Kategorie: Aktuelles

Tischgespräch mit –

Bernhard Bohnenberger

Ein Gespräch über alte Hotel-Hierarchien, intelligenten Luxus, große Krisen,
rettende Zufälle und wie ein Pegasus für neue Stabilität sorgte.

Im dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch und in auf Hochglanz polierten Schuhen sieht Bernhard Bohnenberger ganz fremd aus. Wenn wir uns sonst treffen, trägt er kurze Hosen, ein helles Leinenhemd und ist in der Regel barfuß unterwegs. Ich muss zweimal hinschauen, bevor ich ihn erkenne. Für unser Gespräch haben wir uns im altehrwürdigen Hotel Plaza Athénée in Paris verabredet. Bei der Begrüßung unter dem schweren Kronleuchter in der Eingangshalle spüren wir den strengen Blick des Concierge im Rücken und müssen beide schmunzeln. Bernhard Bohnenberger, den alle nur BB nennen, ist President von Six Senses, den wundervollen Luxusresorts mit Dependancen in der ganzen Welt, in die ich als Reisedesignerin schon seit vielen Jahren meine Kunden schicke. Dort geht es so ganz anders zu als hier in Paris. Das Abendessen wird am Strand, im Baumhaus oder im romantischen Weinkeller serviert, die Kleiderordnung ist super casual, die Angestellten kümmern sich mit Hingabe um ihre Gäste, aber nicht unbedingt immer streng um die Etikette. Kürzlich bat BB den Premierminister von St. Kitts, den Vertrag für den Standort eines neues Strandresorts nicht am Schreibtisch, sondern mit den Füßen im Meer zu unterschreiben. Das Foto davon spricht Bände. Der Herr Premierminister wird dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen. Sie sind verwundert, dass ausgerechnet der Mann, der für dieses unkonventionelle Konzept steht und dem keine Idee zu verrückt ist, mein Gesprächspartner zum Thema Stabilität ist? Meine Antwort: gerade deswegen!

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Wir feiern heute Premiere. Das hier ist unser erster hochoffizieller Business Lunch. Dabei kennen wir uns schon seit so vielen Jahren. 1991 habt ihr mit Six Senses angefangen …

BERNHARD BOHNENBERGER: … und du hast etwa ein Jahr später C&M Travel Design gegründet. Damit warst du die Erste, die auf dem deutschen Markt maßgeschneiderte Luxusreisen angeboten hat. Du hast unsere Resorts für deine Kunden entdeckt, als uns noch niemand kannte. Das war mutig.

STEPHANIE: War es nicht, ich war ja zuvor bei euch und hatte mich persönlich überzeugt, dass das, was ihr da auf die Beine gestellt hattet, großartig war. Ihr habt in der Zeit den Barfußluxus erfunden und die Malediven für den gehobenen Tourismus überhaupt erst interessant gemacht. Vorher gab es auf den Inseln nur kleine Hütten ohne fließendes Wasser und zum Abendessen täglich Leipziger Allerlei aus der Dose. Das ist lange her, ich bin erstaunt, dass wir beide immer noch die gleiche Firma auf der Visitenkarte haben.

BB: 27 Jahre in einem Unternehmen zu arbeiten, ist in unserer Branche wirklich super selten. Aber Six Senses ist meine Familie, meine Lebensaufgabe. Es ist genau das, was ich immer machen wollte.

“WER DURCH DIE TÜR KOMMT, DER
BETRITT EINE ANDERE WELT.”

Bernhard Bohnenberger

STEPHANIE: Die Leidenschaft für die Hotelbranche wurde dir ja bereits in die Wiege gelegt. Du stammst aus einer großen Schweizer Hotelierfamilie und hast an der altehrwürdigen Hotelfachschule in Lausanne gelernt.

BB: Danach war ich im Vierjahreszeiten in München, im Baur au Lac in Zürich, im Hilton in Genf und in Hongkong, als das Hilton noch zu den Besten gehörte. Aber je tiefer ich in dieses traditionelle Hotelbusiness eintauchte, desto klarer wurde mir: Das ist nicht meins.

STEPHANIE: Warum?

BB: Weil ich selber ungern in solchen Hotels lebe. Da wird alle fünf Jahre mal ein wenig renoviert, und ansonsten macht man sich Gedanken darüber, welche Promotion man für die Nachsaison noch schnell bewirbt und was man zu Weihnachten auf die Beine stellt. Konzepte von anno Tobak. Ich wollte mehr als das. Ich wollte es anders machen, ganz anders!

Am Nachbartisch wird gerade der Wein verköstigt, wir schauen dem livrierten Kellner zu, der ganz gemäß alter Schule den linken Arm hinter dem Rücken platziert und mit rechts leicht gebeugt das Glas füllt. Hmmm, denke, ich weiß was er meint.

STEPHANIE: Mit Six Senses hast du dir quasi deine eigene Hotelwelt geschaffen. Ihr habt damals wie heute völlig neue Konzepte kreiert. Anstatt opulenter Suiten wurden Pavillons gebaut mit Privatsphäre und XXL DayBeds, aus engen Spa- Kabinen wurden Erlebniswelten und aus langweiligen Restaurants Live-Küchen. Damit habt ihr die Hotelszene revolutioniert.

BB: Einem klassischen Hotel geht es in erster Linie darum, Zimmer zu verkaufen. Unsere Herangehensweise war und ist ganz anderes. Wir wollen, dass die Menschen nicht nur ausgeschlafen, sondern auch mit wundervollen neuen Erfahrungen zurückreisen.

STEPHANIE: Ihr habt quasi den Trend gesetzt und seid ihm nie gefolgt. Das hat Spaß gemacht, aber auch viel Kraft gekostet.

BB: Schon, aber wir waren uns absolut sicher, dass wir den richtigen Ansatz verfolgen. Wir haben einfach von uns selbst auf andere geschlossen und so unsere Vision entwickelt: Wer findet es schon cool, um die halbe Welt zu fliegen, um dann abends im Cocktailkleid unter einem Kronleuchter zu sitzen und Austern aus der Bretagne zu schlürfen? Hier in Paris in der Avenue de Montaigne passt das. Aber im Indischen Ozean eben nicht. Wir verzichten dort also auf importierte Foie Gras und Lachs, stattdessen servieren wir lokale Speisen. Das schont die Umwelt, ist gesünder für die Gäste und spart uns sogar noch Geld.

STEPHANIE: Umwelt- und Tierschutz waren bei euch von Anfang an Teil des Konzepts. Dafür hat man euch damals als Ökos verspottet. Man nannte euch Tree-Huggers.

