Sie denken die Römer waren verrückt? Dann lesen Sie mal weiter…

Ein Anruf im September 2017. „Stephanie, you have to come to Rome“, rief mir Stefano Barbini euphorisch entgegen. So aufgekratzt hatte ich meinen langjährigen Freund, den Eigentümer der San Lorenzo Lodges, noch nie erlebt. Er konnte es nicht abwarten, dass ich mich ins nächste Flugzeug setzen würde, um mir seine neueste Entdeckung anzuschauen: „Das Liebesnest von Papst Innozenz X.“

Zwei Tage später stand ich in dem 350 Quadratmeter großen Apartment im 1. Stock in einem Prachtbau an der Piazza Navona. Ich staunte über die barocken Deckenfresken, die rosafarbenen Marmorsäulen die die Türen umrahmten, war verzaubert von dem Blick aus den 4,5 Meter hohen Fenstern auf den vielleicht schönsten Platz Roms. Ansonsten war das historische Gemäuer ziemlich herunter gewirtschaftet und abgewohnt. Doch trotz der Beleuchtung aus gleißend hellen Röhrenlampen und den ockerfarbenen Hochglanz-Fliesen im Bad konnte man sofort sehen: Dieser Ort ist außergewöhnlich!

1470 hatte ein gewisser Antonio Pamphilj das Haus im Zentrum der Ewigen Stadt gekauft. Sein Nachfahre war Giovanni Battista Pamphilj. Als dieser 1644 zum Papst gekürt wurde und den klangvollen Namen Innozenz X. wählte, gab er den Auftrag, das Anwesen auszubauen. Es sollte ein Symbol für die Macht seiner Familie sein und sein privater Rückzugsort werden. Der Star-Architekt Girolamo Rainaldi errichtete die Fassade – den großen Saal und die Ovaltreppe schuf Francesco Borromini. Natürlich gab es auch eine Verbindungstür zur Sant’Agnese in Agone, die der Papst kurzerhand zu seiner Hauskirche machte. Er schätzte wohl kurze Wege.

Die Wohnung wurde ein architektonisches Meisterwerk und der Papst machte sie seiner Schwägerin Olimpia Maidalchini zum Geschenk. Man munkelt, sie war nicht nur die Schwägerin… Ganz so „innocent“, wie der Name suggeriert, war der damals schon hoch betagte Pontifex dann wohl doch nicht.

‚Shall we buy it?’, fragten mich Stefano und seine Frau Giorgia mit glänzenden Augen. Eigentlich war die Antwort klar und die Entscheidung im Herzen schon längst gefallen. Trotzdem haben wir lange diskutiert. Wir haben versucht ganz rational und aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf das Projekt zu schauen. Schließlich wollten die beiden das Anwesen ja nicht privat nutzen, sondern es zu einem ganz besonderen, edlen Domizil für anspruchsvolle Weltenbummler restaurieren.

Am Ende des Abends, bei Fisch und frittierten Artischocken, in einem kleinen Restaurant im jüdischen Viertel von Rom, erschien uns das Palast-Projekt dann fast als eine logische Konsequenz. Das Paar betreibt mit seiner Lodge „White Deer“ in den Südtiroler Alpen und der „Blue Deer“, einem edlen Katamaran auf dem sie ihre Gäste durch das Mittelmeer schippern, schon zwei sehr erfolgreiche Projekte. Das „Holy Deer“ wäre da die perfekte Ergänzung.

Kaum ein Jahr später, Anfang Oktober 2018, verbringe ich die erste Nacht in den päpstlichen Gemächern. Ja, wie soll ich es richtig beschreiben? Opulent, unglaublich erlesen im Detail und völlig anders als ich es erwartet hatte. Für mich die wohl außergewöhnlichste „Suite“ Europas.

Warum? Wie mittelalterliche Alchimisten haben Giorgia und Stefano in dem Palazzo ihren Traum von Zeitlosigkeit, Schönheit und Perfektion verwirklicht und das Apartment mit viel Herzblut in die Gegenwart versetzt. Dabei sind die beiden Italiener zwei Menschen, die keine Kompromisse akzeptieren. Jede Tapete, jede Gardine, jede Wandverkleidung, jedes Möbelstück hat eine eigene bewegte und oft bewegende Geschichte.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Ankleidezimmer ist eine Hommage an Giorgias Großvater. Ihr Opa, Gaetone Savini, war der Gründer des Modelabels Brioni, das bis heute die wohl exklusivsten maßgeschneiderten Herrenanzüge der Welt produziert. Giorgia hatte die fixe Idee, die Schränke mit dem Innenfutter der ersten Brioni-Anzüge auszukleiden. Das erschien zunächst ganz und gar unmöglich. Nirgendwo war viel mehr als ein halber Meter aufzutreiben. Aber Giorgia hat nicht aufgegeben und schließlich einen Stoffhändler aufgetan, der eigentlich schon in Rente war. Gerührt von ihrem Enthusiasmus, stöberte er für sie auf seinem Dachboden und fand einen Ballen des grauen Kaschmir-Stoffes.

