte ich meinen langjährigen Freund, den Eigentümer der San Lorenzo Lodges, noch nie erlebt. Er konnte es nicht abwarten, dass ich mich ins nächste Flugzeug setzen würde, um mir seine neueste Entdeckung anzuschauen: „Das Liebesnest von Papst Innozenz X.“

Zwei Tage später stand ich in dem 350 Quadratmeter großen Apartment im 1. Stock in einem Prachtbau an der Piazza Navona. Ich staunte über die barocken Deckenfresken, die rosafarbenen Marmorsäulen die die Türen umrahmten, war verzaubert von dem Blick aus den 4,5 Meter hohen Fenstern auf den vielleicht schönsten Platz Roms. Ansonsten war das historische Gemäuer ziemlich herunter gewirtschaftet und abgewohnt. Doch trotz der Beleuchtung aus gleißend hellen Röhrenlampen und den ockerfarbenen Hochglanz-Fliesen im Bad konnte man sofort sehen: Dieser Ort ist außergewöhnlich!

1470 hatte ein gewisser Antonio Pamphilj das Haus im Zentrum der Ewigen Stadt gekauft. Sein Nachfahre war Giovanni Battista Pamphilj. Als dieser 1644 zum Papst gekürt wurde und den klangvollen Namen Innozenz X. wählte, gab er den Auftrag, das Anwesen auszubauen. Es sollte ein Symbol für die Macht seiner Familie sein und sein privater Rückzugsort werden. Der Star-Architekt Girolamo Rainaldi errichtete die Fassade – den großen Saal und die Ovaltreppe schuf Francesco Borromini. Natürlich gab es auch eine Verbindungstür zur Sant’Agnese in Agone, die der Papst kurzerhand zu seiner Hauskirche machte. Er schätzte wohl kurze Wege.

Die Wohnung wurde ein architektonisches Meisterwerk und der Papst machte sie seiner Schwägerin Olimpia Maidalchini zum Geschenk. Man munkelt, sie war nicht nur die Schwägerin… Ganz so „innocent“, wie der Name suggeriert, war der damals schon hoch betagte Pontifex dann wohl doch nicht.

‚Shall we buy it?’, fragten mich Stefano und seine Frau Giorgia mit glänzenden Augen. Eigentlich war die Antwort klar und die Entscheidung im Herzen schon längst gefallen. Trotzdem haben wir lange diskutiert. Wir haben versucht ganz rational und aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf das Projekt zu schauen. Schließlich wollten die beiden das Anwesen ja nicht privat nutzen, sondern es zu einem ganz besonderen, edlen Domizil für anspruchsvolle Weltenbummler restaurieren.

Am Ende des Abends, bei Fisch und frittierten Artischocken, in einem kleinen Restaurant im jüdischen Viertel von Rom, erschien uns das Palast-Projekt dann fast als eine logische Konsequenz. Das Paar betreibt mit seiner Lodge „White Deer“ in den Südtiroler Alpen und der „Blue Deer“, einem edlen Katamaran auf dem sie ihre Gäste durch das Mittelmeer schippern, schon zwei sehr erfolgreiche Projekte. Das „Holy Deer“ wäre da die perfekte Ergänzung.

Kaum ein Jahr später, Anfang Oktober 2018, verbringe ich die erste Nacht in den päpstlichen Gemächern. Ja, wie soll ich es richtig beschreiben? Opulent, unglaublich erlesen im Detail und völlig anders als ich es erwartet hatte. Für mich die wohl außergewöhnlichste „Suite“ Europas.