BB: Dabei war unser Engagement gar nicht rein idealistisch. Die Menschen fahren auf die Malediven wegen der schönen Natur über und unter Wasser. Da ist es doch nur logisch, dass ich mich als Hotelier dafür einsetze, dass das Ökosystem intakt ist. Es fördert nicht gerade das Urlaubsfeeling, wenn man Zeuge wird, wie taiwanesische Fischer den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen abschneiden oder Schildkröten brutal abgeschlachtet und als Suppenfleisch nach China verkauft werden. Wir haben da an höchster Stelle bei der Regierung angesetzt und eine Kampagne gestartet. Mit Erfolg. Auf den Seychellen, in Vietnam und an vielen anderen Orten versuchen wir, das Ökosystem nicht nur zu schützen, sondern es aktiv wiederherzustellen. Da haben wir – zusammen mit Experten – alle Pflanzen, die durch fremde Siedler eingeschleppt worden waren, entfernt und ursprüngliche Spezies wieder angesiedelt.

STEPHANIE: Auch dass bei euch das Personal sehr viel fröhlicher und ungezwungener mit den Gästen umgeht, ist kein Zeichen von Laisserfaire, sondern ist Teil der Philosophie?

BB: Unbedingt. Was mich an der alten Hotellerie immer extrem stört, ist diese künstliche Atmosphäre und der Militärdrill, der dort vorherrscht. Alles funktioniert hierarchisch, man darf keinen Spaß bei der Arbeit haben. Gebrülle und Geschimpfe gehören dazu. Wenn der Liftboy nicht vor seinem Chef zittert, dann stimmt was nicht. Was soll das? Das spürt auch der Gast, und das passt so gar nicht in ein entspanntes Umfeld. Mir sind Mitarbeiter mit einer positiven Grundhaltung lieber als solche mit viel Wissen und Arroganz.

STEPHANIE: Die Idee des intelligenten Luxus ist das Fundament eures Erfolgs. Ihr habt damals recht schnell und stark expandiert und auch Konzepte wie Soneva und Evason vorangetrieben. 2012 gingen die Marken, mit recht kräftigem Getöse innerhalb der Branche, auseinander. Warum seid ihr da ins Straucheln geraten?

BB: Der Hauptinvestor, dem sehr viele Hotels gehörten, war auch in das Management eingebunden. Als er, aus Gründen die nichts mit unserem operativen Geschäft zu tun hatten, in finanzielle Schwierigkeiten kam, hat er uns sozusagen mitgerissen.

STEPHANIE: Ihr habt die Krise als Chance genutzt, euch einen neuen Investor gesucht und euch völlig neu aufgestellt.

BB: Heute ist Six Senses eine reine Management- Gesellschaft. So wie die meisten Marken, die man kennt, etwa die Hotels Four Seasons, Hyatt, Marriott oder Hilton, gehören uns die Häuser nicht. Wir schließen Verträge mit den Besitzern ab, die meistens über 40 Jahre oder noch länger laufen, und konzentrieren uns auf unsere Arbeit.

STEPHANIE: Pegasus, der Private-Equity-Fonds aus den USA, ist heute euer Haupteigentümer. Du und einige weitere Führungskräfte behielten ihre Anteile. Wie kam es dazu?

BB: Das war absoluter Zufall. Wir hatten schon mit einigen Investoren gesprochen, als eines Tages ein Direktor von Pegasus zum Honeymoon in eines unserer Resorts reiste. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte uns, das diese globale Kapitalgruppe 2,5 Milliarden Dollar verwaltet und sich auf die Geschäftsfelder Nachhaltigkeit und Gesundheit konzentriert. Bislang hatten sie Superfood, Naturmedizin und Müll-Recycling im Portfolio, aber noch keine Hotels. Da waren wir die Ersten, aber passten perfekt rein.

STEPHANIE: Private-Equity-Fonds sind ja auch manchmal umstritten. Sie lassen ihren Zögling fallen, wenn er nicht schnell genug marschiert.

BB: Wir haben von Anfang an klargemacht, dass wir die Firma restrukturieren wollen und dass wir dafür viele Millionen und auch Zeit brauchen. Unser Ziel war es, unser Profil zu schärfen und vom Wildwuchs der vergangenen 20 Jahre zu befreien, um dann mit frischer Kraft global wachsen zu können. Wir haben ihnen ganz offen gesagt, dass sie vier bis fünf Jahre Geld reinstecken und nichts rausholen werden. Diese Zeit ist jetzt vorbei, und es dreht. 2018 machen wir Profit.

STEPHANIE: Was habt ihr verändert?

BB: Vieles lief in der Vergangenheit zwar erstaunlich gut, aber war doch recht chaotisch organisiert. Wir haben im Finanz- und Personalwesen, im Bereich Technik und beim Training unserer Leute professionelle Strukturen geschaffen, die das Kreative aber nicht ersticken, sondern fördern. Viele Veränderungen sind ganz profan – so wie eine neue Website oder ein neues Computersystem, das Karteikästen und Zettelwirtschaft abschafft. Viele Mittelständler werden diese Probleme kennen. Es ist kein Teufelswerk, die Strukturen zu ändern, aber es kostet Zeit und Geld, das anzugehen.

STEPHANIE: Ihr habt heute ganz offiziell einen Vizepräsidenten für Nachhaltigkeit.

BB: Seine Aufgabe ist es, die Ökobilanz zu verbessern und so am Ende Kosten einzusparen. Wir sind heute an all unseren Standorten fast plastikfrei, und in Fidschi setzen wir erstmals zu 100 Prozent auf Solarenergie.

STEPHANIE: Pegasus hat euch also – genau wie es der Name verspricht – Flügel verliehen, und jetzt seid ihr bereit, in den Hotel-Olymp aufzusteigen? Mir ist, als würde täglich ein neues Six Senses irgendwo auf der Welt aufmachen.

BB: Es tut sich was, wir expandieren. Derzeit gibt es international 15 Hotels und 32 Spas, die unter unserem Namen firmieren. 37 neue Projekte sind unterschrieben, bei 100 weiteren sind wir im Gespräch.

STEPHANIE: 100! Habt ihr keine Angst, den Überblick zu verlieren?

BB: Ich bin mir sicher, dass wir jetzt, in der Kombination aus lang erprobter Philosophie und den entsprechenden finanziellen Mitteln, eine so große Stabilität hergestellt haben, dass wir uns da keine Sorgen machen müssen. Außerdem werden aus den 100 Gesprächen am Ende nur zehn oder zwanzig reale Projekte. Aber ich sehe es als ein großes Kompliment und ein gutes Zeichen, dass unser Konzept offenbar überzeugt. Früher war Six Senses ein unbekanntes Nischenprodukt. Wenn ein Besitzer heute ein neues Management sucht, dann stehen wir auf der Liste neben den großen Playern wie dem Mandarin Oriental oder Four Seasons. Das ist schon was.

STEPHANIE: Die Liste eurer neuen Destinationen liest sich fantastisch: Kambodscha, Indien, China, Bhutan. Wahnsinnig spannende Resorts, aber ihr verfolgt gleichzeitig auch ein völlig neues Konzept. Six Senses wird urban.

