Bitte immer schön lächeln – Japan für Fortgeschrittene

Japan ist ein Land der Perfektionisten. Nirgendwo sind die Parks so aufgeräumt, die Strassen so sauber und das Essen auf dem Teller so akkurat angerichtet wie hier. Selbst der Vulkankegel des heiligen Mount Fuji ist so perfekt geformt, dass er einmalig auf der Welt ist. Das ist faszinierend – aber manchmal ist der japanische Lifestyle auch einfach nur maximal verwirrend.

Ein spannender Roadtrip von Osaka bis Tokio.

Auf dem Bahnsteig an Gleis 2 steht ein Mann in dunkelblauer Uniform und regt sich nicht. Die Hände stecken in weissen Handschuhen und sind akkurat an die  Hosennaht  gelegt,  seine Füsse hat er parallel zu den grauen Fugen der Fliesen ausgerichtet. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen  starrt er auf die Anzeigentafel neben der Rolltreppe. 14:00 Uhr. Die S-Bahn fährt pünktlich ein, der Mann dreht sich um 90 Grad. Als wir einsteigen, verbeugt er sich tief. Auch die anderen Passagiere, die an diesem Mittag vom Flughafen Osaka in die Stadt fahren wollen, werden so formvollendet verabschiedet. Einer nach dem anderen steigt ruhig und ohne zu drängeln in den Zug. So haben wir es uns vorgestellt. Japan – das Land, wo Höflichkeit, Respekt und Pünktlichkeit die wichtigsten Säulen der Gesellschaft sind. Die Türen schliessen und wir sind froh, dass wir auch ohne englische Beschilderung den richtigen Zug erwischt haben. Jetzt kann das Abenteuer beginnen. Und wir sind bereits mittendrin: Eine junge Frau läuft zügig durch das Abteil. Ihr Blick schweift über den Boden. Plötzlich bückt sie sich blitzschnell, hebt einen winzigen Papierschnipsel auf,  steckt  ihn in die Handtasche und sucht weiter.  Eine  Verrückte?  Nein,  sie ist Teil des Reinigungsteams der Bahn. Besen, Kehrblech oder Müllsack braucht sie für ihre Arbeit nicht. Hier kommt niemand auf die Idee, seinen Kaffeebecher einfach auf den Boden zu schmeissen oder seine Zeitung auf dem Sitz liegen  zu lassen – wir sind schliesslich in Japan!

Und um es gleich vorwegzunehmen, als Reisedesignerin bin ich rund hundert Tage im Jahr in der ganzen Welt unterwegs. Ich schaue,  lerne,  staune,  erlebe.  Vor  einigen  Jahren  war  ich schon einmal in Japan. Erstaunlicherweise war es  das  erste und einzige Land, in dem ich tatsächlich ein bisschen Heimweh hatte und gleichzeitig tiefste Faszination erlebte. So fremd und doch so lieblich, so irritierend, so westlich modern und im selben Atemzug unglaublich traditionell und exotisch. Es ist ein Land, das einen herausfordert.

Dieses Mal habe ich es besser geplant, ich reise nicht alleine – mit im Gepäck: Gaby Herzog, eine gestandene Journalistin. Weltenbummlerin, Weltversteherin und viel geländefähiger für eine Kultur, die mir so  total  fremd  ist.  Gaby  war  noch nie in Japan und ist total aufgeschlossen und voller Vorfreude. Eine perfekte Kombi: Ich bin zuständig für die Logistik und das Erleben, sie für den kulturellen und geschichtlichen Background und für die Völkerverständigung. Unsere Route führt uns in zwei Wochen von Osaka bis nach Tokio. Und zwar auf eigene Faust, mit dem Mietwagen. Auf diese verwegene Idee kommen in Japan wohl nur wenige Touristen. Wie exotisch das Vorhaben ist, uns hier in den Verkehr zu stürzen, merken wir auch schon an der Reaktion der Dame bei der Autovermietung.