Warum? Wie mittelalterliche Alchimisten haben Giorgia und Stefano in dem Palazzo ihren Traum von Zeitlosigkeit, Schönheit und Perfektion verwirklicht und das Apartment mit viel Herzblut in die Gegenwart versetzt. Dabei sind die beiden Italiener zwei Menschen, die keine Kompromisse akzeptieren. Jede Tapete, jede Gardine, jede Wandverkleidung, jedes Möbelstück hat eine eigene bewegte und oft bewegende Geschichte.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Ankleidezimmer ist eine Hommage an Giorgias Großvater. Ihr Opa, Gaetone Savini, war der Gründer des Modelabels Brioni, das bis heute die wohl exklusivsten maßgeschneiderten Herrenanzüge der Welt produziert. Giorgia hatte die fixe Idee, die Schränke mit dem Innenfutter der ersten Brioni-Anzüge auszukleiden. Das erschien zunächst ganz und gar unmöglich. Nirgendwo war viel mehr als ein halber Meter aufzutreiben. Aber Giorgia hat nicht aufgegeben und schließlich einen Stoffhändler aufgetan, der eigentlich schon in Rente war. Gerührt von ihrem Enthusiasmus, stöberte er für sie auf seinem Dachboden und fand einen Ballen des grauen Kaschmir-Stoffes.

Besonders ist auch die Geschichte des Esstisches, dessen Platte mit wundervollen Intarsien aus buntem Marmor verziert ist. Ihn entdeckten die Barbinis im Laden eines 82-jährigen Antik-Händlers in den Gassen von Rom. Als der alte Herr den Tisch lieferte und die eindrucksvollen Hallen im Palazzo sah, liefen im die Tränen über die Wange. Bei dem verarbeiteten Marmor für die Intarsien handele es sich nämlich nicht um gewöhnliche Steinreste, erklärte der Signore. Noch in seiner Kindheit habe dieser antike Marmorbruch überall in der Stadt verteilt herum gelegen. Am Straßenrand, zwischen Mauersteinen, in Innenhöfen und Gärten. Und es war die Aufgabe der Handwerker-Kinder diese Steinchen zu sammeln, damit ihre Väter sie als kostenloses Material in ihren Möbeln weiter verarbeiten konnten. Der Antik-Händler selber hatte einst als Bambino die Steinreste für solche besonderen Tische gesucht. Und dass dieser antike Tisch jetzt seine Bestimmung im neu erstrahlten „Papst-Palazzo“ gefunden hat… diese Ehre stimmte ihn wirklich sentimental.

Und dann gibt es da noch den Yamaha Flügel, den Stefano gekauft hat. Nicht irgendein Piano, sondern ein so genanntes Disklavier. Das kann nicht nur ganz allein tausende Titel spielen, es kann auch live übertragen. Also angenommen Sie wären mit Elton John befreundet und der will Ihnen ein Ständchen zum Geburtstag spielen während Sie im Holy Deer residieren, dann ist das kein Problem. Sie beide müssen sich einfach zeitlich verabreden und Sie müssen nur den Deckel hochklappen. Dann kommt Elton John live aus Nizza oder New York zu Ihnen in den Palazzo, die Tasten bewegen sich wie von Gottes Hand.

Ich könnte noch seitenlang über jedes Detail dieser ungewöhnlichen Suite berichten… Das Ehepaar Barbini hat schlichtweg etwas Einzigartiges geschaffen. Als ich nach meiner ersten Nacht im „Holy Deer“ die übergroßen Flügelfenster zur Piazza Navona öffne, ist mir so herrschaftlich zumute, dass ich kurz überlege, eine morgendliche Ansprache von dem kleinen steinernen Balkon an das Volk zu halten.

Aber um sieben Uhr morgens ist Rom noch nicht erwacht. Ich schenk mir einen dampfenden Kaffee ein und schaue vom ‚Papstbalkon’ über die menschenleere Piazza. Da geht das Kopfkino sofort los. 46 v. Chr. war hier ein Stadion, über 30.000 Zuschauer hatten in dem Oval Platz. Später wurden auch Gladiatorenkämpfe ausgerichtet. Da muss es hoch her gegangen sein. Heute Morgen ist es eher ruhig und beschaulich. Ein paar ältere Damen führen ihre Hunde aus und unter meinem Balkon lässt ein Personal Trainer zwei blonde Grazien Gewichte stemmen.