BB: Six Senses ist eigentlich ja viel mehr als ein Hotel, es ist ein Lifestyle. Wir wollen unsere Gäste nicht nur einmal im Jahr, sondern so oft wie möglich in unsere Welt der sechs Sinne entführen. Dafür bringen wir die Six-Senses-DNA in die City.

STEPHANIE: Euer erstes Stadthotel ist das Duxton in Singapur. Das hat erst vor zwei Monaten eröffnet. Was unterscheidet euch da von einem hübschen Boutique-Hotel?

BB: Wer durch die Tür kommt, der betritt eine andere Welt. In den City-Hotels geht es entspannt und ohne große Formalitäten zu. Wir haben keinen Dresscode, auch die Einrichtung ist nicht pompös. Wir setzen auf viel Grün und unterstreichen die lokale Kultur. Wer im Duxton ankommt, der bekommt am Check-in erst einmal eine chinesische Puls-Diagnose und einen darauf angepassten Kräutersaft als Begrüßungsdrink. Wer Lust hat, der kann sich an der Alchemiebar seine eigene Zahncreme oder eine Gesichtsmaske mixen.

STEPHANIE: 2020 wollt ihr in New York eröffnen.

BB: Neben dem Hotelbetrieb mit 130 Zimmern werden wir 250 Appartements im Paket mit dem Six-Senses-Konzept verkaufen. Die Wohnungen haben eine gesunde Klimaanlage mit bester Luft, die Wasserqualität wird hervorragend sein, und die Baustoffe sind aus Naturmaterialien. Dazu kommt der Service. Wir organisieren das Housekeeping, einen Babysitter, einen Chauffeur, füllen den Kühlschrank mit frischem Gemüse, das wir selber auf dem Dachgarten anbauen – und das mitten in Chelsea, zwischen der 17. und der 18. Straße!

STEPHANIE: Mit diesem Konzept geht ihr ebenfalls global?

BB: Wir sind in Gesprächen über London, Paris, Tokio, San Francisco, Shanghai und Bangkok.

STEPHANIE: Bangkok ist deine Homebase.

BB: Schon seit 1991. Eine Stadt, in der sich viel bewegt. Für einen Querdenker wie mich das perfekte Zuhause.

STEPHANIE: Wir haben über die neue Stabilität bei Six Senses gesprochen, wer gibt dir die privat?

BB: Ich habe einen wunderbaren Partner an meiner Seite, mit dem ich seit 22 Jahren zusammen
bin. Das ist mein emotionaler (Equity) Fonds.

Die Zeit mit BB ist wie im Flug vergangen. Nach dem gemeinsamen Essen schlendere ich durch die Lobby des Plaza Athénée. Im Wintergarten wird gerade der Tee serviert. Aus silbernen Kannen schenken die Kellner Earl Grey aus, auf den Etageren sind zauberhafte Petit Fours und Macarons in zarten Pastelltönen drapiert. Vor dem Fenster sitzt eine Harfenistin in einem hochgeschlossenen, dunkelblauen Kleid, der warme Klang ihres Instruments umhüllt die Gäste. Eine perfekte Inszenierung. Alles passt. Ich bleibe stehen, lausche und fühle mich dabei ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Irgendwie hat das doch was, und hier passt es auch hin.

 

Japan ist ein Land der Perfektionisten. Nirgendwo sind die Parks so aufgeräumt, die Strassen so sauber und das Essen auf dem Teller so akkurat angerichtet wie hier. Selbst der Vulkankegel des heiligen Mount Fuji ist so perfekt geformt, dass er einmalig auf der Welt ist. Das ist faszinierend – aber manchmal ist der japanische Lifestyle auch einfach nur maximal verwirrend.

Ein spannender Roadtrip von Osaka bis Tokio.

Auf dem Bahnsteig an Gleis 2 steht ein Mann in dunkelblauer Uniform und regt sich nicht. Die Hände stecken in weissen Handschuhen und sind akkurat an die  Hosennaht  gelegt,  seine Füsse hat er parallel zu den grauen Fugen der Fliesen ausgerichtet. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen  starrt er auf die Anzeigentafel neben der Rolltreppe. 14:00 Uhr. Die S-Bahn fährt pünktlich ein, der Mann dreht sich um 90 Grad. Als wir einsteigen, verbeugt er sich tief. Auch die anderen Passagiere, die an diesem Mittag vom Flughafen Osaka in die Stadt fahren wollen, werden so formvollendet verabschiedet. Einer nach dem anderen steigt ruhig und ohne zu drängeln in den Zug. So haben wir es uns vorgestellt. Japan – das Land, wo Höflichkeit, Respekt und Pünktlichkeit die wichtigsten Säulen der Gesellschaft sind. Die Türen schliessen und wir sind froh, dass wir auch ohne englische Beschilderung den richtigen Zug erwischt haben. Jetzt kann das Abenteuer beginnen. Und wir sind bereits mittendrin: Eine junge Frau läuft zügig durch das Abteil. Ihr Blick schweift über den Boden. Plötzlich bückt sie sich blitzschnell, hebt einen winzigen Papierschnipsel auf,  steckt  ihn in die Handtasche und sucht weiter.  Eine  Verrückte?  Nein,  sie ist Teil des Reinigungsteams der Bahn. Besen, Kehrblech oder Müllsack braucht sie für ihre Arbeit nicht. Hier kommt niemand auf die Idee, seinen Kaffeebecher einfach auf den Boden zu schmeissen oder seine Zeitung auf dem Sitz liegen  zu lassen – wir sind schliesslich in Japan!

Und um es gleich vorwegzunehmen, als Reisedesignerin bin ich rund hundert Tage im Jahr in der ganzen Welt unterwegs. Ich schaue,  lerne,  staune,  erlebe.  Vor  einigen  Jahren  war  ich schon einmal in Japan. Erstaunlicherweise war es  das  erste und einzige Land, in dem ich tatsächlich ein bisschen Heimweh hatte und gleichzeitig tiefste Faszination erlebte. So fremd und doch so lieblich, so irritierend, so westlich modern und im selben Atemzug unglaublich traditionell und exotisch. Es ist ein Land, das einen herausfordert.

Dieses Mal habe ich es besser geplant, ich reise nicht alleine – mit im Gepäck: Gaby Herzog, eine gestandene Journalistin. Weltenbummlerin, Weltversteherin und viel geländefähiger für eine Kultur, die mir so  total  fremd  ist.  Gaby  war  noch nie in Japan und ist total aufgeschlossen und voller Vorfreude. Eine perfekte Kombi: Ich bin zuständig für die Logistik und das Erleben, sie für den kulturellen und geschichtlichen Background und für die Völkerverständigung. Unsere Route führt uns in zwei Wochen von Osaka bis nach Tokio. Und zwar auf eigene Faust, mit dem Mietwagen. Auf diese verwegene Idee kommen in Japan wohl nur wenige Touristen. Wie exotisch das Vorhaben ist, uns hier in den Verkehr zu stürzen, merken wir auch schon an der Reaktion der Dame bei der Autovermietung.