Als wir mit unseren Koffern über den Parkplatz auf ihren Bürocontainer zurollern, kichert sie verlegen, schliesslich spricht sie kaum englisch. Das Übernahmeprotokoll ist auf Japanisch (jetzt kichern wir verlegen und unterschreiben)  und auch das Navigationsgerät in unserem Toyota lässt sich nur bedingt auf Englisch umstellen. Die Knöpfe, auf denen vermutlich «O. K.», «alternative Route» und  «Lautstärke» steht, sind mit japanischen Zeichen beschriftet. Gut, dass wir vorher eine Offline-Karte auf unsere Handys geladen haben.

Beschwingt davon, dass wir so gut vorbereitet sind und vielleicht auch noch nicht ganz zurechnungsfähig wegen des Jetlags, machen wir uns auf den Weg.  Unser  erstes  Ziel  ist die private Villa von Mr. Matsubayashi, zwei Stunden Fahrt von Osaka entfernt. Orte wie diese gibt es in Japan nur  selten. Das Bauernhaus mit  einem  traditionellen  Schilfdach liegt in den Bergen,  in  der Nähe  von  Nara.  Vor  dem  Haus ist ein wunderschöner japanischer Garten angelegt. Der Kies rund um die kleinen, knorrigen Kiefernbäume ist akkurat geharkt. Vor dem Teehaus gurgelt ein Wasserspiel, im Hintergrund Berge, die zum Ende des Jahres  in  das  prächtige Rot des Fächerahorns gefärbt sind. Der Herbst ist nach der Mandelblüte im Frühjahr wohl die schönste Reisezeit.

Herr Matsubayashi bittet uns die Schuhe vor der Tür auszuziehen und reicht feierlich zwei Kimonos und seidene Tobi-Socken (Fäustlinge für die Füsse).  Auf  denen  sollten  wir im Wohnzimmer laufen, während es im WC unverzichtbar sei, ausserdem in die dort bereitstehenden  Badschuhe  zu schlüpfen. Das Einhalten der alten Bräuche ist unserem Gastgeber ein tiefes Anliegen. Herrn Matsubayashi und der Völkerverständigung zuliebe quetsche ich mich also brav in Schuhgrösse 36 (41 wäre passender) und tipple in kleinen Schritten durchs Bad. Das Herz unserer Unterkunft ist das Wohn- und Schlafzimmer mit einer «Irori»-Feuerstätte. Die Einrichtung ist einfach und reduziert. Westliche  Designideen hat der Hausherr bewusst ferngehalten. «Es  geht  um die Balance von Zivilisation und Natur, Stadt und Land, Fortschritt und Glück», erklärt er. «Hier soll der Geist die Möglichkeit haben, zur Ruhe zu  kommen.» Der  Boden  ist  mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die einen angenehmen Duft verströmen. Die Wände sind aus Lehm und die Türen mit Papier bespannt. Es gibt weder Stühle noch ein Sofa und  sogar das Bett fehlt. Matsubayashi interpretiert meinen  suchenden Blick richtig: «Keine Sorge, die Futons liegen im Schrank da drüben und werden abends für Sie ausgerollt.»

In den nächsten Tagen weisen uns Herr Matsubayashi und seine Frau in die japanische Lebensart ein. Dazu gehört natürlich Shabu Shabu – japanischer Feuertopf. Über den glühenden Kohlen, die auf den Sand in der Feuerstelle im Wohnzimmer geschüttet werden, wird eine heisse Brühe gekocht. Mit unseren Stäbchen nehmen wir hauchdünn geschnittenes Rinderfilet von einem Teller und tauchen es in die aromatische Suppe. «Schwing hin, schwing her – Shabu Shabu»,  nach zwei Sekunden ist das Fleisch gar und wird in würzige Sesamsauce getunkt. Dazu gibt es Gemüse und Pilze. Ein leichtes und extrem leckeres Abendessen!

