We walk the talk

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Tischgespräch mit…

Sonu Shivdasani und Eva Malmström Shivdasani

Die Sensation damals für die weltweite Hotellerie war das eigenwillige Konzept: barefoot luxury! Und das in einer Zeit, in der Luxus ein Synonym für Hochglanz, goldene Wasserhähne und Butler mit weißen Handschuhen war. Eva und Sonu hingegen kreierten ein Inselfeeling der Freiheit, ohne Schuhe, ohne Kleiderordnung und Protokoll, mit Räumlichkeiten, die einem Fantasyfilm entsprungen sein könnten. Riesige Villen aus natürlichen Materialien gebaut, mit völlig unerwarteten «Inszenierungen»: Open-Air-Badezimmer, in denen das Waschbecken inmitten einer Teichlandschaft und die Dusche unter Palmen stehen, eine Wasserrutsche vom Schlafzimmer direkt in den XXL-Pool, bis hin zu einem Baumrestaurant, in dem das Dinner in luftiger Höhe serviert wird. Ihre Vorstellungen von Raum, Platz und Interieur waren eine einzige Überraschung. Mittlerweile sind es drei Resorts, eines in Thailand und zwei auf den Malediven, die für anspruchsvolle Weltenbummler regelmässig zum Mekka der Glückseligkeit werden.

Unsere Wege haben sich über die Jahre immer wieder gekreuzt und zu einer fruchtbaren und erfrischenden Geschäftsfreundschaft geführt. Heute wollen wir uns zusammensetzen und über Innovation und Zukunft dieser Branche sprechen und darüber, wie sich auch der Anspruch an Luxus über die Jahre verändert hat.

STEPHANIE ELINGSHAUSEN: Als ich meine Firma 1992 gründete, war die Luxushotellerie ziemlich übersichtlich; es gab die großen Ketten und einige wenige Boutique Hotels. Drei Jahre später eröffnetet ihr dann auf den Malediven dieses 5-Sterne-Resort mit Rustikal-Ambiente. Das hat erst keiner verstanden, da die Malediven damals alles andere als ein exklusives Reiseziel waren. In allen Hotels gab es zum Abendessen Gemüse aus der Dose und das Einzige, was man genießen konnte, war die sogenannte maledivische Bratwurst – also der Hummer.
Das alles hat euch nicht beeindruckt und der Erfolg über die Jahre gab euch mehr als Recht. Das Konzept von Soneva zählt bis heute zu den innovativsten und besten weltweit, obwohl ihr Luxus ganz anders definiert habt. Das heißt … benutzt ihr das Wort Luxus überhaupt noch? Es ist ja eigentlich ziemlich abgegriffen?

SONU SHIVDASANI: Das Wort gebrauchen wir eigentlich nur noch im internen Prozess. Luxus – das klingt nach Bling-Bling, Marmor-Böden und Rolls-Royce für Shoppingtouren. Für uns ist wahrer Luxus etwas, was es sonst nicht gibt, etwas, was rar und selten ist.

STEPHANIE: Und was ist selten?

SONU: Platz und eine saubere Natur, in der man durchatmen kann. Nach der «Rich List» der Sunday Times lebten noch vor 40 Jahren die meisten Reichen in ländlichen Gegenden. In England waren es überwiegend Adelige, die es sich in ihren Anwesen auf dem Land gut gehen ließen. Das ist heute eine Seltenheit. Unsere Kunden sind zu 95% Selfmademen und Städter. Sie sind es gewohnt, auf den Ledersitzen eines 7er- BMWs durch die City kutschiert und in einem Designerrestaurant von einem berühmten Chef bekocht zu werden.

EVA MALMSTRÖM SHIVDASANI: Das ist komfortabel und schön, aber das ist für sie kein Luxus – es ist ihr Alltag. Für unsere Gäste ist Soneva ein Ort der Freiheit. Sie müssen sich keine Gedanken über die Kleiderordnung machen. Schon am Bootsanleger nehmen wir ihnen die Schuhe ab und stecken diese in ein Säckchen mit der Aufschrift: «No news. No shoes.» Es ist die Abkehr von Protokoll und Zwang, von Uhrzeit und Tageszeitung. Totale Entspannung. Am besten sieht man es bei den Kindern. Ich habe heute mit einer schwedischen Mutter gesprochen, die erzählte, wie glücklich ihre Tochter hier wäre. Die Kleine ist nach dem Frühstück losgezogen und erkundet auf eigene Faust die Insel. Sie ist überall gut aufgehoben und behütet, auch ohne Kindermädchen.

SONU: Dieses Beispiel trifft den Kern: Die Welt verändert sich. Wir fühlen uns in der Stadt weniger sicher. Unsere Sicherheit muss organisiert und bezahlt werden. Die Kinder werden morgens vom Chauffeur in die Schule gefahren, von den Nannies abgeholt und betreut. Früher gab es so etwas nicht. Als ich in London groß wurde, bin ich morgens zum Unterricht gelaufen und kam nachmittags irgendwann zurück. Und diese Unkompliziertheit, das ist das Credo von Soneva.