Als wir mit unseren Koffern über den Parkplatz auf ihren Bürocontainer zurollern, kichert sie verlegen, schliesslich spricht sie kaum englisch. Das Übernahmeprotokoll ist auf Japanisch (jetzt kichern wir verlegen und unterschreiben)  und auch das Navigationsgerät in unserem Toyota lässt sich nur bedingt auf Englisch umstellen. Die Knöpfe, auf denen vermutlich «O. K.», «alternative Route» und  «Lautstärke» steht, sind mit japanischen Zeichen beschriftet. Gut, dass wir vorher eine Offline-Karte auf unsere Handys geladen haben.

Beschwingt davon, dass wir so gut vorbereitet sind und vielleicht auch noch nicht ganz zurechnungsfähig wegen des Jetlags, machen wir uns auf den Weg.  Unser  erstes  Ziel  ist die private Villa von Mr. Matsubayashi, zwei Stunden Fahrt von Osaka entfernt. Orte wie diese gibt es in Japan nur  selten. Das Bauernhaus mit  einem  traditionellen  Schilfdach liegt in den Bergen,  in  der Nähe  von  Nara.  Vor  dem  Haus ist ein wunderschöner japanischer Garten angelegt. Der Kies rund um die kleinen, knorrigen Kiefernbäume ist akkurat geharkt. Vor dem Teehaus gurgelt ein Wasserspiel, im Hintergrund Berge, die zum Ende des Jahres  in  das  prächtige Rot des Fächerahorns gefärbt sind. Der Herbst ist nach der Mandelblüte im Frühjahr wohl die schönste Reisezeit.

Herr Matsubayashi bittet uns die Schuhe vor der Tür auszuziehen und reicht feierlich zwei Kimonos und seidene Tobi-Socken (Fäustlinge für die Füsse).  Auf  denen  sollten  wir im Wohnzimmer laufen, während es im WC unverzichtbar sei, ausserdem in die dort bereitstehenden  Badschuhe  zu schlüpfen. Das Einhalten der alten Bräuche ist unserem Gastgeber ein tiefes Anliegen. Herrn Matsubayashi und der Völkerverständigung zuliebe quetsche ich mich also brav in Schuhgrösse 36 (41 wäre passender) und tipple in kleinen Schritten durchs Bad. Das Herz unserer Unterkunft ist das Wohn- und Schlafzimmer mit einer «Irori»-Feuerstätte. Die Einrichtung ist einfach und reduziert. Westliche  Designideen hat der Hausherr bewusst ferngehalten. «Es  geht  um die Balance von Zivilisation und Natur, Stadt und Land, Fortschritt und Glück», erklärt er. «Hier soll der Geist die Möglichkeit haben, zur Ruhe zu  kommen.» Der  Boden  ist  mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die einen angenehmen Duft verströmen. Die Wände sind aus Lehm und die Türen mit Papier bespannt. Es gibt weder Stühle noch ein Sofa und  sogar das Bett fehlt. Matsubayashi interpretiert meinen  suchenden Blick richtig: «Keine Sorge, die Futons liegen im Schrank da drüben und werden abends für Sie ausgerollt.»

In den nächsten Tagen weisen uns Herr Matsubayashi und seine Frau in die japanische Lebensart ein. Dazu gehört natürlich Shabu Shabu – japanischer Feuertopf. Über den glühenden Kohlen, die auf den Sand in der Feuerstelle im Wohnzimmer geschüttet werden, wird eine heisse Brühe gekocht. Mit unseren Stäbchen nehmen wir hauchdünn geschnittenes Rinderfilet von einem Teller und tauchen es in die aromatische Suppe. «Schwing hin, schwing her – Shabu Shabu»,  nach zwei Sekunden ist das Fleisch gar und wird in würzige Sesamsauce getunkt. Dazu gibt es Gemüse und Pilze. Ein leichtes und extrem leckeres Abendessen!

Am Morgen müssen wir früh raus. Unser Gastgeber ist praktizierender Yamabushi-Mönch und hat angeboten, uns an die heiligen 48 Wasserfälle von Akame zu führen. Die Wanderung im Frühnebel, entlang des Flusses, beginnt er mit einem kräftigen Stoss in das Horagai, das grosse Muschelhorn. Mit diesem tiefen, mystischen Ton, der noch lange an den Felswänden widerhallt, begrüsst Mr. Matsubayashi den Wald. Dann spricht er leise seine Sutras, die uralten Ferse.

Wir sind wie verzaubert von  diesem  spirituellen  Ausflug und sehen unseren Gastgeber mit neuen Augen. Er eröffnet uns Einblick in ein Japan, wie es die meisten Japaner schon nicht mehr kennen. Unser Staunen  ist  für  Herrn  Matsubayashi  ein  Ansporn. Am Abend reserviert er einen Tisch in einem Restaurant im Nachbarort. Der Sushimeister dort ist sein Freund. Für die Gäste aus Deutschland legt auch er sich  richtig  ins  Zeug.  Zwei Stunden lang landen fischige Delikatessen auf meinem Teller, vom Lachs über den Butterfisch bis zur Seegurke. Jeder Happen ist ein optisches und lukullisches Kunstwerk. Eigentlich bin ich kein grosser Fan von rohem  Fisch,  aber  hier mache ich eine Ausnahme. Erst als der Koch mit einem Köcher einige Garnelen aus dem Bassin holt und ihnen vor meinen Augen den Kopf abtrennt, verlässt mich mein kulinarischer Mut. Als der kopflose Leckerbissen dann auf meinem Teller zappelt und fast vom Reishäufchen hüpft, ist bei mir Schluss. Unauffällig bugsiere ich ihn auf den Teller meiner Mitreisenden. Ich möchte durch meine plötzliche Appetitlosigkeit niemanden verletzten. Gaby ihrerseits zuckt keine Sekunde, lächelt erfreut und rettet mich mit  einem  Happs  aus der Situation.

Nach zwei Tagen machen wir uns auf den Weg nach Kyoto, der alten Kaiserstadt. Auch hier ist alles so sauber und aufgeräumt, dass man immer den Eindruck hat, man wäre in eine perfekte kleine Spielzeugwelt geschrumpft worden. Am späten Nachmittag schlendern wir durch die Gassen von Gion. In diesem Stadtteil sollen die Geishas wohnen. In der Dämmerung machen sich die Frauen im Kimono, schwarzer Echt- haarperücke und den schneeweiss geschminkten Gesichtern auf den Weg zur Arbeit. Ihr Jobprofil lässt sich am ehesten mit Gesellschaftsdame übersetzen. Sie unterhält Männer beim Abendessen, auf Partys und bei Cocktail – Empfängen, animiert sie zu Trinkspielen, spielt die Langhalslaute. Das kostet rund 3’000 bis 5’000 Euro pro Person an einem Abend. Auch wenn man bei den Preisen andere Erwartungen haben könnte – mit Prostitution hat das angeblich nichts zu tun. Aber mit Emanzipation auch nicht … Vielleicht ist das der Grund, warum es heute nur noch 200 Geishas in Kyoto gibt? Früher sollen es fast 18’000 gewesen sein.