Am Morgen müssen wir früh raus. Unser Gastgeber ist praktizierender Yamabushi-Mönch und hat angeboten, uns an die heiligen 48 Wasserfälle von Akame zu führen. Die Wanderung im Frühnebel, entlang des Flusses, beginnt er mit einem kräftigen Stoss in das Horagai, das grosse Muschelhorn. Mit diesem tiefen, mystischen Ton, der noch lange an den Felswänden widerhallt, begrüsst Mr. Matsubayashi den Wald. Dann spricht er leise seine Sutras, die uralten Ferse.

Wir sind wie verzaubert von  diesem  spirituellen  Ausflug und sehen unseren Gastgeber mit neuen Augen. Er eröffnet uns Einblick in ein Japan, wie es die meisten Japaner schon nicht mehr kennen. Unser Staunen  ist  für  Herrn  Matsubayashi  ein  Ansporn. Am Abend reserviert er einen Tisch in einem Restaurant im Nachbarort. Der Sushimeister dort ist sein Freund. Für die Gäste aus Deutschland legt auch er sich  richtig  ins  Zeug.  Zwei Stunden lang landen fischige Delikatessen auf meinem Teller, vom Lachs über den Butterfisch bis zur Seegurke. Jeder Happen ist ein optisches und lukullisches Kunstwerk. Eigentlich bin ich kein grosser Fan von rohem  Fisch,  aber  hier mache ich eine Ausnahme. Erst als der Koch mit einem Köcher einige Garnelen aus dem Bassin holt und ihnen vor meinen Augen den Kopf abtrennt, verlässt mich mein kulinarischer Mut. Als der kopflose Leckerbissen dann auf meinem Teller zappelt und fast vom Reishäufchen hüpft, ist bei mir Schluss. Unauffällig bugsiere ich ihn auf den Teller meiner Mitreisenden. Ich möchte durch meine plötzliche Appetitlosigkeit niemanden verletzten. Gaby ihrerseits zuckt keine Sekunde, lächelt erfreut und rettet mich mit  einem  Happs  aus der Situation.

Nach zwei Tagen machen wir uns auf den Weg nach Kyoto, der alten Kaiserstadt. Auch hier ist alles so sauber und aufgeräumt, dass man immer den Eindruck hat, man wäre in eine perfekte kleine Spielzeugwelt geschrumpft worden. Am späten Nachmittag schlendern wir durch die Gassen von Gion. In diesem Stadtteil sollen die Geishas wohnen. In der Dämmerung machen sich die Frauen im Kimono, schwarzer Echt- haarperücke und den schneeweiss geschminkten Gesichtern auf den Weg zur Arbeit. Ihr Jobprofil lässt sich am ehesten mit Gesellschaftsdame übersetzen. Sie unterhält Männer beim Abendessen, auf Partys und bei Cocktail – Empfängen, animiert sie zu Trinkspielen, spielt die Langhalslaute. Das kostet rund 3’000 bis 5’000 Euro pro Person an einem Abend. Auch wenn man bei den Preisen andere Erwartungen haben könnte – mit Prostitution hat das angeblich nichts zu tun. Aber mit Emanzipation auch nicht … Vielleicht ist das der Grund, warum es heute nur noch 200 Geishas in Kyoto gibt? Früher sollen es fast 18’000 gewesen sein.

Fakt ist: wir sehen keine. Mehrfach schon haben wir unsere Handykameras gezückt, weil eine Frau im Kimono auf ihren (extrem unbequemen) Holzpantilen an uns  vorbeitippelt. Aber schnell erkennen wir, dass es sich dabei um Touristinnen handelt, die sich für rund 3’000 Yen (24 Euro) in einem der vielen Kostüm-Verleihe für ein paar Stunden in die traditionelle Tracht kleiden lassen. Am nächsten Tag sehen wir dutzende junge Damen, die so herausgeputzt sind, vor den spektakulären Sehenswürdigkeiten für ein Erinnerungsfoto posieren.