Besonders ist auch die Geschichte des Esstisches, dessen Platte mit wundervollen Intarsien aus buntem Marmor verziert ist. Ihn entdeckten die Barbinis im Laden eines 82-jährigen Antik-Händlers in den Gassen von Rom. Als der alte Herr den Tisch lieferte und die eindrucksvollen Hallen im Palazzo sah, liefen im die Tränen über die Wange. Bei dem verarbeiteten Marmor für die Intarsien handele es sich nämlich nicht um gewöhnliche Steinreste, erklärte der Signore. Noch in seiner Kindheit habe dieser antike Marmorbruch überall in der Stadt verteilt herum gelegen. Am Straßenrand, zwischen Mauersteinen, in Innenhöfen und Gärten. Und es war die Aufgabe der Handwerker-Kinder diese Steinchen zu sammeln, damit ihre Väter sie als kostenloses Material in ihren Möbeln weiter verarbeiten konnten. Der Antik-Händler selber hatte einst als Bambino die Steinreste für solche besonderen Tische gesucht. Und dass dieser antike Tisch jetzt seine Bestimmung im neu erstrahlten „Papst-Palazzo“ gefunden hat… diese Ehre stimmte ihn wirklich sentimental.

Und dann gibt es da noch den Yamaha Flügel, den Stefano gekauft hat. Nicht irgendein Piano, sondern ein so genanntes Disklavier. Das kann nicht nur ganz allein tausende Titel spielen, es kann auch live übertragen. Also angenommen Sie wären mit Elton John befreundet und der will Ihnen ein Ständchen zum Geburtstag spielen während Sie im Holy Deer residieren, dann ist das kein Problem. Sie beide müssen sich einfach zeitlich verabreden und Sie müssen nur den Deckel hochklappen. Dann kommt Elton John live aus Nizza oder New York zu Ihnen in den Palazzo, die Tasten bewegen sich wie von Gottes Hand.

Ich könnte noch seitenlang über jedes Detail dieser ungewöhnlichen Suite berichten… Das Ehepaar Barbini hat schlichtweg etwas Einzigartiges geschaffen. Als ich nach meiner ersten Nacht im „Holy Deer“ die übergroßen Flügelfenster zur Piazza Navona öffne, ist mir so herrschaftlich zumute, dass ich kurz überlege, eine morgendliche Ansprache von dem kleinen steinernen Balkon an das Volk zu halten.

Aber um sieben Uhr morgens ist Rom noch nicht erwacht. Ich schenk mir einen dampfenden Kaffee ein und schaue vom ‚Papstbalkon’ über die menschenleere Piazza. Da geht das Kopfkino sofort los. 46 v. Chr. war hier ein Stadion, über 30.000 Zuschauer hatten in dem Oval Platz. Später wurden auch Gladiatorenkämpfe ausgerichtet. Da muss hoch her gegangen sein. Heute Morgen ist es eher ruhig und beschaulich. Ein paar ältere Damen führen ihre Hunde aus und unter meinem Balkon lässt ein Personal Trainer zwei blonde Grazien Gewichte stemmen.

Einen Kaffee und einen Orangensaft später hält die Realität Einzug. Punkt 08.15 Uhr kommt von links die erste Touristengruppe, angeführt von einem roten Regenschirm, auf der Piazza an. Alle haben einen Kopfhörer auf, gestikulieren laut auf spanisch. Scheinen Südamerikaner zu sein. Um 8.20 Uhr, die nächste Gruppe von rechts, die auf den berühmten Vierströmebrunnen zusteuert. Diesmal ist der Regenschirm grün und die Reisenden kommen offenbar aus Asien. Dann noch mehr Schirme und Fähnchen, bis ich den Überblick verliere. Ein verrücktes Schauspiel, das mich aus der sicheren Entfernung amüsiert. Innerhalb von 15 Minuten füllt sich der Platz mit Menschen.

Um 8.30 Uhr richtet ein Japaner seine Kamera auf mich. Ich beschließe, dass es Zeit ist für ein Bad im Whirlpool. Den haben die Barbinis an die Stelle gebaut, an der sie den ehemaligen Durchgang zur Sant’Agnese in Agone vermuten. Auch ein Ort der Ruhe und der Reinigung.

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