Fakt ist: wir sehen keine. Mehrfach schon haben wir unsere Handykameras gezückt, weil eine Frau im Kimono auf ihren (extrem unbequemen) Holzpantilen an uns  vorbeitippelt. Aber schnell erkennen wir, dass es sich dabei um Touristinnen handelt, die sich für rund 3’000 Yen (24 Euro) in einem der vielen Kostüm-Verleihe für ein paar Stunden in die traditionelle Tracht kleiden lassen. Am nächsten Tag sehen wir dutzende junge Damen, die so herausgeputzt sind, vor den spektakulären Sehenswürdigkeiten für ein Erinnerungsfoto posieren.

16 Tempel, Schreine und Burgen in Kyoto stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Die alle zu besuchen ist für uns in der kurzen Zeit unmöglich. Darum lassen wir Herrn Watanabe, unseren Guide, die Auswahl treffen. Er bringt uns zur Goldenen Pagode, zur Pagode des Ninna-ji Tempels und zum Zen-Tempel Ryõan-ji mit seinem berühmten Steingarten, über den schon Queen Elizabeth besonders «amused» gewesen sein soll. Grossartig! Hochkultur!

Leider sind all diese Orte  sehr  voll.  Den  Japanern  macht das nichts aus. Während wir Westler uns  gerne  der Illusion hingeben, wie Robinson Crusoe als erste Besucher einen Ort zu entdecken, ist  das  bei den  Japanern  ganz  anders. Die Anwesenheit besonders vieler Touristen ist für sie ein Zeichen dafür, dass es sich um eine besonders spektakuläre Sehenswürdigkeit handeln muss, und die will man sich natürlich ansehen. Dass es voll ist, wird also positiv gewertet, als «tanoshii». Das bedeutet so viel wie «lustig» und ist eine besondere Auszeichnung.

Ein paar Stunden lang bewegen wir uns, ganz japanisch «lustig» mit dem Strom. Im Bambushain von Arashiyama ist Mr. Watanabe sogar in der Lage, ein Foto von mir zu machen, das Waldeinsamkeit suggeriert, obwohl sich die  Besucher  hier  auf die Füsse treten. Aber irgendwann reicht es. Pause bitte!

Herrn Watanabe wundert unser Ruhebedürfnis zwar, aber hat sofort eine Idee. Fünf Minuten später halten wir auf dem einsamen Parkplatz des Otagi-Nenbutsu-ji-Tempels. Kein Mensch weit und breit. Dafür begrüssen uns die freundlichen Blicke hunderter kleiner, aus Stein gehauener Buddhas, von denen einer verrückter aussieht als der andere. Die kahlköpfigen Figuren gehen den unterschiedlichsten Hobbys nach. Der eine trägt einen Tennisschläger im Arm, der andere Boxhandschuhe, ein Buddha mit Brille liest, der daneben spielt Saxophon.

Dieser Tempel, so erklärt uns unser Guide, sei eigentlich schon zwölf Jahrhunderte alt. Doch nachdem er 1950 von einem Taifun verwüstet wurde, geriet er als Ruine in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren hatte  Kocho  Nishimura, ein buddhistischer Priester, der auch Bildhauer von Beruf war, die verrückte Idee: Er bot Gläubigen an, gegen eine Spende eine Buddhastatue für die Anlage nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Clever!

Unser letzter Stopp für den Tag ist der Fushimi-Inari-Taisha- Schrein. Er gehört zu den schönsten  Shinto-Schreinen  in ganz Japan. 794 nach Chr. wurde er errichtet und ist der Reisgöttin Inari gewidmet. Besonders markant sind seine Alleen aus tausenden «Torii», die sich  wie  ein  Lindwurm  den Berg hinaufschlängeln. Die Tore, die in warnwestenorange lackiert sind, wurden und werden bis heute von reichen Geschäftsleuten und Firmen gespendet. Sie wollen mit ihren Gaben die Götter um Erfolg bitten. Damit die Götter auch wissen, wen sie unterstützen sollen,  sind  die  Namen  der Spender auf die Hinterseite der Pfähle geschrieben. Am Wegesrand entdecken wir eine Preisliste: Das kleinste  Tor, das aufgestellt wird, kostet 175’000 Yen. Das sind umgerechnet rund 1’400 Euro – diese Summe hat man in Japan zwar schnell ausgegeben, aber dennoch entscheiden sich die meisten Besucher dann doch für ein Miniatur-Tor. Das kostet nur 10 Euro. Auf die Rückseite schreibt man seine Wünsche und hängt es an eine Stellage.

Nach drei Tagen intensiven Sightseeings wird es Zeit für Entspannung. Wir fahren in den Ise-Shima National Park und besuchen ein kleines, edles Resort, das an der malerischen Ago-Bucht liegt. Für 24 Stunden geben wir uns dem süssen Nichtstun hin, baden im warmen Thermalbecken, geniessen die malerische Küstenlandschaft.

So erholt machen wir uns dann auf den Weg zu den  Amas,  den Meerfrauen. Wir haben uns zum Mittagessen  angemeldet und betreten eine mit schwerem Rauch gefüllte Holzhütte. Vor dem offenen Feuer kniet eine Frau mit weissem Kopftuch, weisser Bluse und einem karierten Rock. Sie legt neben grossen Seeschnecken auch eine Abalone auf den Grill. Diese Seeohren» sind wegen ihres besonderen Geschmacks und  der wunderschön schimmernden Perlmutt-Schale eine ganz besondere Delikatesse.

Masume Mihara hat sie selber geerntet. Die 70-Jährige ist aktive Apnoetaucherin. Jeden Morgen schwimmt  sie  mit ihren Kolleginnen raus aufs offene Meer und macht sich – ohne Sauerstoffflasche – auf die Suche. Bis zu 20 Meter tief können diese Frauen tauchen, einige halten die Luft bis zu eineinhalb Minuten an. Faszinierend! Warum Männer traditionell nicht nach Abalonen tauchen, wird  einfach  erklärt.  Sie haben weniger Körperfett, heisst es, da können sie die Kälte schlecht vertragen.

Nach dem vorzüglichen Essen beginnen die Amas rund um die Feuerstelle zu tanzen. Ich mache mir so meine Gedanken, ob diese betagten Damen tatsächlich da noch jeden Morgen rausschwimmen. Oder ist auch das, wie die Geishas, eine aussterbende Zunft, die hier eigentlich nur noch für den Touristen am Leben gehalten wird? Die Frage kann nicht gestellt werden – wir sind ja höflich –, also machen wir noch ein Abschiedsfoto mit den Damen in Tracht und verabschieden uns.

Unser nächster Halt ist ein Ryokan, ein traditionelles Gasthaus und ein Muss auf jeder Japanreise. Die meisten dieser edlen Häuser haben einen Onsen, eine heisse Badestelle mit Wasser aus einer Thermalquelle. Japan liegt auf dem pazifischen Vulkangürtel und hat alleine 110 noch aktive Feuerberge, daher finden sich diese Onsen fast überall im Land.