16 Tempel, Schreine und Burgen in Kyoto stehen auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Die alle zu besuchen ist für uns in der kurzen Zeit unmöglich. Darum lassen wir Herrn Watanabe, unseren Guide, die Auswahl treffen. Er bringt uns zur Goldenen Pagode, zur Pagode des Ninna-ji Tempels und zum Zen-Tempel Ryõan-ji mit seinem berühmten Steingarten, über den schon Queen Elizabeth besonders «amused» gewesen sein soll. Grossartig! Hochkultur!

Leider sind all diese Orte  sehr  voll.  Den  Japanern  macht das nichts aus. Während wir Westler uns  gerne  der Illusion hingeben, wie Robinson Crusoe als erste Besucher einen Ort zu entdecken, ist  das  bei den  Japanern  ganz  anders. Die Anwesenheit besonders vieler Touristen ist für sie ein Zeichen dafür, dass es sich um eine besonders spektakuläre Sehenswürdigkeit handeln muss, und die will man sich natürlich ansehen. Dass es voll ist, wird also positiv gewertet, als «tanoshii». Das bedeutet so viel wie «lustig» und ist eine besondere Auszeichnung.

Ein paar Stunden lang bewegen wir uns, ganz japanisch «lustig» mit dem Strom. Im Bambushain von Arashiyama ist Mr. Watanabe sogar in der Lage, ein Foto von mir zu machen, das Waldeinsamkeit suggeriert, obwohl sich die  Besucher  hier  auf die Füsse treten. Aber irgendwann reicht es. Pause bitte!

Herrn Watanabe wundert unser Ruhebedürfnis zwar, aber hat sofort eine Idee. Fünf Minuten später halten wir auf dem einsamen Parkplatz des Otagi-Nenbutsu-ji-Tempels. Kein Mensch weit und breit. Dafür begrüssen uns die freundlichen Blicke hunderter kleiner, aus Stein gehauener Buddhas, von denen einer verrückter aussieht als der andere. Die kahlköpfigen Figuren gehen den unterschiedlichsten Hobbys nach. Der eine trägt einen Tennisschläger im Arm, der andere Boxhandschuhe, ein Buddha mit Brille liest, der daneben spielt Saxophon.

Dieser Tempel, so erklärt uns unser Guide, sei eigentlich schon zwölf Jahrhunderte alt. Doch nachdem er 1950 von einem Taifun verwüstet wurde, geriet er als Ruine in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren hatte  Kocho  Nishimura, ein buddhistischer Priester, der auch Bildhauer von Beruf war, die verrückte Idee: Er bot Gläubigen an, gegen eine Spende eine Buddhastatue für die Anlage nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Clever!

Unser letzter Stopp für den Tag ist der Fushimi-Inari-Taisha- Schrein. Er gehört zu den schönsten  Shinto-Schreinen  in ganz Japan. 794 nach Chr. wurde er errichtet und ist der Reisgöttin Inari gewidmet. Besonders markant sind seine Alleen aus tausenden «Torii», die sich  wie  ein  Lindwurm  den Berg hinaufschlängeln. Die Tore, die in warnwestenorange lackiert sind, wurden und werden bis heute von reichen Geschäftsleuten und Firmen gespendet. Sie wollen mit ihren Gaben die Götter um Erfolg bitten. Damit die Götter auch wissen, wen sie unterstützen sollen,  sind  die  Namen  der Spender auf die Hinterseite der Pfähle geschrieben. Am Wegesrand entdecken wir eine Preisliste: Das kleinste  Tor, das aufgestellt wird, kostet 175’000 Yen. Das sind umgerechnet rund 1’400 Euro – diese Summe hat man in Japan zwar schnell ausgegeben, aber dennoch entscheiden sich die meisten Besucher dann doch für ein Miniatur-Tor. Das kostet nur 10 Euro. Auf die Rückseite schreibt man seine Wünsche und hängt es an eine Stellage.