STEPHANIE: Absolut. Und ausserdem suchen die Kunden Erlebnisse, mit denen sie ihre Köpfe und Herzen füllen. Luxus ist für sie der Inhalt, nicht mehr die Verpackung. Diesen Trend hat mittlerweile auch das Gros der Hotellerie erkannt und kopiert fleißig euer Konzept. Wie schafft ihr es trotzdem, immer noch zu den Besten zu gehören?

SONU: Mit Luxushotels ist es wie mit Laptops: Wenn sie neu sind, reißt sich jeder darum, nach drei Jahren gehören sie zum alten Eisen. Um dauerhaft attraktiv zu bleiben, muss man sich immer etwas einfallen lassen.

EVA: Sonu und ich diskutieren eigentlich Tag und Nacht über neue Wege und Ideen, manchmal streiten wir uns auch, weil einer schräger als der andere denkt. Aber letztendlich kommen immer gute Sachen dabei raus. Das Open-Air-Kino ist so entstanden, eine Riesenleinwand unter Sternen, mit gemütlichen Sitzkissen und Popcorn. Für die Kleinen haben wir eine Traumhöhle gebaut mit Kuschelnestern, Kletterbäumen, magischen Verstecken und einem eigenen Zimmer zum Krachmachen. Auch der Blick ins Universum hat uns immer fasziniert. In allen drei Resorts gibt es deshalb eine eigene Sternwarte mit einem Astrologen, der macht mit unseren Gästen – quasi zum Dessert – einen Ausflug zur Milchstrasse.

STEPHANIE: Und auf solche Ideen kommen die Mitbewerber nicht?

SONU: Bei den etablierten Ketten ist der Eigentümer meist ein großer Konzern oder ein Investmentfonds, der mit dem Hotel an sich gar nichts zu tun hat. Um das laufende Geschäft kümmert sich eine Management-Firma.

EVA: Allen Beteiligten geht es in erster Linie um Wachstum und Profit. Um den zu maximieren, werden die Ketten untereinander verkauft, sodass immer weniger Eigentümer immer mehr Hotels besitzen.

SONU: Architekten, Interior Designer und das Management wechseln zwar immer mal wieder untereinander, frischen Wind bringt das aber nicht. Auf Dauer gibt es wenig Unterschied im Produkt. Wir besitzen und managen unsere Hotels selbst. Sie sind wie unsere Babys, in die wir viel Passion, Liebe und Zeit stecken, das ist der entscheidende Unterschied.

EVA: Ganz wichtig: «We walk the talk», bei uns werden Pläne entwickelt und diese dann sofort umgesetzt.

STEPHANIE: Das verstehe ich. Trotzdem: Da ist noch mehr! Egal mit wem ich spreche, vom Gärtner bis zum General Manager, die sind irgendwie anders. Im positiven Sinne. Sie sind unglaublich herzlich, natürlich und denken in Familie. Diese «Soneva-DNA» ist bemerkenswert.

EVA: Was uns unterscheidet, ist auch unsere Philosophie. Uns ist es wichtig, den Angestellten nicht nur ein Dach über dem Kopf zu geben und ein Gehalt zu zahlen. Wir sorgen uns um sie und wollen, dass sie sich als Teil des Unternehmens fühlen. Sie sagen «Mein Hotel», oder «Mein Soneva», wenn sie über das Resort sprechen. Dieses Selbstverständnis kann man nicht in einem Workshop trainieren, es muss von Herzen kommen.

STEPHANIE: Stichwort: von Herzen. Eva, du sagtest einmal, dass du als Schwedin «grün» geboren wurdest und deshalb den nachhaltigen Gedanken in die Planung eurer Hotels eingebracht hast.

EVA: Sonu hat sich mit der Idee am Anfang ziemlich schwergetan. Aber ich habe Überzeugungsarbeit geleistet, denn mir war klar, das ist das Thema der Zukunft, zumal unser Hotel auf einer Koralleninsel, also inmitten eines besonders fragilen Ökosystems liegt. Heute steht der Schutz der Natur an vorderster Stelle. Wir sehen es als unsere Pflicht, diesen Ort zu erhalten. Sonu ist im Laufe der Jahre schon fast ein Umweltaktivist geworden – ihm kann es gar nicht grün genug sein.

STEPHANIE: Ich war gestern in eurem Recycling-Center und habe gesehen, was hier Unglaubliches veranstaltet wird. Ich habe noch nie eine so durchdachte und intelligente Lösung für Müll in einem Hotel gesehen. Ihr merkt, ich bin immer noch zutiefst beeindruckt.