Das Empfangskomitee hockt auf Knien und ist beim Ausziehen der Schuhe behilflich, alles clean und unfassbar aufgeräumt. Später bringt uns das  Zimmermädchen  grünen  Tee in einer eisernen Kanne. Als sie eine Packung Zigaretten auf dem Tisch liegen sieht, erklärt sie uns höflich, dass auf der Terrasse Rauchverbot sei. Rauchen nur im Zimmer. Aha. Das habe ich ja noch nie gehört. Aber in Japan  wundert  mich nach neun Tagen nur noch wenig. Die Japaner ticken einfach anders als alle Völker, die ich auf meinen Touren erlebe. Das mag auch daran liegen, dass Japan erst  seit  der  Meiji-Ära,  vor 150 Jahren, Fremde auf die Insel lässt. In der Abgeschiedenheit vom Weltgeschehen haben sich viele eigene Regeln herausgebildet.

Nur ein Beispiel: Gastgeschenke. Die haben grösste Bedeutung. Dabei ist die Verpackung mindestens so  wichtig  wie der Inhalt. Nicht zuletzt deswegen, weil Geschenke nie  vor den Augen des Gastes ausgepackt werden. Das wäre unhöflich. Verschenkt werden neben Süssigkeiten  handgeschnitzte Zahnstocher, schönes Papier und blank polierte Riesenäpfel, die umgerechnet rund 20 Euro kosten (ein Apfel, nicht eine Kiste). Gut zu wissen ist auch, dass Präsente nie in weisses Papier gepackt werden. Die Farbe steht für Trauer. Auch Schleifen bringen Unglück, genau wie die Zahl Vier.

Fettnäpfchen gibt es in Japan so viele wie Regeln. Jede Begegnung in diesem Land ist wie ein ritualisierter Tanz mit höflichen  Verbeugungen,  Handbewegungen,  viel  Lächeln und immer wieder denselben Floskeln.  Japaner  betten  ihren Alltag in einen einzigen grossen Klangteppich aus Höflichkeiten. Für diese Art des perfekten Betragens gibt es ein Wort: «majime». Menschen, die «majime» sind, leben eine Mischung aus Perfektionismus und einem Saubermann- Image. Sie spielen stets nach den Regeln und versuchen, alles so exakt wie möglich zu tun.

In einem Onsen gibt es natürlich auch viel zu beachten. Tätowierte haben generell keinen Zutritt. Die Körperbilder sind in Japan das Erkennungs-Zeichen der Yakuza, der japanischen Maffia, und deswegen stockt braven Bürgern schon beim Anblick einer Rose am Bauchnabel der Atem …

Die Prozedur im Bad beginnt mit einem Reinigungsritual. Man sitzt auf Schemelchen und schrubbt sich, bis die Haut rot ist, und dann erst geht es ab in die kochend heisse Quelle. Ganz, ganz langsam lasse ich mich zentimeterweise ins Wasser gleiten. Zwei ältere Japanerinnen mit Duschhaube, die bereits im Onsen sitzen, lächeln mir aufmunternd zu. «This is like Shabu Shabu», sage ich, als ich eintauche. Die Damen stutzen kurz, dann prusten sie los und können sich vor Lachen kaum halten. Obwohl sie kein Wort Englisch sprechen – das haben sie verstanden.

So entschleunigt sind wir gewappnet für Tokio. Diese Megacity ist wie eine Geburtstagskarte mit Musik: Das Gedudel ist faszinierend und doch ist man froh, wenn man sie zwischendurch einmal zuklappen kann. Entsprechend wichtig ist,  dass  hier die Unterkunft stimmt. Für uns ist es das Mandarin Oriental. Wie in einem Adlerhorst thront man im 25. Stock über der Stadt. Von hier hat man einen grandiosen Weitblick bis zum heiligen Berg Fuji und kann sich immer wieder runter ins Getümmel stürzen.

Nach Shibuya zum Beispiel. Dort gibt es die berühmte Kreuzung, die die meisten schon einmal zumindest  im  Fernsehen gesehen haben. Bei Grün dürfen hier die Fussgänger aus allen Richtungen gleichzeitig gehen. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Am besten vom Starbucks Café im ersten Stock aus. Das ist kein Geheimtipp, sondern  hier  tummeln sich die Touristen. Kurz meldet sich meine kleine Klaustrophobie. Aber Gaby ist begeistert: «Das ist ja mal wieder richtig  ‹tanoshii›», stellt  sie  fest  und  zieht  mich  mit  in  das «lustige»  Getümmel.  Ich entspanne  mich  und  versuche  die Nummer mit japanischen Augen zu sehen. Das hilft. Je mehr Menschen da sind, desto grösser die Attraktion. Mit dieser Einstellung kann man dem quirligen Irrsinn tatsächlich etwas abgewinnen …

Als wir rausgehen, warten dort vor der Ampel zwölf Gokarts mit tuckernden Motoren. Die Fahrer tragen Tierkostüme, winken, hupen, machen Selfies … eine Stadtrundfahrt der anderen Art. Wir biegen in eine Seitenstrasse ab und landen im nächsten Rummel. Da gibt  es  Automatenläden  wie  auf  der Kirmes. Hier kann man seine Geschicklichkeit trainieren und versuchen, mit einer ferngesteuerten Zange ein riesiges gelbes Pokémon aus dem Glaskasten zu befreien. Im Laden nebenan stehen 100 Automaten. Anstelle von Kaugummis kann man hier so sinnvolle Dinge wie Hüte für Katzen oder Handyanhänger mit kleinen Sumoringern in Raumanzügen ziehen. Die Angebote richten sich nicht etwa an Kinder – die man in dem Land mit einer der  niedrigsten  Geburtenraten der Welt eh nur selten sieht –, sondern an Erwachsene.

Auch im Katzencafé – keine Kinder. Hier  muss  man  nicht  nur seine Getränke zahlen, sondern auch die Besuchszeit. Zehn Minuten zwei  Euro.  Schnell  ziehen wir  die  Schuhe aus, desinfizieren die Hände und dürfen dann mit  einer  Schar Katzen (sehr edel, sehr gelangweilt) in einem Raum sitzen. Wer die Miezen füttern will (kostet 5 Euro extra), der bekommt eine Schürze und Brekkies. «Müssen wir keine Handschuhe tragen?», fragt eine Frau. Nein, muss sie nicht. Die trägt man nur im Igelcafé …

Herrlich verrückt, dieses Tokio! Im Lift bemerkt Gaby, in den anderen Etagen gibt es noch mehr Cafés. Wir fahren  bis nach ganz oben. Im sechsten Stock landen wir in einem «GunCafé». Dort trinkt man seine Cola und isst Pizza, zwischendurch stehen die Gäste auf, gehen hinter eine Glaswand und schiessen mit einer Pistole  auf  einen  Pappkameraden.  Im fünften Stock: das Hospital Café. Die Bedienung trägt einen sehr kurzen, weissen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. In der vierten Etage ist  eine  kleine  Bühne  aufgebaut, auf der stehen sieben Mädchen, die tanzen und singen. Davor 50 Männer im Alter von 18 bis 80, die singen mit, tanzen die Figuren nach und haben Leuchtstäbe in der Hand, wie die Flugzeugeinweiser am Rollfeld. Damit feuern sie die jungen Damen an. What a World, Samstagmittag um 14.00 Uhr. Als die Autogrammstunde beginnt, flüchten wir in den Aufzug.