Nach drei Tagen intensiven Sightseeings wird es Zeit für Entspannung. Wir fahren in den Ise-Shima National Park und besuchen ein kleines, edles Resort, das an der malerischen Ago-Bucht liegt. Für 24 Stunden geben wir uns dem süssen Nichtstun hin, baden im warmen Thermalbecken, geniessen die malerische Küstenlandschaft.

So erholt machen wir uns dann auf den Weg zu den  Amas,  den Meerfrauen. Wir haben uns zum Mittagessen  angemeldet und betreten eine mit schwerem Rauch gefüllte Holzhütte. Vor dem offenen Feuer kniet eine Frau mit weissem Kopftuch, weisser Bluse und einem karierten Rock. Sie legt neben grossen Seeschnecken auch eine Abalone auf den Grill. Diese Seeohren» sind wegen ihres besonderen Geschmacks und  der wunderschön schimmernden Perlmutt-Schale eine ganz besondere Delikatesse.

Masume Mihara hat sie selber geerntet. Die 70-Jährige ist aktive Apnoetaucherin. Jeden Morgen schwimmt  sie  mit ihren Kolleginnen raus aufs offene Meer und macht sich – ohne Sauerstoffflasche – auf die Suche. Bis zu 20 Meter tief können diese Frauen tauchen, einige halten die Luft bis zu eineinhalb Minuten an. Faszinierend! Warum Männer traditionell nicht nach Abalonen tauchen, wird  einfach  erklärt.  Sie haben weniger Körperfett, heisst es, da können sie die Kälte schlecht vertragen.

Nach dem vorzüglichen Essen beginnen die Amas rund um die Feuerstelle zu tanzen. Ich mache mir so meine Gedanken, ob diese betagten Damen tatsächlich da noch jeden Morgen rausschwimmen. Oder ist auch das, wie die Geishas, eine aussterbende Zunft, die hier eigentlich nur noch für den Touristen am Leben gehalten wird? Die Frage kann nicht gestellt werden – wir sind ja höflich –, also machen wir noch ein Abschiedsfoto mit den Damen in Tracht und verabschieden uns.

Unser nächster Halt ist ein Ryokan, ein traditionelles Gasthaus und ein Muss auf jeder Japanreise. Die meisten dieser edlen Häuser haben einen Onsen, eine heisse Badestelle mit Wasser aus einer Thermalquelle. Japan liegt auf dem pazifischen Vulkangürtel und hat alleine 110 noch aktive Feuerberge, daher finden sich diese Onsen fast überall im Land.

Das Empfangskomitee hockt auf Knien und ist beim Ausziehen der Schuhe behilflich, alles clean und unfassbar aufgeräumt. Später bringt uns das  Zimmermädchen  grünen  Tee in einer eisernen Kanne. Als sie eine Packung Zigaretten auf dem Tisch liegen sieht, erklärt sie uns höflich, dass auf der Terrasse Rauchverbot sei. Rauchen nur im Zimmer. Aha. Das habe ich ja noch nie gehört. Aber in Japan  wundert  mich nach neun Tagen nur noch wenig. Die Japaner ticken einfach anders als alle Völker, die ich auf meinen Touren erlebe. Das mag auch daran liegen, dass Japan erst  seit  der  Meiji-Ära,  vor 150 Jahren, Fremde auf die Insel lässt. In der Abgeschiedenheit vom Weltgeschehen haben sich viele eigene Regeln herausgebildet.