Einen Kaffee und einen Orangensaft später hält die Realität Einzug. Punkt 08.15 Uhr kommt von links die erste Touristengruppe, angeführt von einem roten Regenschirm, auf der Piazza an. Alle haben einen Kopfhörer auf, gestikulieren laut auf spanisch. Scheinen Südamerikaner zu sein. Um 8.20 Uhr, die nächste Gruppe von rechts, die auf den berühmten Vierströmebrunnen zusteuert. Diesmal ist der Regenschirm grün und die Reisenden kommen offenbar aus Asien. Dann noch mehr Schirme und Fähnchen, bis ich den Überblick verliere. Ein verrücktes Schauspiel, das mich aus der sicheren Entfernung amüsiert. Innerhalb von 15 Minuten füllt sich der Platz mit Menschen.

Um 8.30 Uhr richtet ein Japaner seine Kamera auf mich. Ich beschließe, dass es Zeit ist für ein Bad im Whirlpool. Den haben die Barbinis an die Stelle gebaut, an der sie den ehemaligen Durchgang zur Sant’Agnese in Agone vermuten. Auch ein Ort der Ruhe und der Reinigung.

Ein heißer Sommertag im Jahr 1992: Ich erinnere mich daran, dass der Notar schwitzte, da es ihm einfach zu warm war – mir war es eher mulmig zumute; die Unterschrift etwas zittrig. C&M war auf den Weg gebracht, der erste Reiseveranstalter in Deutschland für ‚Luxusreisen‘. Ganz schön kess damals, so gab mir die Branche nur ein halbes Jahr und dazu einen Spitznamen: Enfant terrible. Jetzt sind es 25 Jahre, heute nennen sie mich: die eiserne Lady :-)

What to say? Es waren aufregende, wunderbare Jahre, die Welt wurde mehrfach umrundet, das ungeschriebene Buch der Anekdoten hat bereits mehrere Ausgaben. Hätte ich damals gewusst, wie sehr diese Unterschrift mein Leben verändert, dann hätte ich sie mit ruhiger Hand mehrfach auf den Gesellschafter Vertrag gesetzt.

Einige von Ihnen sind seit 1992 mit mir verbunden: Sie haben miterlebt, wie dieses kleine Unternehmen sich entwickelt hat und gewachsen ist, Sie haben auch die kleinen Krisen überstanden, unter anderem den Babyboom im Team. Ich bekomme die Namen aller Mitarbeiter noch zusammen, aber es waren schon ein paar, die kamen und gingen. Dennoch haben wir hier noch mehr Jubiläen von 19, 18 und 17 Jahren Betriebszugehörigkeit. Sieht so aus, als wäre es ganz gut gelaufen.

Ihnen, unseren Weltenbummlern, die uns seit damals oder seit neuestem Ihre wichtigste Zeit im Jahr anvertrauen, möchte ich persönlich danken. Sie sind mein Antrieb: Ihre Freude, Ihr Vertrauen und das ein oder andere persönliche Wort waren immer meine Motivation.

Und, ich möchte mich auch bei allen Mitarbeitern bedanken, die mich einen Teil der Reise begleitet haben oder auch noch heute zu meinem Team gehören: Sie sind und waren immer das Kapital meines Unternehmens, außerdem sind und waren sie für mich – entgegen allen Managementregeln – nie Angestellte, sondern immer eine erweiterte Familie.

Jetzt denke ich darüber nach, wie sich C&M auch die nächsten 10 Jahre oder vielmehr im Zeitalter von Internet und VIP-Travel im ‚Supermarkt‘ aufstellt. Ganz einfach, wir machen es so wie bisher: Erst wird beraten, dann kalkuliert.

Stoßen Sie In diesem Sinne mit mir an – auf ein Vierteljahrhundert bunte Welt.

Herzlichst Ihre
Stephanie Elingshausen