Im klassischen Sinne schön ist die Stadt nicht. Immer wieder wurde sie durch Feuersbrünste, Erdbeben und Bombenangriffe im 2. Weltkrieg zerstört. Alte Gebäude gibt es kaum. Aber dafür gefühlt alles andere. «Tokio ist ein Mosaik aus einigen grossen und unzählig vielen kleinen Steinchen. Wie man das Bild zusammensetzt, bleibt einem selbst überlassen.» Diesen Satz habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er stimmt. Das Nebeneinander von Subkultur und Hochkultur (Kaiserpalast, Asakusa-Tem- pel Sensoji, Nationalmuseum) ist atemberaubend. Selten sind so gebündelt so viele unterschiedliche Erfahrungen auf mich eingeprasselt, selten habe ich so viel gestaunt und so oft den Kopf geschüttelt und so viel gelernt.

«Warum gibt es eigentlich keine öffentlichen Mülleimer in Japan?», frage ich unseren Concierge am Abend. «Die  wurden aus  Sicherheitsgründen  1995  nach  dem  Giftanschlag der Aum-Sekte abmontiert», erklärt er. Und was machen die Menschen jetzt mit ihrem Müll? «Den nehmen sie  natürlich mit nach Hause», sagt er und nimmt meinen Pappbecher von Starbucks, den ich seit dem Morgen mit mir herumschleppe, entgegen und verbeugt sich dabei tief.

«Tanoshii». Lustig, dieses Japan.

Ein Anruf im September 2017. „Stephanie, you have to come to Rome“, rief mir Stefano Barbini euphorisch entgegen. So aufgekratzt hatte ich meinen langjährigen Freund, den Eigentümer der San Lorenzo Lodges, noch nie erlebt. Er konnte es nicht abwarten, dass ich mich ins nächste Flugzeug setzen würde, um mir seine neueste Entdeckung anzuschauen: „Das Liebesnest von Papst Innozenz X.“

Zwei Tage später stand ich in dem 350 Quadratmeter großen Apartment im 1. Stock in einem Prachtbau an der Piazza Navona. Ich staunte über die barocken Deckenfresken, die rosafarbenen Marmorsäulen die die Türen umrahmten, war verzaubert von dem Blick aus den 4,5 Meter hohen Fenstern auf den vielleicht schönsten Platz Roms. Ansonsten war das historische Gemäuer ziemlich herunter gewirtschaftet und abgewohnt. Doch trotz der Beleuchtung aus gleißend hellen Röhrenlampen und den ockerfarbenen Hochglanz-Fliesen im Bad konnte man sofort sehen: Dieser Ort ist außergewöhnlich!

1470 hatte ein gewisser Antonio Pamphilj das Haus im Zentrum der Ewigen Stadt gekauft. Sein Nachfahre war Giovanni Battista Pamphilj. Als dieser 1644 zum Papst gekürt wurde und den klangvollen Namen Innozenz X. wählte, gab er den Auftrag, das Anwesen auszubauen. Es sollte ein Symbol für die Macht seiner Familie sein und sein privater Rückzugsort werden. Der Star-Architekt Girolamo Rainaldi errichtete die Fassade – den großen Saal und die Ovaltreppe schuf Francesco Borromini. Natürlich gab es auch eine Verbindungstür zur Sant’Agnese in Agone, die der Papst kurzerhand zu seiner Hauskirche machte. Er schätzte wohl kurze Wege.

Die Wohnung wurde ein architektonisches Meisterwerk und der Papst machte sie seiner Schwägerin Olimpia Maidalchini zum Geschenk. Man munkelt, sie war nicht nur die Schwägerin… Ganz so „innocent“, wie der Name suggeriert, war der damals schon hoch betagte Pontifex dann wohl doch nicht.

‚Shall we buy it?’, fragten mich Stefano und seine Frau Giorgia mit glänzenden Augen. Eigentlich war die Antwort klar und die Entscheidung im Herzen schon längst gefallen. Trotzdem haben wir lange diskutiert. Wir haben versucht ganz rational und aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf das Projekt zu schauen. Schließlich wollten die beiden das Anwesen ja nicht privat nutzen, sondern es zu einem ganz besonderen, edlen Domizil für anspruchsvolle Weltenbummler restaurieren.

Am Ende des Abends, bei Fisch und frittierten Artischocken, in einem kleinen Restaurant im jüdischen Viertel von Rom, erschien uns das Palast-Projekt dann fast als eine logische Konsequenz. Das Paar betreibt mit seiner Lodge „White Deer“ in den Südtiroler Alpen und der „Blue Deer“, einem edlen Katamaran auf dem sie ihre Gäste durch das Mittelmeer schippern, schon zwei sehr erfolgreiche Projekte. Das „Holy Deer“ wäre da die perfekte Ergänzung.

Kaum ein Jahr später, Anfang Oktober 2018, verbringe ich die erste Nacht in den päpstlichen Gemächern. Ja, wie soll ich es richtig beschreiben? Opulent, unglaublich erlesen im Detail und völlig anders als ich es erwartet hatte. Für mich die wohl außergewöhnlichste „Suite“ Europas.

Warum? Wie mittelalterliche Alchimisten haben Giorgia und Stefano in dem Palazzo ihren Traum von Zeitlosigkeit, Schönheit und Perfektion verwirklicht und das Apartment mit viel Herzblut in die Gegenwart versetzt. Dabei sind die beiden Italiener zwei Menschen, die keine Kompromisse akzeptieren. Jede Tapete, jede Gardine, jede Wandverkleidung, jedes Möbelstück hat eine eigene bewegte und oft bewegende Geschichte.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Ankleidezimmer ist eine Hommage an Giorgias Großvater. Ihr Opa, Gaetone Savini, war der Gründer des Modelabels Brioni, das bis heute die wohl exklusivsten maßgeschneiderten Herrenanzüge der Welt produziert. Giorgia hatte die fixe Idee, die Schränke mit dem Innenfutter der ersten Brioni-Anzüge auszukleiden. Das erschien zunächst ganz und gar unmöglich. Nirgendwo war viel mehr als ein halber Meter aufzutreiben. Aber Giorgia hat nicht aufgegeben und schließlich einen Stoffhändler aufgetan, der eigentlich schon in Rente war. Gerührt von ihrem Enthusiasmus, stöberte er für sie auf seinem Dachboden und fand einen Ballen des grauen Kaschmir-Stoffes.