Nur ein Beispiel: Gastgeschenke. Die haben grösste Bedeutung. Dabei ist die Verpackung mindestens so  wichtig  wie der Inhalt. Nicht zuletzt deswegen, weil Geschenke nie  vor den Augen des Gastes ausgepackt werden. Das wäre unhöflich. Verschenkt werden neben Süssigkeiten  handgeschnitzte Zahnstocher, schönes Papier und blank polierte Riesenäpfel, die umgerechnet rund 20 Euro kosten (ein Apfel, nicht eine Kiste). Gut zu wissen ist auch, dass Präsente nie in weisses Papier gepackt werden. Die Farbe steht für Trauer. Auch Schleifen bringen Unglück, genau wie die Zahl Vier.

Fettnäpfchen gibt es in Japan so viele wie Regeln. Jede Begegnung in diesem Land ist wie ein ritualisierter Tanz mit höflichen  Verbeugungen,  Handbewegungen,  viel  Lächeln und immer wieder denselben Floskeln.  Japaner  betten  ihren Alltag in einen einzigen grossen Klangteppich aus Höflichkeiten. Für diese Art des perfekten Betragens gibt es ein Wort: «majime». Menschen, die «majime» sind, leben eine Mischung aus Perfektionismus und einem Saubermann- Image. Sie spielen stets nach den Regeln und versuchen, alles so exakt wie möglich zu tun.

In einem Onsen gibt es natürlich auch viel zu beachten. Tätowierte haben generell keinen Zutritt. Die Körperbilder sind in Japan das Erkennungs-Zeichen der Yakuza, der japanischen Maffia, und deswegen stockt braven Bürgern schon beim Anblick einer Rose am Bauchnabel der Atem …

Die Prozedur im Bad beginnt mit einem Reinigungsritual. Man sitzt auf Schemelchen und schrubbt sich, bis die Haut rot ist, und dann erst geht es ab in die kochend heisse Quelle. Ganz, ganz langsam lasse ich mich zentimeterweise ins Wasser gleiten. Zwei ältere Japanerinnen mit Duschhaube, die bereits im Onsen sitzen, lächeln mir aufmunternd zu. «This is like Shabu Shabu», sage ich, als ich eintauche. Die Damen stutzen kurz, dann prusten sie los und können sich vor Lachen kaum halten. Obwohl sie kein Wort Englisch sprechen – das haben sie verstanden.

So entschleunigt sind wir gewappnet für Tokio. Diese Megacity ist wie eine Geburtstagskarte mit Musik: Das Gedudel ist faszinierend und doch ist man froh, wenn man sie zwischendurch einmal zuklappen kann. Entsprechend wichtig ist,  dass  hier die Unterkunft stimmt. Für uns ist es das Mandarin Oriental. Wie in einem Adlerhorst thront man im 25. Stock über der Stadt. Von hier hat man einen grandiosen Weitblick bis zum heiligen Berg Fuji und kann sich immer wieder runter ins Getümmel stürzen.

Nach Shibuya zum Beispiel. Dort gibt es die berühmte Kreuzung, die die meisten schon einmal zumindest  im  Fernsehen gesehen haben. Bei Grün dürfen hier die Fussgänger aus allen Richtungen gleichzeitig gehen. Das müssen wir uns natürlich ansehen. Am besten vom Starbucks Café im ersten Stock aus. Das ist kein Geheimtipp, sondern  hier  tummeln sich die Touristen. Kurz meldet sich meine kleine Klaustrophobie. Aber Gaby ist begeistert: «Das ist ja mal wieder richtig  ‹tanoshii›», stellt  sie  fest  und  zieht  mich  mit  in  das «lustige»  Getümmel.  Ich entspanne  mich  und  versuche  die Nummer mit japanischen Augen zu sehen. Das hilft. Je mehr Menschen da sind, desto grösser die Attraktion. Mit dieser Einstellung kann man dem quirligen Irrsinn tatsächlich etwas abgewinnen …