SONU: Wir recyceln schon heute rund 80 Prozent unseres Mülls. Leere Glasflaschen werden eingeschmolzen und zu wunderschönen neuen Gläsern und Karaffen verarbeitet. Wir haben dafür ein eigenes Atelier auf der Insel eingerichtet und einen amerikanischen Künstler engagiert. Styroporboxen, in denen das Fleisch geliefert wird, verarbeiten wir zusammen mit anderen Abfällen zu Mauersteinen, das perfekte Baumaterial für unsere Villen.

EVA: Zweige und Abfälle aus dem Unterholz werden verfeuert und wir stellen daraus Holzkohle her, so erfolgreich, dass wir andere Hotels damit beliefern. Die Asche, die dabei anfällt, kommt als Dünger in den Kompost und beschert unserem Rucolasalat ein besonderes Aroma.

SONU: Überhaupt kommt das ganze Gemüse aus unseren Biogärten. Seit Neuestem züchten wir sogar unsere eigenen Pilze. Dafür haben wir einen Spezialisten aus Thailand eingestellt, wir nennen ihn den Pilzdoktor.

STEPHANIE: Ja, ich war in dem Laboratorium, phänomenal! Der Küchenchef geht nachmittags zum Ernten ins Gewächshaus und abends habe ich dann die Shitake-Pilze auf dem Teller. Ein einziger Genuss und das alles bio! Ist es eigentlich sehr viel teurer, ein Hotel ökologisch verantwortungsvoll zu führen?

SONU: Nicht unbedingt. Wenn man den Müll nicht einfach ins Meer schmeißt, sondern ihn fachgerecht entsorgt …

EVA: … Was unsere Mitbewerber hoffentlich gewissenhaft tun …

SONU: … Dann ist das ebenfalls mit hohen Kosten verbunden. Gerade erst haben wir neue Solaranlagen installiert. Jetzt bekommen wir unseren Strom für 11 Cent pro Kilowattstunde. Wenn wir mit Dieselgeneratoren für Energie sorgen, dann kostet uns das 20 Cent.

EVA: Ich freue mich besonders darüber, dass wir gerade eine Maschine gekauft haben, mit der wir kaltgepresstes Kokosnuss-Öl herstellen. Das Öl verwenden wir dann in der Küche und im Spa.

STEPHANIE: Früher liefen hier dauernd die Klimaanlagen. Wenn man ins Zimmer kam, musste man sich eine Jacke anziehen. Das hat mir gar nicht gefallen.

SONU: Uns auch nicht. Aber das haben viele Gäste einfach erwartet. Bei ihnen findet ein langsames Umdenken statt.

STEPHANIE: In einigen Ländern, bei Russen und vielen Asiaten ist ökologisches Denken noch nicht so weit verbreitet. Wenn sie eine Woche auf Soneva verbracht haben, verändert sich da ihre Haltung?

EVA: Der Aufenthalt hier ist für viele ein Augenöffner. Sie erkennen, dass man einige Dinge anders machen kann, ohne dabei auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Früher ging man davon aus: Wenn es luxuriös ist, dann ist es nicht nachhaltig. Das hat sich glücklicherweise verändert.

STEPHANIE: Gibt es noch eine «Bucket List»? Wünsche, die in Arbeit sind oder Ideen, bei deren Umsetzung es noch hapert?

EVA: Oh ja, wir hätten gerne Bienen, dann könnten wir unseren eigenen Honig machen und es gäbe auch mehr Blütenpracht auf der Insel. Aber das ist nicht so einfach umzusetzen. Die passenden Bienen gibt es nur in Australien, hier fehlt aber noch der Nonstop-Flug. Die fleissigen Tierchen mögen das Umsteigen gar nicht.

SONU: Work in progress, Eva, du wirst deine Bienen bekommen, versprochen!

Hmmm, ich denke, das bekommen die beiden hin, und bei meinem nächsten Besuch gibt es zum Frühstück Soneva-Honig. Mein Aufnahmegerät zeigt eine Stunde und die Zeit ist wie im Nu vergangen, denn das Ehepaar Shivdasani ist nicht nur tatkräftig, sondern auch unglaublich schnell im Denken und im Sprechen. Das ist mitreißend und inspirierend. Sie sind so euphorisch bei der Sache, dass sie sogar während unseres Gespräches spontane Ideen schnell auf Zettelchen schreiben und nebenbei auch noch unser Dinner auf der Sandbank für heute Abend organisieren. Das mit den Zettelchen ist übrigens ein Tick, der uns drei verbindet, nur dass Sonu und Eva ihn perfektioniert haben. Selbst in den Gästetoiletten, im Gym und sogar in einer eigens angenähten Tasche im Moskitonetz über dem Bett liegen Zettel und Stift für Geistesblitze bereit. Eva hat sogar einen Platz in der Dusche dafür gefunden, sie sagt, da hat sie ihre besten Einfälle.

Dieses Interview erschien zuerst in Credum – Kundenmagazin der Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe Ausgabe 5.

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