Besonders ist auch die Geschichte des Esstisches, dessen Platte mit wundervollen Intarsien aus buntem Marmor verziert ist. Ihn entdeckten die Barbinis im Laden eines 82-jährigen Antik-Händlers in den Gassen von Rom. Als der alte Herr den Tisch lieferte und die eindrucksvollen Hallen im Palazzo sah, liefen im die Tränen über die Wange. Bei dem verarbeiteten Marmor für die Intarsien handele es sich nämlich nicht um gewöhnliche Steinreste, erklärte der Signore. Noch in seiner Kindheit habe dieser antike Marmorbruch überall in der Stadt verteilt herum gelegen. Am Straßenrand, zwischen Mauersteinen, in Innenhöfen und Gärten. Und es war die Aufgabe der Handwerker-Kinder diese Steinchen zu sammeln, damit ihre Väter sie als kostenloses Material in ihren Möbeln weiter verarbeiten konnten. Der Antik-Händler selber hatte einst als Bambino die Steinreste für solche besonderen Tische gesucht. Und dass dieser antike Tisch jetzt seine Bestimmung im neu erstrahlten „Papst-Palazzo“ gefunden hat… diese Ehre stimmte ihn wirklich sentimental.

Und dann gibt es da noch den Yamaha Flügel, den Stefano gekauft hat. Nicht irgendein Piano, sondern ein so genanntes Disklavier. Das kann nicht nur ganz allein tausende Titel spielen, es kann auch live übertragen. Also angenommen Sie wären mit Elton John befreundet und der will Ihnen ein Ständchen zum Geburtstag spielen während Sie im Holy Deer residieren, dann ist das kein Problem. Sie beide müssen sich einfach zeitlich verabreden und Sie müssen nur den Deckel hochklappen. Dann kommt Elton John live aus Nizza oder New York zu Ihnen in den Palazzo, die Tasten bewegen sich wie von Gottes Hand.

Ich könnte noch seitenlang über jedes Detail dieser ungewöhnlichen Suite berichten… Das Ehepaar Barbini hat schlichtweg etwas Einzigartiges geschaffen. Als ich nach meiner ersten Nacht im „Holy Deer“ die übergroßen Flügelfenster zur Piazza Navona öffne, ist mir so herrschaftlich zumute, dass ich kurz überlege, eine morgendliche Ansprache von dem kleinen steinernen Balkon an das Volk zu halten.

Aber um sieben Uhr morgens ist Rom noch nicht erwacht. Ich schenk mir einen dampfenden Kaffee ein und schaue vom ‚Papstbalkon’ über die menschenleere Piazza. Da geht das Kopfkino sofort los. 46 v. Chr. war hier ein Stadion, über 30.000 Zuschauer hatten in dem Oval Platz. Später wurden auch Gladiatorenkämpfe ausgerichtet. Da muss es hoch her gegangen sein. Heute Morgen ist es eher ruhig und beschaulich. Ein paar ältere Damen führen ihre Hunde aus und unter meinem Balkon lässt ein Personal Trainer zwei blonde Grazien Gewichte stemmen.

Einen Kaffee und einen Orangensaft später hält die Realität Einzug. Punkt 08.15 Uhr kommt von links die erste Touristengruppe, angeführt von einem roten Regenschirm, auf der Piazza an. Alle haben einen Kopfhörer auf, gestikulieren laut auf spanisch. Scheinen Südamerikaner zu sein. Um 8.20 Uhr, die nächste Gruppe von rechts, die auf den berühmten Vierströmebrunnen zusteuert. Diesmal ist der Regenschirm grün und die Reisenden kommen offenbar aus Asien. Dann noch mehr Schirme und Fähnchen, bis ich den Überblick verliere. Ein verrücktes Schauspiel, das mich aus der sicheren Entfernung amüsiert. Innerhalb von 15 Minuten füllt sich der Platz mit Menschen.

Um 8.30 Uhr richtet ein Japaner seine Kamera auf mich. Ich beschließe, dass es Zeit ist für ein Bad im Whirlpool. Den haben die Barbinis an die Stelle gebaut, an der sie den ehemaligen Durchgang zur Sant’Agnese in Agone vermuten. Auch ein Ort der Ruhe und der Reinigung.

Ein heißer Sommertag im Jahr 1992: Ich erinnere mich daran, dass der Notar schwitzte, da es ihm einfach zu warm war – mir war es eher mulmig zumute; die Unterschrift etwas zittrig. C&M war auf den Weg gebracht, der erste Reiseveranstalter in Deutschland für ‚Luxusreisen‘. Ganz schön kess damals, so gab mir die Branche nur ein halbes Jahr und dazu einen Spitznamen: Enfant terrible. Jetzt sind es 25 Jahre, heute nennen sie mich: die eiserne Lady :-)

What to say? Es waren aufregende, wunderbare Jahre, die Welt wurde mehrfach umrundet, das ungeschriebene Buch der Anekdoten hat bereits mehrere Ausgaben. Hätte ich damals gewusst, wie sehr diese Unterschrift mein Leben verändert, dann hätte ich sie mit ruhiger Hand mehrfach auf den Gesellschafter Vertrag gesetzt.

Einige von Ihnen sind seit 1992 mit mir verbunden: Sie haben miterlebt, wie dieses kleine Unternehmen sich entwickelt hat und gewachsen ist, Sie haben auch die kleinen Krisen überstanden, unter anderem den Babyboom im Team. Ich bekomme die Namen aller Mitarbeiter noch zusammen, aber es waren schon ein paar, die kamen und gingen. Dennoch haben wir hier noch mehr Jubiläen von 19, 18 und 17 Jahren Betriebszugehörigkeit. Sieht so aus, als wäre es ganz gut gelaufen.

Ihnen, unseren Weltenbummlern, die uns seit damals oder seit neuestem Ihre wichtigste Zeit im Jahr anvertrauen, möchte ich persönlich danken. Sie sind mein Antrieb: Ihre Freude, Ihr Vertrauen und das ein oder andere persönliche Wort waren immer meine Motivation.

Und, ich möchte mich auch bei allen Mitarbeitern bedanken, die mich einen Teil der Reise begleitet haben oder auch noch heute zu meinem Team gehören: Sie sind und waren immer das Kapital meines Unternehmens, außerdem sind und waren sie für mich – entgegen allen Managementregeln – nie Angestellte, sondern immer eine erweiterte Familie.

Jetzt denke ich darüber nach, wie sich C&M auch die nächsten 10 Jahre oder vielmehr im Zeitalter von Internet und VIP-Travel im ‚Supermarkt‘ aufstellt. Ganz einfach, wir machen es so wie bisher: Erst wird beraten, dann kalkuliert.

Stoßen Sie In diesem Sinne mit mir an – auf ein Vierteljahrhundert bunte Welt.

Herzlichst Ihre
Stephanie Elingshausen