Als wir rausgehen, warten dort vor der Ampel zwölf Gokarts mit tuckernden Motoren. Die Fahrer tragen Tierkostüme, winken, hupen, machen Selfies … eine Stadtrundfahrt der anderen Art. Wir biegen in eine Seitenstrasse ab und landen im nächsten Rummel. Da gibt  es  Automatenläden  wie  auf  der Kirmes. Hier kann man seine Geschicklichkeit trainieren und versuchen, mit einer ferngesteuerten Zange ein riesiges gelbes Pokémon aus dem Glaskasten zu befreien. Im Laden nebenan stehen 100 Automaten. Anstelle von Kaugummis kann man hier so sinnvolle Dinge wie Hüte für Katzen oder Handyanhänger mit kleinen Sumoringern in Raumanzügen ziehen. Die Angebote richten sich nicht etwa an Kinder – die man in dem Land mit einer der  niedrigsten  Geburtenraten der Welt eh nur selten sieht –, sondern an Erwachsene.

Auch im Katzencafé – keine Kinder. Hier  muss  man  nicht  nur seine Getränke zahlen, sondern auch die Besuchszeit. Zehn Minuten zwei  Euro.  Schnell  ziehen wir  die  Schuhe aus, desinfizieren die Hände und dürfen dann mit  einer  Schar Katzen (sehr edel, sehr gelangweilt) in einem Raum sitzen. Wer die Miezen füttern will (kostet 5 Euro extra), der bekommt eine Schürze und Brekkies. «Müssen wir keine Handschuhe tragen?», fragt eine Frau. Nein, muss sie nicht. Die trägt man nur im Igelcafé …

Herrlich verrückt, dieses Tokio! Im Lift bemerkt Gaby, in den anderen Etagen gibt es noch mehr Cafés. Wir fahren  bis nach ganz oben. Im sechsten Stock landen wir in einem «GunCafé». Dort trinkt man seine Cola und isst Pizza, zwischendurch stehen die Gäste auf, gehen hinter eine Glaswand und schiessen mit einer Pistole  auf  einen  Pappkameraden.  Im fünften Stock: das Hospital Café. Die Bedienung trägt einen sehr kurzen, weissen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. In der vierten Etage ist  eine  kleine  Bühne  aufgebaut, auf der stehen sieben Mädchen, die tanzen und singen. Davor 50 Männer im Alter von 18 bis 80, die singen mit, tanzen die Figuren nach und haben Leuchtstäbe in der Hand, wie die Flugzeugeinweiser am Rollfeld. Damit feuern sie die jungen Damen an. What a World, Samstagmittag um 14.00 Uhr. Als die Autogrammstunde beginnt, flüchten wir in den Aufzug.

Im klassischen Sinne schön ist die Stadt nicht. Immer wieder wurde sie durch Feuersbrünste, Erdbeben und Bombenangriffe im 2. Weltkrieg zerstört. Alte Gebäude gibt es kaum. Aber dafür gefühlt alles andere. «Tokio ist ein Mosaik aus einigen grossen und unzählig vielen kleinen Steinchen. Wie man das Bild zusammensetzt, bleibt einem selbst überlassen.» Diesen Satz habe ich in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er stimmt. Das Nebeneinander von Subkultur und Hochkultur (Kaiserpalast, Asakusa-Tem- pel Sensoji, Nationalmuseum) ist atemberaubend. Selten sind so gebündelt so viele unterschiedliche Erfahrungen auf mich eingeprasselt, selten habe ich so viel gestaunt und so oft den Kopf geschüttelt und so viel gelernt.

«Warum gibt es eigentlich keine öffentlichen Mülleimer in Japan?», frage ich unseren Concierge am Abend. «Die  wurden aus  Sicherheitsgründen  1995  nach  dem  Giftanschlag der Aum-Sekte abmontiert», erklärt er. Und was machen die Menschen jetzt mit ihrem Müll? «Den nehmen sie  natürlich mit nach Hause», sagt er und nimmt meinen Pappbecher von Starbucks, den ich seit dem Morgen mit mir herumschleppe, entgegen und verbeugt sich dabei tief.

«Tanoshii». Lustig, dieses Japan.

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